Ab Oktober 1914 gibt es »Kriegsbrot«

Sievershäuser Kriegschronik: Ende 1914 wird es knapper mit den Lebensmitteln | Viele Opfer aus dem Dorf

Ein Foto vom Juli 1917 zeigt Soldaten vor Dünaburg/Lettland vor den Auswirkungen einer 30,5-Zentimeter-Granate.

Sievershausen. Im November sind es 100 Jahre, dass der Erste Weltkrieg endete. Die deutsche Kriegserklärung folgte zum 1. August 1914. Die Ereignisse haben weltweit mehr als 17 Millionen Opfer gefordert, und auch in der Region wurden die Auswirkungen spürbar. Was geschehen ist, lässt sich für Sievershausen beispielsweise in der Schulchronik nachlesen, in der die Kriegsjahre ausführlich behandelt werden. Fragmente bis Dezember 1917 sind erhalten; Karl-Heinz Köke, der sich in der Heimatgeschichte auskennt, hat sie der Einbecker Morgenpost zur Verfügung gestellt.

Hier folgt ein weiterer Ausschnitt: »Die Versorgung Deutschlands mit den wichtigsten Nahrungsmitteln bis zur nächsten Ernte ist gesichert, wenn sparsam mit den Vorräten umgegangen wird. Die arglistige Hoffnung unserer Feinde wird nicht in Erfüllung gehen, wenn das Brot nicht vergeudet und das Brotgetreide nicht an das Vieh verfüttert wird.

Wenn die bisher alljährlich verfütterten großen Mengen Brotgetreide zur menschlichen Ernährung verwandt werden und mit den Nahrungsmitteln hausgehalten wird, so können wir unbesorgt der Zeit bis zur Einbringung der nächsten Ernte entgegensehen. Jeder der Zurückgebliebenen muss zu seinem bescheidenen Teile durch Sparsamkeit mit den Nahrungsmitteln dazu beitragen, dass unser Volk nicht umsonst die Leiden des Krieges auf sich genommen hat.

Was bedeuten die kleinen Entsagungen, die wir im Inlande hierfür bringen müssen, gegenüber den Leiden und Entbehrungen, welche unsere Gatten, Söhne und Brüder im Feindesland ertragen! Der Bundesrat hat durch die Festsetzung von mäßigen Höchstpreisen für Roggen und Weizen dafür gesorgt, dass das Brot dem Volke nicht übermäßig verteuert wird.

Aber er konnte das nur tun in der sicheren Hoffnung, dass es nicht nötig sein würde, das Volk erst durch hohe Brotpreise zur Sparsamkeit zu zwingen. Nach den Verordnungen des Bundesrates vom 28. Oktober 1914 muss Roggenbrot mindestens 5 Grundanteile Kartoffel (Kartoffelmehl, Kartoffelflocken, Kartoffelstärkemehl, gequetschte oder geriebene Kartoffeln) enthalten.

Aber es darf auch Brot mit größerem Kartoffelgehalt verkauft werden, wenn es mit dem Buchstaben K bezeichnet wird. Dieses Kriegsbrot sollte jeder fordern und, wer selbst bäckt, sollte nur solches Kriegsbrot backen! Wer es verträgt, esse Kommissbrot, es wird bald bei jedem Bäcker zu haben sein, wenn es verlangt wird. Das Roggenkorn wird im Kommissbrot besser ausgenutzt.

Da der Weizenvorrat im Lande bis zur nächsten Ernte bei der in den letzten Jahren gestiegenen Vorliebe für Weizenbrot nicht reichen würde, so muss fortan zu allem Weizenbrot Roggenmehl mit verwendet werden. Das Brot wird nicht mehr so weiß, aber ebenso schmackhaft und nahrhaft sein wie bisher.

Wer aber an seinem Teile mithelfen will, die Berechnungen unserer Feinde völlig zu Schaden zu machen, der esse statt des neuen Weißbrotes lieber Kriegsbrot. Mit jedem im Haushalte ersparten Weißbrot verlängert sich für die Gesamtheit der Vorrat an Weizen. Wir lehren unsere Kinder, mit dem Brot ehrerbietig umzugehen. Und doch sehen wir oft Erwachsene, die oberste Scheibe des Brotes abschneiden und zum Abfall werfen, weil sie nicht mehr ganz frisch ist.

Wie viele halbverzehrte Semmeln oder angebissene Brötchen wandern ins Schweinefutter! Das muss jetzt aufhören. Jeder erinnere den anderen daran, wie glücklich oft unsere Jungen auf vorgeschobenen Posten wären, wenn sie das Brot hätten, das hier vergeudet wird! Auch bei anderen Nahrungsmitteln übe man durch größte Ausnutzung erhöhte Sparsamkeit. Was nicht verwendet wird, obwohl es zur Nahrung brauchbar ist, geht dem Nationalvermögen verloren.

Von der Landwirtschaft wird im Interesse des Vaterlandes außerdem verlangt, Roggen und Weizen nicht zur Fütterung des Viehs zu verwenden. Das ist eine schwere Forderung. Denn Futtermittel sind knapp und teuer. Zuvor hat der Bundesrat für Kleie und Gerste billigere Preise festgesetzt, damit wird aber die Knappheit nicht beseitigt. Mancher Landwirt wird sich sorgenvoll fragen, wie er sein Vieh durch den Winter bringen soll.

Hier wird und muss in anderer Weise geholfen werden. Not macht erfinderisch. Hier nur ein Beispiel: In den Städten werden noch Mengen von Abfällen von Fleisch, Gemüse und Kartoffeln weggeworfen, die zur Erhaltung von Schweinen verwendet werden können.

Es kommt darauf an, diese Abfälle in den Städten besonders zu sammeln und von den Landwirten abholen zu lassen. Auch noch manches andere wird Verwendung finden können, was bisher unbeachtet verkam. Der Landwirt aber, dessen Sohn oder Bruder im Felde steht, die Frau auf dem Lande, deren Mann draußen kämpft, mögen sich stets bewusst bleiben, dass der Roggen oder Weizen, den sie ihrem Vieh vorwerfen möchten, vielleicht einmal für die Ernährung unserer Soldaten und unseres Volkes fehlen könnten und dass es besser ist, dass das Vieh darbt als die Menschen. Sie werden in bewährter Treue dann auch dieses Opfer dem Vaterlande gern bringen.«

So stand es im Merkblatt, das auf Anordnung des Herrn Minister der geistlichen und Unterrichts-Angelegenheiten an sämtlichen Kreis Schulinspektoren und Lehrer verteilt wurde. »Vorstehende Ermahnung hat viel soviel wie gar nichts geholfen. Das Korn ist nach wie vor an das Vieh verfüttert. Wohl niemals vorher ist wohl soviel Kuchen gebacken wie in der Jetztzeit. Unsere Leute sind wie mit Blindheit geschlagen.

Einschränken? Sparsam sein? Gewiss. Es mag nötig sein. Aber ihr bisschen Weizenmehl, das bringt nicht viel, darauf kann es doch nicht ankommen. Der Aberglaube treibt auch in diesem Kriege seine Blüten. Folgender Schutzbrief legt Zeugnis davon ab: «Im Namen des Vaters und des Sohnes und des hl. Geistes. Amen. So wie Christus im Ölgarten stille stand, so soll alles Geschütz stille stehen. Wer diesen Brief bei sich trägt, den wird nichts treffen von dem feindlichen Geschütz, und er wird vor den Dieben und den Mördern geschützt sein.

Er darf sich nicht fürchten vor Degen, Gewehren und Pistolen, denn, so wie man auf ihn anlegt, so müssen durch den Befehl Jesu Christi alle Geschütze stille stehen, ob sichtbar oder unsichtbar, alles durch den Befehl des Erzengels Michaels im Namen Gottes des Vaters, des Sohnes und des hl. Geistes.- Gott sei mit uns.” Am 17. Februar 1915 fiel der Ersatzreservist Friedrich Ebbighausen.

In derselben Woche fiel der Bruder desselben. ... Vor Kummer starb wenige Tage (danach) die Mutter der beiden. Alle Ermahnungen der Behörden, bei dem Brotverbrauch die möglichste Sparsamkeit zu üben, sind vergeblich. Die Folge ist, dass das Brotkorn beschlagnahmt wird. Die Selbstversorger bekommen Mahlkarten, die übrigen Brotkarten. Jede Person bekommt für den Tag 250 Gramm Brot oder 300 Gramm Mehl, Kinder unter fünf Jahren die Hälfte.

Jedes Verfüttern von Brotgetreide ans Vieh wird mit schweren Strafen belegt. Das Schroten wird verboten. Abgabe von Mehl und Brot erfolgt nur gegen Brotkarte. Der Selbstversorger kann gegen Abgabe seiner Mahlkarte in der Mühle mahlen lassen, aber auch nur die auf der Mahlkarte angegebene Menge. Am 24. April fiel der Musketier August Gremmel.

Am 25 April fiel der Unteroffizier und Inhaber des Eisernen Kreuzes Heinrich Schwerdtfeger aus Friedrichshausen, Sohn des Hofmeisters Karl Schwerdtfeger daselbst. Alle Ermahnungen zur Sparsamkeit im Verbrauch des Brotkornes von seiten der Behörden sind vergeblich, die Behörde ist gezwungen, besondere Verordnungen über das Kuchenbacken zu Ostern und Pfingsten zu erlassen.

Alles Gebäck, zu dem Hefe verwendet werden muss, ist verboten, zum Beispiel Butterkuchen. Nur Mürbekuchen ist gestattet. Die Bäcker sind angewiesen, jeden Teig, der nicht den Anforderungen entspricht, zurückzuweisen. Überall, auch hier in Sievershausen, werden Jugendwehren gebildet. ... Der Leiter der Wehr in Sievershausen ist Gendarmerie-Wachtmeister Stovsehen.

Als Kennzeichen trägt jeder Jungmann Feldmütze und Armbinde, als Waffe ein Holzgewehr. Regelmäßig abends nach Feierabend kann man die jungen Leute auf dem Dreschplatze üben sehen. Sonntags werden Dauermärsche unternommen.«oh

Dassel

Rock, Reggae, Blues und Pop in Markoldendorf