Zeitzeugen berichteten an PGS

»Wir und die Anderen – Identität zwischen Repression und Widerstand«

Die Zeitzeugen Jörg Neinaß und Ernst Schulz berichteten den Schülern über ihre Erlebnisse und Erfahrungen.

Es hat an der Paul-Gerhardt-Schule Dassel schon fast Tradition: Der 9. November bot zum dritten Mal Anlass für den zehnten Jahrgang, sich mit der Tragweite des Datums für die deutsche Geschichte und für die Gesellschaft auseinanderzusetzen.

Dassel. Kurz vor dem Tag startete die Auftaktveranstaltung zum selbst organisierten Projekt »Wir und die anderen«, das in diesem Schuljahr gemäß des 30-jährigen Jubiläums des Mauerfalls und der deutsch-deutschen Wiedervereinigung den Titel »Wir und die anderen. Identität zwischen Repression und Widerstand« trägt. Wie sah ein Leben für Menschen in der DDR aus, die sich dem politischen System widersetzten, die anders dachten und die kritisch nachfragten, oder wie hat sich das Leben im sogenannten »Ostdeutschland« auf Identität und heutiges Leben ausgewirkt, diesen und weiteren Fragen gingen die Schüler nach.

In der Aula berichteten zwei Zeitzeugen, die ganz unterschiedliche Erfahrungen in ihrem Leben während der deutsch-deutschen Teilung machten. So erzählte Jörg Neinaß, der 1953 in der ehemaligen DDR geboren wurde und als junger Mann an der Akademie der Wissenschaften in Berlin arbeitete, wie es für ihn war, als er 1986 einen Ausreiseantrag stellte und daraufhin seine Arbeitsstelle verlor. Wegen seiner eigenen Meinung und seiner Kritik am politischen System wurde er – verraten von einem Bekannten – von der Staatssicherheit verhaftet und verbrachte zwei Wochen im Gefängnis Hohenschönhausen: »Staatszersetzende Schriften« verfasst zu haben, »den Staat zu verunglimpfen« und »Widerstand gegen seine Festnahme geleistet zu haben«, waren nur einige Delikte, weshalb er in Abwesenheit verurteilt wurde. Die Intervention der katholischen Kirchengemeinde an seinem Wohnort rettete ihn aus dem Gefängnis, bis er kurz vor dem Fall der Mauer die Nachricht erhielt, mit seiner Familie innerhalb von 24 Stunden die DDR verlassen zu müssen. Nach der Wende wieder in seine »alte« Heimat zurückzukehren, der Gedanke sei ihm nicht gekommen, zu tief würden die Wunden der Vergangenheit sitzen.

Ernst Schulze, der 1939 in der späteren DDR geboren wurde, blieb bis 1959 in seiner Heimat, obwohl seine Familie vor der Zwangskollektivierung ihres landwirtschaftlichen Betriebes in den Westen floh. Er wollte den geerbten Besitz erhalten. Nachdem er sich jedoch weigerte, sich von seiner Familie zu distanzieren, wurde ihm eine Fortführung seines Studiums für Schwermaschinenbau in Magdeburg untersagt. Er verließ 1960 über Westberlin illegal die DDR und durchlief im Aufnahmelager Marienfelde beziehungsweise Friedland das Aufnahmeverfahren in die Bundesrepublik.

Beim Fall der Mauer war Schulze Realschullehrer für Mathematik und Geografie. Er selber habe darüber nachgedacht, zurückzuziehen. Da seine Familie sich die Verlegung des Lebensmittelpunktes jedoch nicht vorstellen konnte, entschied er sich dagegen.

So unterschiedlich die Biografien der Zeitzeugen waren, so einig sind sie sich in einem Punkt: Sich gegen Willkür und Ungerechtigkeit zur Wehr zu setzen, Populismus sowie politischen Extremen keinen Platz zu bieten, das sei die Pflicht jedes Bürgers.

Die persönlichen Antworten und privaten Einblicke der Menschen in eine besondere Zeit der deutschen Geschichte beeindruckte die Schüler und Lehrer. Die Jugendlichen sind nach diesem gelungenen Auftakt motiviert und neugierig, Fragen nach der Identität in historischem oder gegenwärtigem Kontext zu stellen sowie in einem freien Projekt zu erarbeiten. »Es ist eben etwas anderes, von solchen Erfahrungen nur im Geschichtsbuch zu lesen, als von diesem in einem Gespräch zu hören«, schlussfolgerte eine zehnte Klasse in einer abschließenden Runde mit ihrer Lehrerin.oh

Dassel

Zuversichtlich in die Zukunft gehen