Von FĂ€higkeiten und Interessen zum Beruf kommen

Vortrag beim Lions-Club Einbeck ĂŒber Studien- und Berufswahl | Viele Faktoren wirken mit, Eltern spielen große Rolle

Mehr als 9.500 Studienmöglichkeiten gibt es in Deutschland. Wie orientiert man sich in dieser Vielfalt, welche Kriterien sollten Abiturienten bei ihrer Studien- oder Berufswahl anwenden? Und wie können Eltern ihre Kinder unterstĂŒtzen? Auf diese und weitere Fragen rund um das Thema »Hilfe, mein Kind macht Abi!« sind Andreas Nolten, Diplom-Volkswirt, und Christian Scherkl, Diplom-Psychologe, bei einem Vortragsabend des Einbecker Lions-Clubs eingegangen. Die Personalberatung Nolten begleitet junge Menschen beim Übergang von der Schule in den Beruf, unter anderem durch verschiedene Testverfahren.

Einbeck (ek). Ăœber gute Resonanz auf dieses Thema konnte sich Lions-PrĂ€sident Rainer Schoschnik freuen. Wenn alles gut gehe, hĂ€tten die Kinder in wenigen Wochen ihr Abitur – aber vielen Eltern sehe man die Fragezeichen auf der Stirn an: Wo liegen die Begabungen, was sollte man tun – immerhin handele es sich um Entscheidungen, die das kĂŒnftige Leben stark beeinflussten.

Die Referenten beschĂ€ftigen sich seit vielen Jahren mit dem Thema, und die Eltern, versicherten sie, spielten eine große Rolle. Was Kinder und was Eltern wollten, dazwischen gebe es hĂ€ufig Differenzen. Und wie Lebens- und Berufswege verlaufen könnten, machten sie ebenfalls deutlich: »Niemals in die Wirtschaft« sollte es fĂŒr den Psychologen Scherkl gehen – inzwischen leitet er die Niederlassung des Unternehmens in Hamburg.
»Den Haupteinfluss bei der Berufsfindung haben Eltern«, so die Berater. Er erstrecke sich auf unterschiedliche Ebenen, und verschiedene Faktoren kĂ€men zum Tragen, etwa soziale Vererbung, denn 30 bis 40 Prozent der Jugendlichen orientierten sich bei der Berufswahl an den Eltern. Erwartungen, VorschlĂ€ge, Wissen und Erfahrungen der Eltern – was erzĂ€hlen sie von ihrem Beruf? –, ĂŒberhaupt die eigene BerufstĂ€tigkeit oder geschlechtsspezifische Wahrnehmungen wirken mit. Eltern, so Nolten, seien emotionale Haltepunkte.

Die Berufsfindung werde erschwert durch eine Vielfalt der Möglichkeiten. UniversitĂ€t, Fachhochschule, weiteres Lernen, eine Ausbildung: Im Irrgarten der Multioptionsgesellschaft mĂŒsse man sich erst einmal zurecht finden. HĂ€ufig gebe es falsche Vorstellungen und Vorurteile oder Ideen, die nicht bis ans Ende durchdacht seien. Andere wĂŒrden nur den spĂ€teren Beruf sehen und das mitunter schwierige Studium im Kopf Â»ĂŒberspringen«. Äußere EinflĂŒsse wie die Frage nach der Sicherheit des Berufs oder danach, was Freunde machen, seien ebenfalls von Bedeutung. Die Wahrnehmung von eigenen StĂ€rken und SchwĂ€chen sei nicht einfach: »Keine Ahnung« sei da eine hĂ€ufige Aussage. Andererseits könnten auch zu viele Interessen die Wahl schwierig machen. Die Entscheidung fĂŒr ein Thema sei der Schritt gegen alles andere.

Von FĂ€higkeiten und Interessen mĂŒsse man zum Beruf kommen, nicht umgekehrt, so Nolten und Scherkl. Nicht jeder könne Ingenieur werden. Bei Prognosen zu Aussichten bestimmter Berufsfelder rieten sie zur Vorsicht, denn hĂ€ufig steckten Gruppen dahinter, die einen Zweck verfolgten. Nur mit Interesse und Spaß könne man das Studium bewĂ€ltigen, »nicht immer gefĂ€llt alles«, warnten sie.

Vor der Entscheidung sollte man eine Bestandsaufnahme der Bildungsbiografie machen und sehen, was bisher gut gelaufen sei. Praxiserfahrungen, Interessen und FĂ€higkeiten sollten einfließen, aber auch Motive und Werte sowie UnterstĂŒtzer beziehungsweise Netzwerke. Nicht ohne Grund spreche man von Berufswahl-Bereitschaft beziehungsweise -Reife. Innerlich mĂŒsse man so weit sein, sich zu entscheiden. Wenn Jugendliche nicht bereit seien, mĂŒsse man untersuchen, welche Punkte noch nicht klar seien.
In verschiedenen, teilweise umfangreichen Testverfahren können Jugendliche Interessen, Leistungen, Wissen oder Persönlichkeit einschĂ€tzen lassen, teilweise auch mit Angeboten aus dem Internet. NĂŒtzlich sei beispielsweise das Hochschul-Instrument OSA, so ihr Rat, auch wenn es mit rund vier Stunden sehr aufwendig sei. Eine aktive Auseinandersetzung mit dem gewĂŒnschten Studienfach bedeute eine bessere Vorbereitung. Falsche Vorstellungen könne man so vermeiden. Gut zu wissen sei auch, welchen Schwerpunkt das gewĂ€hlte Fach an der jeweiligen UniversitĂ€t habe. Testergebnisse, auch das machten die Referenten deutlich, könnten verunsichern, und bedenken sollte man zudem, dass gezieltes Hochschulmarketing dazu gedacht sei, Bewerberzahlen zu beeinflussen.

GrundsĂ€tzlich gelte der Rat, sich bei der Auswahl breiter aufzustellen und auch mögliche Alternativen zu erkennen. Dabei könnten sogenannte Berufslandkarten mit Ă€hnlich gelagerten BeschĂ€ftigungen helfen. In einem RealitĂ€tscheck sollte man prĂŒfen, ob die beruflichen Ideen zu den Zielen passten, zu Interessen, StĂ€rken und Voraussetzungen. Schließlich mĂŒsse man auch feststellen, was man bereit sei, fĂŒr den Studienwunsch zu tun, etwa bei der Wahl des Studienortes. Wer sich im Internet informiere, sollte darauf achten, welche Quellen er heranziehe – möglicherweise seien sie interessengeleitet.

Ein Studium wie in frĂŒheren Zeiten gebe es heute nicht mehr, wandten sich die Vortragenden an die Eltern, Vergleiche seien kaum möglich. Aufbau und Ausrichtung seien bei Bachelor- und MasterstudiengĂ€ngen ganz anders. Vieles sei straff organisiert und verschult.

Wenn Bilanz gezogen und eine Entscheidung getroffen sei, sollten Eltern ihre Rolle reflektieren. Es gehe darum, einen tragfÀhigen und abgesicherten, passenden Bildungs-, Berufs- und BeschÀftigungsweg zu finden.
Eine fachliche Beratung, machten sie deutlich, nehme die Entscheidung nicht ab. Es gebe jedoch Empfehlungen fĂŒr konkrete Wege und Kriterien, nach denen man weiterarbeiten könne. Ziel sei es, die SchĂŒler zu stĂ€rken. Das Ergebnis sei fĂŒr Jugendliche mitunter auch mal enttĂ€uschend, aber hĂ€ufig hĂ€tten die Berater aufgrund ihrer jahrelangen Erfahrungen auch Recht.

Im »Elternratgeber: Das ideale Studium fĂŒr mein Kind« haben Andreas Nolten und Birte Biebuyck Erfahrungen in der Studien- und Berufsberatung zusammengefasst. Das Buch, erschienen im Stark-Verlag, wendet sich insbesondere an Eltern: »Wie Sie als Eltern Ihr Kind bei der Studienwahl gezielt unterstĂŒtzen«. Eltern finden Methoden und Hilfen zur Standortbestimmung und zu geeigneten Kommunikationstechniken, und es gibt zahlreiche hilfreiche Links.
Vom 19.05.2014

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