Auch bei chronischem Schmerz gibt es Therapiechancen

Dr. Josef Nelles, Chefarzt im Sertürner-Krankenhaus Einbeck und im Charlotten-Hospital Stadtoldendorf, stellt multimodale Verfahren vor

Großes Interesse hat der jüngste Vortrag des Vereins der Freunde und Förderer des Sertürner-Krankenhauses gefunden. Dr. Josef Nelles, Chefarzt der Abteilung für Anästhesie, Intensivmedizin und Schmerztherapie am Sertürner-Hospital Einbeck und am Charlotten-Hospital, sprach über multimodale Schmerztherapie, und er zeigte damit vielfältige Möglichkeiten der Behandlung von Schmerzpatienten auf.

Einbeck. Der Vortrag, erinnerte Dr. Josef Nelles, sei in ähnlicher Form schon im vergangenen Jahr gelaufen. Inzwischen gebe es aber, unter anderem durch das Charlotten-Hospital, neue Entwicklungen. Zu den häufigsten gesundheitlichen Beschwerden der Deutschen zählten Kopf-, Rücken- und Nackenschmerzen. Zum Schmerz gebe es zwar eine komplizierte Definition der Weltgesundheitsorganisation. »Schmerzen sind vorhanden, wenn der Patient sagt, dass er Schmerzen hat«, diese einfache Erklärung halte er für aber für hilfreicher.

Schmerz habe verschiedene Dimensionen, fuhr Dr. Nelles fort. Die Bewertung sei abhängig von Alter, Bildung und kulturellem Hintergrund. So hätten beispielsweise Menschen jüdischen Glaubens oder Burmesen religiöse Schmerzbewältigungsstrategien. Die Iren versuchten es mit dem Willen, die Italiener mit familiärem Denken, die Nordeuropäer mit einem rationalen Ansatz.

Akuter Schmerz sei ein Warnzeichen des Körpers. Die Wundheilung werde durch Ruhigstellung begünstigt. Dieser Schmerz sei psychisch einfach zu verarbeiten, der Patient erfahre große Akzeptanz bei den Mitmenschen. Chronischer Schmerz dagegen habe seine Melde-, Schutz- und Hilfefunktion verloren. Es entwickele sich eine eigenständige Schmerzkrankheit, die zur sozialen, psychischen und physischen Zermürbung führen könne. Die Akzeptanz der Umwelt sei geringer. Eine unzureichende Behandlung und schnelle Empfindungsweiterleitung führten zu einem Schmerzgedächtnis und somit zu einem chronischen Schmerz beziehungsweise zur Schmerzkrankheit. Dem Risiko der Chronifizierung könne man durch frühzeitige und Ausreichende Behandlung entgegen wirken. Wer dauerhaft unter Schmerz leide, entwickele eine Schonhaltung. Es komme zu Verspannungen, die Aktivitäten lassen nach, weitere Folgen können Versteifung, Arbeitsunfähigkeit und Invalidität sein. Diesen Kreislauf, betonte der Mediziner, gelte es zu durchbrechen. Alltagsaktivitäten müssten erhalten bleiben.

Habe man Patienten früher zur Schonung geraten, setze man heute darauf, sie in Bewegung zu halten. Das sei leichter möglich, wenn sie über die Schmerztherapie gut eingestellt seien. Von chronischen Schmerzen spreche man, wenn sie länger als drei bis sechs Monate anhalten, wenn sie mit Mobilitätsverlust einher gehen, wenn sie zu seelischen und sozialen Beeinträchtigungen führen. Irgendwann beginne das Denken nur um den Schmerz zu kreisen: Schmerz führe zu weniger Bewegung, zu sozialer Isolation und Depressionen, zu Mobilitätsverlust. Schmerz komme dabei nie allein, sondern im Gehirn gebe es eine Verbindung von Schmerz, Angst und Depression.

Chronischer Schmerz, führte der Mediziner aus, sei schwer zu behandeln, gerade dann, wenn in einer Monotherapie nur die körperliche Ebene betont werde. Die Lösung sei eine multimodale Schmerztherapie, bei der gleichzeitig verschiedene abgestimmte Methoden zum Einsatz kommen müssten. Voraussetzung für die multimodale Therapie ist das Vorliegen von mindestens drei der folgenden Merkmale: Beeinträchtigung der Lebensqualität und/oder Arbeitsunfähigkeit, Fehlschlag einer unimodalen Therapie, Medikamentenabhängigkeit, psychische sowie schwere somatische oder körperliche Begleiterkrankungen. Die Behandlung erfolgt durch Beteiligung des Patienten an mindestens drei aktiven Verfahren: Psycho- und Physiotherapie zählen ebenso dazu wie Entspannungsverfahren, Ergotherapie, sensomotorische Therapie, Arbeitsplatztraining und künstlerische Therapie.

Zur weiteren Behandlung gehörten Schmerzmittel, Entspannungstraining, Biofeedback, Traditionelle chinesische Medizin (TCM), manuelle Behandlung, Taping, Naturheilkunde und Homöopathie. Ebenfalls möglich seien Lokal-anästhesie oder Blockadeverfahren, rückenmarksnahe Verfahren, eine Opiat-Pumpe sowie Rückenmarksstimulation. TCM mit ihren vielseitigen  Aspekten werde ebenso wie naturheilkundliche Verfahren im Charlotten-Hospital in Stadtoldendorf angeboten.

Der stationären Aufnahme zu einer multimodalen Therapie über neun bis 21 Tage müssten umfangreiche Gespräche und die Beantwortung eines Schmerzfragebogens voraus gehen, so Dr. Nelles. Außerdem sei eine ärztliche Einweisung erforderlich. Mit einer Schmerzambulanz und einem akuten Schmerzdienst sei man breit aufgestellt. Da der multimodale Ansatz stark nachgefragt werde, müssten sich die Patienten leider auf Wartezeiten einrichten. Die nächsten Vortragstermine des Förderverein kündigte Schatzmeister Karl-Heinz Leuschner an: Am 8. Juni referiert Dr. Ahrens aus der Onkologie, am 29. Juni stellt Rudi Breitenstein Hilfen durch Hörgeräte vor. ek

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