Alte Stiftsfreiheit der Münsterkirche gewährte Verfolgten Exil

Einbeck. Vor ungefähr 70 Jahren entstand diese Aufnahme: ein Blick in den nördlichen Teil des Steinweges und den ehemaligen Stiftsbezirk. Der Fotograf steht vor dem Eingang des heutigen Stadtmuseums. In der Bildmitte erhebt sich die Stiftskirche St. Alexandri. Links daneben erkennt man im Hintergrund einen Giebel der Goetheschule und den Totenturm, einen Teil der alten Stadtbefestigung. Bis in das 19. Jahrhundert hinein hatte die Münsterkirche ihren ­eigenen Herrschaftsbereich innerhalb der Stadt. Er reichte von der Münstermauer im Westen bis zum jetzigen katholischen Pfarramt im Osten der nördlichen Altstadt.

Der Stiftsbezirk war seit der Klostergründung um 1085 bis zum Jahr 1837 eine rechtlich weitgehende unabhängige »Stiftsfreiheit«. Sie war in längst vergangenen Zeiten von der Einbecker Polizeigewalt ausgenommen und unterstand der Kirche. Wenn also ein Krimineller, der in der Stadt eine Straftat begangen hatte und von den Stadtbütteln verfolgt wurde, bis in den Bereich der Stiftsfreiheit fliehen konnte, war er nicht mehr zu belangen. Ein Beispiel: Als am 26. Dezember 1592 Caspar Grotengießer »auff der Gassen« seinen Mitbürger Arnold Metgen erstach, flüchtete er sich in die Stiftsfreiheit bei der Münsterkirche.

Dort konnte ihm das Einbecker Stadtrecht nichts anhaben. Einige Tage später gelang es ihm, durch eines der Stadttore zu entkommen. Das Haus unterhalb der Kirche, Steinweg Nummer 14, wurde 1563 gebaut. Es ist das Haus mit der spiegelverkehrten Einbecker Stadtmarke, eine sogenannte Bude, also ein Haus ohne Braurechte. Wenn man ganz genau hinsieht, kann man das Schild am Torbogen entziffern: »H. Möhle – Spirituosen«. Haus Nummer 12 präsentiert sich von der Außenansicht fast genauso wie heute – nur die beiden Stufen sind verschwunden und das Hausnummernschild wurde durch ein neues ersetzt. In der Bildmitte, dort, wo heute rechts und links Gebäude stehen, erkennt man eine Baumgruppe (heute steht hier nur noch ein einzelner Baum).

Genau hier an der Ecke der Straßen »auf dem Steinwege« und »auf dem Haspel«, befand sich eine Tränke, das Pferdewasser. Der rechte Bürgersteig des Steinwegs, der bis zum Totenturm verläuft, birgt ein für viele Einbecker unbekanntes Detail: Genau hier verläuft unterirdisch ein Bach, das wilde Wasser. Der Bach zweigt sich unterhalb der Ölmühle beim Johannisbrunnen vom Krummen Wasser ab. Über den hohen Münsterkamp floss es am Roten Hause vorbei an der heutigen Ecke Steinweg/Langer Wall in die Stadt und trat an der Tränke an die Oberfläche.

Dann verschwand es wieder unter der Straße, um unter dem Haspel unter der Münsterstraße hindurch zu fließen. Ab hier wird der Bach in alten Plänen als Petersilienwasser bezeichnet. Ein weiteres Detail auf dem Foto könnte auf den Wasserlauf hinweisen: Links im Bild erkennt man (zwischen der »Utlucht« des Museums und den Kindern) auf der rechten Straßenseite des Steinweges in Höhe des Totenturms eine Art großen Kasten mit einem flachen, runden Dach, der bis auf den Bürgersteig ragt. Genau an dieser Stelle ist auf einem Vermessungsblatt aus der Zeit um 1900 ein Brunnen eingezeichnet.wk

Anders als bisher

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