Dank »Flügeln« an »Tagen wie diesen« hoffnungsfroh ins Leben starten

Gottesdienst und Entlassungsfeier für 86 Abiturienten der Paul-Gerhardt-Schule / Nach dem »Teich« wollen sie jetzt aufs »Meer« / 55. PGS-Abitur-Jahrgang verabschiedet

Südbahnhof, Gefängnis oder freies Parken: Was die Zukunft für sie, wie beim Monopoly-Spiel, bereit hält, wissen die Abiturienten der Paul-Gerhardt-Schule nicht. Dass sie mit besten Voraussetzungen starten, da wurde ihnen bei bei der Abiturfeier in der Markoldendorfer Martinskirche versichert.

Dassel. Unter das Motto »ABInopoly« hatte der Abiturjahrgang 2012 der Paul-Gerhardt-Schule Dassel den Gottesdienst und die Entlassungsfeier gestellt. Das Abitur bedeute Freiheit, »die große Reise geht los«, so das Gottesdienstteam, nachdem der »Südbahnhof« erwürfelt war: weg aus dem Dorf, von der Schule, vom Druck, »die Welt gehört mir.« Aber auch das Gefängnis sei möglich als Gleichnis für Probleme, denen sich jeder stellen müsse. Die Schüler wünschten sich, Freundschaften über Entfernungen erhalten zu können, und etwas Glück wie beim »Frei parken« sollte dabei sein. Egal, in welche Richtung es gehen werde: Selbst negative Erfahrungen seien hilfreich. Und ebenso wichtig sei das Wissen, dass jemand da sei, die Familie, Freunde oder Gott. Das Abitur sei ein erster Schritt in ein selbstständiges und zugleich behütetes Leben.

Schulleiter Gerhard Wittkugel verglich die Schüler mit Ästlingen, jungen Vögeln, die langsam ihr Nest verließen. Und wie Ästlinge bei diesen Versuchen von staunenden Menschen verfolgt würden, freue man sich über diesen Jahrgang. Wurzeln und Flügel brauchten Kinder: Wurzeln, wenn sie klein seien, Flügel, wenn sie größer würden. Von einer Last befreit seien die Schüler heute, beflügelt, nachdem sie so lange gelernt und gelitten hätten. In wenigen Augenblicken würden sie ihren Abschluss mit Brief und Siegel in der Hand halten. Er hoffe, so Wittkugel, dass die PGS sowohl zu Wurzeln als auch zu Flügeln beigetragen habe. Wurzeln würden das Leben tragen und ernähren, sie bildeten ein Gerüst von Werten und Einstellungen. Wer seine Wurzeln als Christ gefunden habe, fühle sich in schweren Zeiten sicher. An den heutigen Werten dürfe man durchaus zweifeln, kritisierte er. Die Gier nach Geld, die Macht der Märkte - da müsse man fragen, ob es keine Ethik mehr gebe. Die Schule habe den Auftrag, Werteerziehung zu betreiben. So hätten die Schüler erleben können, wie angenehm es sei, helfen zu können oder sich an der wundervollen Welt zu erfreuen. Werte seien eine Basis, um wirklich glücklich zu werden. Dazu gehöre es, Fehler machen zu dürfen. Er entschuldige sich für alle Fehler, die die Schüler durch die Schule erlebt hätten, und er dankte zugleich den Lehrern, die täglich die eigene Person aufs Spiel setzten, um Kindern etwas zu vermitteln.

Mit Flügeln würden die Jugendlichen zu fast selbstständigen Menschen. Frei wie ein Vogel zu sein, sei ein verlockendes Bild. Dazu brauche es Auftrieb und Vortrieb, und er hoffe, dass die PGS für Flügel gesorgt habe, damit die Abiturienten in neue Flughöhen steigen könnten. »Fliegen Sie los, seien Sie neugierig, mutig, stark und vorbereitet«, ermunterte er sie. Visitenkarten mit dem Dürer-Flügel sollten daran erinnern, dass sie zur Freiheit berufen seien. Er blicke, so Wittkugel, mit Freude auf die Zeit dieses Jahrgangs an der Schule.
Gratulationen für das Erreichen eines Ziels, das nicht für alle leicht gewesen sei, sprach der Vorsitzende des Schulelternrates, Detlef Rengshausen, aus. Jeder schulische Weg habe mal klein angefangen. Die Schüler  könnten stolz sein, zu selbstständigen Menschen gereift zu sein, der Weg dahin habe sie geprägt. Schön sei es, wenn die Eltern ihre Kinder weiter unterstützten. Wichtig bleibe, dass die Kinder nicht den leichtesten, den schwersten oder sonst einen empfohlenen, sondern »ihren« Weg gehen würden.

Für das Evangelische Schulwerk freute sich Geschäftsführerin Uta Cziczkus-Büttner über den Tag: Hier Grüße zu überbringen, sei eine ihrer schönsten Aufgaben. Auch wenn der Prüfungsstress Schnee von gestern sei, werde niemand so naiv sein zu glauben, dass nun Schluss sei mit dem Lernen. Lebenslanges Lernen bedeute, die Zukunft verantwortlich zu gestalten. Wer weiter lerne, übernehme Verantwortung und könne tragfähige Entscheidungen treffen. In der Schulzeit sei nicht nur Fachwissen vermittelt worden, sondern es seien Beziehungen entstanden als eine Grundlage des Lernerfolges. Die Schüler hätten gelernt, mit Erfolgen und Misserfolgen umzugehen. Wer sich angenommen fühle, habe Vertrauen ins eigene Leben. Dazu zähle die Erfahrung, sich auf Gott verlassen zu können, was Sicherheit gebe in schweren Zeiten »Neue Wege stehen Ihnen offen. Gehen Sie sie mit Gottvertrauen und Zuversicht.«

Die damalige 5b habe er als erster Klassenlehrer 2004 übernommen, nun hätten diese und weitere Schüler ihre Schulzeit beendet, sagte Arnd Rutenbeck vom Evangelischen Internat. Der Tag habe eine besondere Ausstrahlung, da wolle man »Tage wie dieser singen« und sich Unendlichkeit wünschen. Es sei wichtig, solche besonderen Tage zu feiern und die Ergebnisse der Arbeit zu genießen. Nur zu arbeiten, sei für die Schüler eine ebenso schlechte Zukunftsvision wie nur zu feiern. Ab und zu eine Auszeit sei aber richtig, immerhin sei der Sabbat auch in den Zehn Geboten festgeschrieben.

Von einem weiten Weg, den die Schüler geschafft hätten, sprach die Vorsitzende des Fördervereins Petra Graf. Jetzt rückten sie, allerdings ohne 4.000 Euro einzustreichen, vor auf »Los«. Mit dem Abitur hätten sie ein wertvolleres Startkapital für die Zukunft. Die Straßen, die sie zu gehen hätten, seien mal breit und gerade, mal eng und kurvig. Das Abitur sei eine solide Basis für Träume und Pläne.

Es gehe in die zweite Runde, »etwas Neues beginnt, wir gehen über Los«, sagte Clarissa Emily Auer in der Ansprache der Abiturienten. Nun sei man für sich selbst verantwortlich, dazu gehörten auch schlechte Erfahrungen: Solange man sich nicht geschnitten habe, wisse man nicht, ob das Messer scharf sei. Aufgeben sollte man nicht, sondern man könne an jeder Aufgabe wachsen. »Woher soll ich das wissen?«, das sei eigentlich die richtige Antwort auf die Frage nach dem Berufswunsch. Ob man das Richtige gewählt habe, zeige sich erst später. Das Leben sei voller Überraschungen, und nichts sei von Dauer. Gemeinsam habe man den Wunsch, glücklich zu werden, aber auch da müsse man erst herausfinden, wie das funktioniere. Mutig sollte man das Leben angehen, ohne Angst und sich nicht erschrecken lassen. In den vergangenen zwei Schuljahren habe man schwierige Zeiten überstanden, man sei an Problemen gereift. »Den Teich haben wir gemeistert, nun wollen wir wissen, wie’s im Meer aussieht«, freute sie sich. Für die wunderbare Zeit sagte sie Dank: »Macht’s gut, es war schön mit euch.«

Bei diesem 55. Abitur an der Paul-Gerhardt-Schule, verriet Thomas Gelück zur Statistik, seien 90 Schüler gestartet, 87 hätten die Zulassung erhalten, 86 - 46 Frauen und 40 Männer - hätten bestanden, sieben Schüler nach Nachprüfungen. »Das ist das Besondere an diesem Jahrgang und dem BVB: Sie können beide kämpfen«, schmunzelte er. Zehnmal stand eine Eins vor dem Komma. Der Notendurchschnitt lag bei 2,73. Bei den Leistungen der Geschlechter gab es wenig Unterschiede. Insgesamt, so Gelück, freue sich die Schule über gute Ergebnisse. Malte Andresen und Sophia Menken wurde für die Organisation des »Tages gegen rechts«, Marlene Schöneberger für langjähriges Mitwirken in der Theater AG und Clarissa Auer für die Mitarbeit in der SV, im Kuratorium und im Schulvorstand gedankt. Das beste Abitur in Mathematik und Chemie absolvierte Julian Meier, Bester in Physik war Marc Abels. Martin Brodehl erzielte einen Notendurchschnitt von 1,5. 1,3 schaffte Julian Meier, und die Traumnote 1,0 steht auf Luisa Meyers Zeugnis.ek

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