Oberschul-Bilanz fällt nach ersten 100 Tagen positiv aus

Rainald-von-Dassel-Schule: Alle bisherigen Schulabschlüsse erreichbar, der Weg dahin ist aber offener, flexibler geworden

»Mein Sohn geht jetzt wieder richtig gern in die Schule. Ich kann jeden Morgen wieder sehen, wie er sich freut, wenn es wieder losgeht!« Das bekam jetzt Katrin Brockmann, Klassenlehrerin der 5b an der Rainald-von-Dassel-Schule (RvD) am Elternsprechtag zu hören, und zwar nicht nur einmal, sondern etliche Male mit diesen oder ähnlichen Worten. Ihre Kollegin Julia Klingenberg, die die Parallelklasse 5a leitet, kann Ähnliches berichten: »Ich habe eigentlich nur Positives zurückgemeldet bekommen. Nachfragen oder Kritik waren die große Ausnahme.«

Dassel. Zufriedene Eltern von zufriedenen Kindern also, die die beiden 5. Klassen der zu Beginn dieses Schuljahres in eine Oberschule umgewandelte Rainald-von-Dassel-Schule besuchen. Und das, obwohl doch die neue Form »Oberschule« etliche gravierende Veränderungen mit sich gebracht hat und auch weiter bringen wird: In den 5. Klassen wurden die neu angemeldeten Schüler im August nicht mehr – wie seit über 60 Jahren in Dassel und anderswo üblich - in Hauptschul- und Realschulklassen aufgeteilt, sondern alle werden seither gemeinsam unterrichtet. Unabhängig davon, welche Schullaufbahnempfehlung von den Grundschulen ausgesprochen wurde, werden die Kinder in gemischte Klassen gegeben und erhalten im 5. Schuljahr alle zusammen Unterricht in allen Fächern. Aufgabe der Lehrkräfte ist es, die Anforderungen für die lernschwächeren Schüler niedriger zu halten, die für die leistungsstarken weiterhin auf ein hohes Niveau zu stellen, also Binnendifferenzierung vorzunehmen. Die Beurteilung muss dennoch gerecht sein. Eine nicht ganz leichte Aufgabe, die die Lehrkräfte aber bisher gut lösen. Dass sich weder die stärkeren Schüler unterfordert noch die weniger guten überfordert fühlen, wurde am Elternsprechtag erfolgreich zurückgemeldet.

Die Rainald-von-Dassel-Schule ist eine von rund 130 Schulen in Niedersachsen, die seit Schuljahresbeginn als Oberschule geführt werden. Diese neue Schulform wurde vom Kultusministerium geschaffen, um Schulschließungen zu verhindern, um angesichts immer stärker sinkender Schülerzahlen wohnortnahen Unterricht zu ermöglichen und um zu vermeiden, dass Hauptschüler mehrerer Jahrgänge in einer Klasse unterrichtet werden müssen, da es immer weniger von ihnen je Jahrgang gibt. Durch die gemeinsame Beschulung über das vierte Schuljahr hinaus können die Schulen weiterhin Jahrgangsklassen von vernünftigen Größen bilden und die Lehrkräfte sinnvoll einsetzen.  
Während die Schüler der jetzigen Jahrgänge sechs bis zehn weiterhin nach bisher gültigen Regularien für Haupt- und Realschule unterrichtet werden und ihre Schulzeit so durchlaufen werden, wie es schon lange üblich und bekannt ist, gilt dies nicht für die jetzigen Fünftklässler. Sie und alle, die nach ihnen kommen, haben an der Rainald-von-Dassel-Schuld andere Wege vor sich. Im 6. Schuljahr werden sie in den drei Hauptfächern Deutsch, Englisch und Mathematik in Leistungskurse eingeteilt – die Stärkeren in die Erweiterungskurse (E-Kurse), die Schwächeren in die Grundkurse (G-Kurse). Den gesamten übrigen Unterricht erhalten sie weiterhin gemeinsam. So werden sie auch das 7. Schuljahr verbringen, wobei sie die Kurse auch wechseln können, wenn sie sich verbessern oder verschlechtern. Durch diese Struktur, die von einer Planungsgruppe der Schule erarbeitet und vom Schulvorstand beschlossen wurde, bleiben die Schüler drei Jahre länger als bisher in den meisten Stunden zusammen, können sich gegenseitig unterstützen und werden nicht so früh wie bisher in ihrer Entwicklung festgelegt.

Sogenannte Spätentwickler, die am Ende des 4. Schuljahres noch gar nicht ihr gesamtes Potenzial ausgebildet haben oder dann noch zu kindlich-verträumt sind, haben auf diese Weise die Möglichkeit, sich mindestens drei Jahre länger als bisher zu entfalten und ihre Stärken auszubilden. Erst im 8. Schuljahr werden die Schüler auf Grund ihrer Leistungen per Konferenzentscheidung in eine realschulbezogene oder eine hauptschulbezogene Klasse eingeteilt. Bis dahin hat sich herausgestellt, für welchen weiteren Weg sich jeder Schüler eignet. Die praktischer Veranlagten werden im 8. Schuljahr stärker in die Berufswelt eingeführt, erhalten einen wöchentlichen Fachpraxis-Tag in Betrieben und weitaus mehr Berufsorientierungs- und Berufsbildungsinhalte, dagegen weniger Theorie. Am Ende des 9. Jahrgangs werden sie einen Hauptschulabschluss erwerben oder aber – wenn sie die Ressourcen dafür haben – trotzdem weitermachen und den Realschulabschluss nach Klasse 10 anstreben. Die realschulbezogenen Schüler werden sich im 9. und  10. Schuljahr einen Profilschwerpunkt wählen (Fremdsprachen oder Wirtschaft oder Gesundheit und Soziales oder Technik), sich also ebenfalls – wenn auch in geringerem Umgang – in und an der Berufswelt orientieren. Sie bereiten sich zugleich aber auch theoriebezogen auf den Realschulabschluss oder sogar den Erweiterten vor, der den Übergang in die gymnasiale Oberstufe ermöglicht. Alle Abschlüsse, die es schon lange an der Haupt- und Realschule gab, können auch von den künftigen Oberschülern erworben werden – der Weg ist nur ein bisschen anders als bisher, individueller, flexibler, bis zum Schluss offener.
Davon, dass die Umwandlung in eine Oberschule richtig war, ist Schulleiter Peter T. Mispagel nach wie vor überzeugt: »Wir hätten bereits in diesem Schuljahr die Hauptschuljahrgänge fünf und sechs zusammenlegen müssen, im nächsten Jahr sogar fünf bis sieben. Das wäre für Schüler und Lehrer sehr, sehr schwierig geworden. So haben wir altersgleiche Schüler zusammen, die ohnehin schon seit vier Jahren in den Grundschulklassen gemeinsam unterrichtet wurden. Die kennen das gar nicht anders und freuen sich, dass sie nicht in eine der bisher üblichen Schubladen eingeordnet worden sind. Sie lernen den gleichen Stoff und nicht - wie bei kombinierten Jahrgangsklassen – völlig verschiedene Inhalte innerhalb eines Klassenraumes. Weil die Lehrer sich auf ihr Niveau einstellen, fühlen sich alle passend unterrichtet und weder über- noch unterfordert.« Dass noch nicht alles an der Oberschule auf Anhieb nur perfekt läuft gibt der Schulleiter aber dennoch zu: »Wie alle anderen Oberschulen stecken wir noch in den Kinderschuhen dieser Schulform. Wir müssen noch viel tun, beispielsweise passende Schulbücher auswählen (die es zum Teil von den Verlagen noch gar nicht gibt), Arbeitspläne erstellen, um die genauen Unterrichtsinhalte verbindlich festzuschreiben, und uns in mancherlei Hinsicht fortbilden. Wir sind aber auf einem guten Weg und werden die Hürden, die noch kommen, gern nehmen.«

Während knapp 20 der 130 Oberschulen Niedersachsens auch ein gymnasiales Angebot errichtet haben und somit alle Schüler ihres Einzugsbereiches ansprechen, hat die RvD bewusst darauf verzichtet. Die Überlegung, sich auch in diese Richtung hin zu entwickeln und damit quasi zu expandieren hat man an der Rainald-von-Dassel-Schule laut Mispagel nie gehabt. »Es wäre völlig irrsinnig gewesen, wenn wir als jahrzehntelang gut arbeitende Haupt- und Realschule jetzt gegen die etablierten Gymnasien Paul-Gerhardt-Schule in Dassel und Goetheschule in Einbeck angetreten wären. Man muss wissen, was man gut kann und das muss man tun – nicht da, wo man nicht mithalten kann, mäßige oder schlechte Arbeit abliefern. Das würde den Gymnasialschülern nicht zugute kommen, sondern sie in ihren Möglichkeiten beschränken. Wenn die Gymnasien die wirklich zu ihnen hin empfohlenen Schüler aufnehmen und sie gut beschulen, so ist das genau richtig. Schlecht wäre es nur, wenn sie uns die Schüler wegnähmen, die eigentlich zu uns gehören. Aber das tun sie auch nicht. Wir arbeiten gut mit beiden Schulen zusammen.«

Weniger gelassen sieht Mispagel allerdings den Umgang mit den Überlegungen rund um eine Integrierte Gesamtschule (IGS) in Einbeck. »Der Landkreis hat eine Umfrage in Sachen IGS durchgeführt. Der Elternwunsch nach einer IGS war nachweislich gering. Die Landesschulbehörde hat den Antrag des Landkreises wegen zu geringer Schülerzahlen für diese Schulform begründet abgelehnt und dennoch wurde eine Klage gegen diesen Bescheid angestrengt. Hierdurch ist ein Schwebezustand im Raum Einbeck entstanden, der nicht gerade für Klarheit und Berechenbarkeit sorgt. Etliche Schulen fragen sich, wie es mit ihnen weiterginge, wenn eine IGS tatsächlich käme. Eltern, die ohnehin schon verunsichert sind, werden durch Infoblätter der Initiative pro IGS, die an Grundschulen gestreut werden, noch zusätzlich verwirrt und irritiert. Es wird Zeit, dass endlich endgültige Entscheidungen fallen. Dassel jedenfalls hat neben einer guten Grundschule und einem ausgezeichneten Gymnasium jetzt auch noch eine gut startende Oberschule. Ich wüsste nicht, welche Schulform da noch fehlen soll.«oh

Dassel

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