Kriegerklärung wird durch Ausklingeln bekannt

Sievershäuser Schulchronik beleuchtet auch Mobilmachung zum Ersten Weltkrieg im August 1914

Überall hinterließ der Erste Weltkrieg Spuren, die Männer wurden eingezogen: Das Foto zeigt den Gefreiten Karl Wedekind aus Sievershausen Ende Dezember 1914 auf dem Übungsplatz Eisenborn.

Sievershausen. Im November sind es 100 Jahre, dass der Erste Weltkrieg endete. Begonnen hat er im Sommer 1914. Nach dem Attentat von Sarajevo auf den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand erklärte Österreich-Ungarn Serbien am 28. Juli 1914 den Krieg. Die deutsche Kriegserklärung folgte zum 1. August 1914.

Die Ereignisse haben weltweit mehr als 17 Millionen Opfer gefordert, aber auch in der Region wurden die Auswirkungen spürbar. Was geschehen ist, lässt sich für Sievershausen beispielsweise in der Schulchronik nachlesen, in der die Kriegsjahre ausführlich behandelt werden. Fragmente bis Dezember 1917 sind erhalten; Karl-Heinz Köke, der sich in Sachen Heimatgeschichte auskennt, hat sie der Einbecker Morgenpost zur Verfügung gestellt.

Hier folgen einige Ausschnitte: »Friede, tiefer Friede, der Landmann bei der Ernte, das werktätige Volk arbeitend in Fabrik oder Werkstatt, in der Schreibstube des Kaufmanns, der öffentlichen Ämter oder auch in der stillen Gelehrtenstube, der Erholungsbedürftige in der Sommerfrische. In diesen Frieden hinein fällt plötzlich wie ein Blitz aus heiterem Himmel die Nachricht von der Ermordung des österreichischen Thronfolgers, des Erzherzogs Franz Ferdinand, und seiner Gemahlin, der Herzogin Sophie von Hohenberg.

Beide fielen in Sarajevo, der Hauptstadt Serbiens, am 28. Juni 1914 den Kugeln von Meuchelmördern zum Opfer. Aber noch ahnt niemand die Tragweite dieses Verbrechens. Noch ahnt niemand, dass da ein Stein ins Rollen geraten ist, der, zur Lawine aufschwallend, die ganze Welt erschüttern wird. Die Nachforschungen ergeben, dass die Tat nicht die Tat unreifer Burschen ist, denen anarchische Hirngespinste den Kopf verdreht haben, sondern ein planmäßig ausgeführter politischer Mord, angestiftet von leitenden Männern des serbischen Staates.

Nach einer Reihe von Verhandlungen übermittelt die Österreichisch-Ungarische Regierung der Serbischen Regierung am 24. Juli ein Ultimatum, in dem sie eine Reihe Forderungen an dieselbe stellt, die bezwecken, eine weitere großserbische Propaganda in Landesteilen Österreich-Ungarns zu verhindern und den Mord an dem Erzherzog Thronfolger durch genaue Feststellung der Urheber und mit Hilfe des Mordes zu sühnen.

Da wirft sich Russland zum Beschützer des angeblich vergewaltigten slawischen Bruders auf. Trotz der ausdrücklichen Versicherung Österreichs, dass es bei Austrag der Differenzen nicht auf eine Erwerbung von irgend welchem Gebiet abgesehen habe, kommen aus Russland Nachrichten über Mobilisierungsmaßnahmen gegen Österreich. Deutschland vertritt mit Entschiedenheit den Standpunkt, dass der Friede erhalten bleibt, wenn jeder Staat, also auch Russland, sich jeder Einmischung enthält.

Während der Deutsche Kaiser in diesem Sinne sich bemüht und mit dem Zaren Telegramme tauscht, hat Russland bereits die offensichtlich gegen Deutschland gerichtete Mobilisation in vollem Gange. Unter Hinweis auf die russische Gesamtmobilisation erlässt die Deutsche Regierung eine Anfrage an die Russische. Die Antwort bleibt aus, und der Kaiser erklärt am 31. Juli für Deutschland den Kriegszustand.

Die Erklärung des Kriegszustandes erfolgte in unserm Orte am Spätnachmittag des 31. Juli durch Ausklingeln und Ausrufen durch den Gemeindediener Riefenstahl. Über dem ganzen Dorfe lastete an diesem Tage bange, tief­erste Sorge. Jeder hat das Gefühl, dass die Entscheidung auf Messers Schneide ruht. Überall sieht man erregte Gruppen, alle bedrückt von der Ungewissheit: Was will noch werden? Da ist kaum einer, der etwa leichten Herzens in den Krieg zöge. Da auch am 1. August keine Antwort von der Russischen Regierung einläuft, erfolgt an demselben Tage, am Sonnabend, der Mobilmachungsbefehl.

Die erste Mobilmachungstag ist Sonntag, der 2. August. Auch die Bekanntgabe des Mobilmachungsbefehls erfolgt am späten Abend durch den Gemeindediener. Am Sonntagnachmittag versammelte Pastor Kiehn die Gemeinde vor dem Hause des Landwirts Vogler. In kurzen Worten zeigte er, wie Deutschland trotz der Bemühungen des Kaisers, den Frieden zu erhalten, in den Krieg gedrängt wurde.

Das Lied »Ein’ feste Burg ist unser Gott« schloss die eindrucksvolle Feier. Der Kaiser verordnete einen allgemeinen Bettag für die preußischen Lande. Am Mittwoch, 5. August, riefen die Glocken zur Kirche. Der Kriegerverein kam geschlossen mit wehender Fahne und klingendem Spiel. Ihm hatte sich die Schuljugend angeschlossen. An den Gottesdienst schloss sich eine Abendmahlsfeier für die Einwohner an«(Fortsetzung folgt)oh

Dassel

Respektvoller Umgang hier und da