Rückwärts oder auf den Tourismus als Standbein setzen

Informationsveranstaltung zur »Grafschaft Dassel« / Aus touristischer Sicht wird die Idee gelobt / Name macht noch keine Marke

Fahren mit Rückwärtsbenzin oder den Weg nach vorne gehen – das Thema »Grafschaft Dassel« erhitzt seit Monaten die Gemüter der Dasseler. In einer Informationsveranstaltung wurden jetzt die geschichtlichen und die touristischen Aspekte einer Umbenennung der Stadt erörtert. Wenn man den Weg zur Grafschaft beschreite, dann soll man »gräfliche« Produkte kreieren, riet Petra Wegener, Geschäftsführerin des Weserbergland-Tourismus.

Dassel. Die Umbenennung in »Grafschaft« wurde im politischen Bereich ausführlich beraten, die Mehrheit der Ortsräte hat sich dafür ausgesprochen. In der Informationsveranstaltung sollten nun die Bürger zu Wort kommen. Denn die Politik brauche ein Signal, wo es hingehen solle, erklärte Bürgermeister Gerhard Melching. Eine Entscheidung müsse noch in diesem Sommer gefällt werden, damit man touristische Produkte kreieren und 2013 anbieten könne. Grafschaft und Tourismus hängen für den Bürgermeister zusammen, und das unterstrich auch Petra Wegener vom Weserbergland-Tourismus.

Der Weserbergland-Tourismus hat 71 Mitglieder und umfasst das Gebiet Oberweser bis Bad Oeynhausen. Über 3,9 Millionen Übernachtungen wurden im vergangenen Jahr in diesem Bereich registriert, der Nettoprimärumsatz liegt bei 1,56 Milliarden Euro. 33.600 Tourismusbeschäftigte finden in diesem Sektor Arbeit, der auch 39 Millionen kommunale Steuereinnahmen bedeutet. »Wir sind ein touristisches Schwergewicht«, stellte Wegener für ihre Destination fest.
Der überwiegende Teil der Gäste komme aus Deutschland, aber auch aus den Niederlanden, Dänemark, Schweden oder der Schweiz. Schwerpunkte werden im Bereich Radfahren und Wandern sowie künftig auch bei historischen Städten gesetzt. Es gebe aber auch Schwächen - im Bereich Qualitätssteigerung. Man müsse professionelle touristische Einheiten schaffen und sich positionieren, sonst werde man auf Dauer nicht überleben, hob Wegener hervor.
Neben Flyern setzt man auf das Internet. Für die kommende Saison werden Elektro-Bikes angeschafft, die die Überwindung größerer Bereiche in der Region einfacher machen. Das sei auch eine Idee für Dassel. Denn hier sehen die Übernachtungszahlen nicht gerade rosig aus: Es gebe acht Betriebe mit 400 Betten, rund 37.000 Übernachtungen wurden bis November 2009 gezählt. Die Aufenthaltsdauer betrug 2,7 Tage, die Bettenauslastung liegt bei 27,1 Prozent.
Der Name Grafschaft aber mache noch keine Marke, stellte Wegener fest. Das müsse man mit touristischen Strukturen hinterlegen, gräfliche Produkte schaffen und authentische Erlebnisse anbieten. Es sei gut, diese Idee weiter zu entwickeln, und dabei bat sie auch Hilfe an. Im städtischen Haushalt stehen 12.500 Euro für den Tourismus-Bereich bereit. Die Kosten für eine Umbenennung in Grafschaft stufte Melching als gering ein, nannte die Anschaffung von vier neuen Ortsschildern, die neuen Schriftzüge auf den Feuerwehrautos und die Sicherung der Internet-Adresse www.grafschaft-dassel.de.

Voraussetzung für die Umbenennung einer Kommune ist allerdings, dass der Name »prägend« ist. Dass Dassel mit den Grafen von Dassel verbunden ist, belegten Wolfgang Kampa und Dr. Ludger Kappen, die einen Blick in Dassels Geschichte warfen. So stellte Kampa heraus, dass die Anfänge der Grafen von Dassel ins Dunkel gehüllt sind. Dassel wird im 9. Jahrhundert als altes Kirchdorf erwähnt. Im 10. Jahrhundert wurde die Gesellschaft neu geordnet, Ende des 13. Jahrhunderts wurde die Gaue abgeschafft und nach den Herrschern benannt. 1073/75 wurde der Aufstand gegen den geplanten Burgenbau blutig niedergeworfen, es entstand Raum für neue Adelsfamilien. 1113 werden die Grafen von Dassel erstmals erwähnt, es folgte die Zeit des Burgenbaus. Und wer Burgen baute hatte die Macht. Die Dasseler Burg soll am Burgberg gelegen haben, auch die Hunnesrücker Burg gehörte den Grafen von Dassel. Woher das Grafengeschlecht kam, ist allerdings ungewiss.
 
Berühmtester Sohn ist Rainald von Dassel, der die Gebeine der Heiligen Drei Könige nach Köln brachte. Er war Reichskanzler und Erzbischof unter Kaiser Barbarossa. 1167 ist er vermutlich an Malaria gestorben. Die Grafen von Dassel sind rund 200 Jahre in Urkunden zu finden. Sie besaßen großen Streubesitz in Mitteldeutschland: 161 Dörfer und möglicherweise zwölf Burgen. Der Besitz, führte Kampa aus, konzentriere sich im Bereich Dassel.
Eine Grafschaft, knüpfte Professor Dr. Ludger Kappen an, sei einerseits ein politischer Machtraum oder aber ein juristisch-administrativer Begriff. Die Bedeutung der Grafen habe sich im Laufe der Zeit verändert. 1113 werden die Grafen von Dassel erstmals erwähnt mit dem Richteramt im Suilbergau. Die erste Erwähnung der Grafschaft Dassel mit 17 Orten ist datiert auf das Jahr 1118. Bis 1300 wuchs die Grafschaft. Graf Simon verkaufte dann Besitztürmer, und in der Verkaufsurkunde und der Bestätigungsurkunde durch König Heinrich VII wird die Grafschaft Dassel genannt. Im Laufe der Jahrhunderte jedoch ging die Grafschaft unter. Die heutige Struktur der Stadt Dassel decke sich jedoch mit der damaligen Grafschaft, stellte Kappen fest.

Der Zeitrahmen für eine Umbenennung der Stadt in »Grafschaft« ist nicht absehbar, bedarf der Genehmigung. Es müssen jedoch die entsprechenden Strukturen geschaffen werden, damit man nicht im Nachhinein, wie ein Zuhörer meinte, der Hochstapelei bezichtigt werden könnte.sts

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