Der Lectionsplan für die Rathsschule

Von Michaeli 1823 bis Ostern 1824 / Insgesamt 226 Schüler / Fünf Abteilungen

Die erste Einbecker Schule wurde vor fast 700 Jahren eingerichtet. Die damalige Stiftschule an der Münsterkirche St. Alexandri hatte das Schulmonopol, denn der Herzog verfügte, »dass in und um Einbeck keine andere Schule sein sollte«. Die Situation änderte sich erst im 16. Jahrhundert, als sich die Reformation in Einbeck durchgesetzt hatte. Martin Luther persönlich kümmerte auf sich Anfrage des Stadtrates darum, dass in Einbeck eine weitere Schule eingerichtet wurde und schickte seinen Schüler Clemens, einen Magister der Philosophie, nach Einbeck, der dort als Rektor angestellt wurde.

Das Schulgebäude wurde beim Brand von 1826 zerstört. Von der Ratsschule steht heute nur noch das Sandsteinportal am Verwaltungsgebäude der Brauerei.
Das Schulgebäude wurde beim Brand von 1826 zerstört. Von der Ratsschule steht heute nur noch das Sandsteinportal am Verwaltungsgebäude der Brauerei.
Einbeck (wk). Das Gebäude für die neue »Rathsschule« am Neustädter Kirchplatz erwies sich bald als viel zu klein, so dass der Rat der Stadt Einbeck beschloss, die Schule abzureißen um an gleicher Stelle ein größeres Schulgebäude zu errichten. 1611 wurde die neue Schule gegenüber der alten Kirche eingeweiht – mehr als 200 Jahre sollte sie an diesem Platz stehen.

Das Gebäude der Ratsschule »besaß in seinem Innern fünf sehr geräumige Klassen«. Aus heutiger Sicht mutet die zeitgenössische Beschreibung der Raumhöhe grotesk an: »welche so hoch waren, daß bei etwa vorfallenden Executionen selbst der größte Lehrer mit der damals üblichen Haselstaude die Decke nicht berühren konnte«.
Im Sommer-Semester 1822 betrug die Gesamtzahl der »Schüler auf hiesiger Rathsschule 226«. Es gab fünf Abteilungen, die mit römischen Zahlen bezeichnet waren: V. Quinta, IV. Quarta, II. Tertia, II. Secunda und I. Prima. Der Unterricht fand an sechs Tagen in der Woche, von Montag bis Samstag, statt. In der Prima, der Oberstufe, gab es die wenigsten Schüler aber den meisten Unterricht. Die fünf Schüler bekamen wöchentlich 33 Unterrichtsstunden, von denen sie sich 22 Stunden mit den 12 Schülern der Secunda teilten. Die Tertia hatte wöchentlich 31 Stunden; die Quarta und Quinta hatte 23 Unterrichtsstunden.

Montags von 8 bis 9 Uhr gab es in der Prima und der Secunda »Declamieren«. Von 9 bis
10 Uhr stand Französisch auf dem Lectionsplan: »Grammatik und Exercitien nach Sanguin«. Diesen Unterricht erteilte der Rektor, Pastor Ahrens. In der dritten Stunde gab Schullehrer Busch »Naturlehre«. Von 11 bis 12 Uhr stand für alle Schüler der Schule unter Infimus (unterster Lateinlehrer) Gropengießer Schönschreiben auf dem Stundenplan. Nachmittags ging es für die Prima mit Griechisch weiter, die Secunda und Tertia (36 Schüler) hatten eine Freistunde. Danach erteilte Kantor Staake »Geographie nach Stein«.

Um 15 Uhr war die Schule noch lange nicht vorbei: Unter Pastor Ahrens wurden die »Orationes Ciceroni« gelernt. Erst um 16 Uhr begann die letzte Unterrichtsstunde: »Lateinische Syntax und Exercitia nach Döring« bei Kantor Staake. So ging es für die ersten beiden Abteilungen jeden Tag weiter, nur die Inhalte wechselten. Dienstags stand »Religion nach Niemeyers Lehrbuche, Französisch (Numa Pompilius von Florian, Arithmetik, Ortohraphie, Griechisch (Homers Odyssee), deutsche Styl-Übung, Gemeines Rechnen und Ovids Methamorphosen« auf dem Plan. Der Mittwochnachmittag war für alle Abteilungen frei. Für die Prima und Secunda war nach drei Stunden (Geschichte, »Geometrie nach Thilo« und »Justinus«) um 11 Uhr Schluss. Die 67 Schüler der Quarta (Leseübungen und Religion mit biblischen Geschichten) und die 106 Schüler der Quinta (Religion mit Subcantor Heinz und Syllabieren, Zusammenlesen und Tafelrechnen bei Infimus Gropengießer) hatten nur zwei Stunden. Syllabieren ist eine Lesemethode, bei der die Silben nach vorheriger Nennung der Buchstaben ausgesprochen werden.

Lediglich die Tertia musste bis 12 Uhr aushalten. Erst nach »Religion, Geographie, lateinischer Formenlehre und den französischen Anfangsgründen« konnten sie die Schule hinter sich lassen. Donnerstags gab es wieder »das volle Programm«: Die Quarta und Quinta hatte bis 15 Uhr Unterricht: Verstandes- und Gedächtnisübungen, Leseübungen, Schönschreiben, Singen nach Ziffern und noch einmal Leseübung. Für die Quarta standen statt der Leseübungen kleine deutsche Aufsätze und Lesen geschriebener Sätze auf dem Stundenplan.

Die zweite und dritte Abteilung hatte eine Stunde länger. Auf ihrem »Lectionsplan« standen Religion, Lese-Übung, »Deutsche Orthographie nach Heyse«, Schönschreiben, Gemeines Rechnen und Gemeinnützige Kenntnisse. Die Oberstufe hatte mit fast dem gleichen Verlauf wie am Montag von 8 bis 17 Uhr Unterricht. Die Prima hatte am Freitag »nur« bis 16 Uhr Unterricht. Auch heute stand wieder Ovid, Homer, Niemeyers Lehrbuch und »Florians Numa Pompilius« auf dem Plan. Die Secunda blieb bis 17 Uhr, bei ihr kamen noch Lateinische Grammatik und »Exercitia nach Gröbel« hinzu.

Auch am Samstag musste man zur Schule gehen. Die Prima hatte drei Stunden (Geschichte, Geometrie und Justinus) und die Quarta und Quinta wurden in Religion, Lese-Übungen und Verstandes-und Gedächtnisübungen unterrichtet. Für die Tertia begann das Wochenende erst samstags um 12 Uhr, nachdem ihnen Religion, »Geographie nach Olshausen«, lateinische Formenlehre und »Französisch-Anfangsgründe nach Hecker« bei den Lehrern Busch, Heinz, Gropengießer und Staake erteilt wurden. Zwei Jahre nach diesem Semester wurde die Schule zerstört. Sie fiel dem Stadtbrand von 1826 zum Opfer; genauso wie die Kirche und mehr als fünfhundert Häuser der Einbecker Altstadt von der Knochenhauer über die Altendorfer und Hullerser Straße bis zur Häger Mauer.

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