Auf Stimmen durch Zeit und Raum

»Wishful Singing« präsentieren im Rahmen der Musiktage beeindruckendes Programm

Eine Sopran-, zwei Mezzo-Sopran- und zwei Altstimmen, eine Mischung vom 13. Jahrhundert bis heute, beeindruckendes Können, enorme musikalische Bandbreite, das alles vermischt mit einem Augenzwinkern: Ihr Publikum haben die Sängerinnen von »Wishful Singing« im Rahmen der Niedersächsischen Musiktage schlichtweg begeistert. Im Alten Rathaus ging es auf Einladung der Sparkasse Einbeck und der Niedersächsischen Sparkassenstiftung um die »Zeit«, und die fünf jungen Künstlerinnen aus den Niederlanden näherten sich dem Thema auf vielfältige Weise.

Einbeck. Zum 25. Mal Niedersächsische Musiktage – von einer kleinen, aber feinen Reihe mit neun Angeboten zu einem Festival mit 70 Terminen habe sich die Veranstaltung gemausert, stellte der Vorstandsvorsitzende der Sparkasse Einbeck, Stefan Beumer, in seiner Begrüßung fest. Die Sparkasse habe für diesen Abend fünf zauberhafte Sängerinnen gewinnen können, die »reihenweise Wettbewerbe« gewonnen hätten. »Wishful Singing« präsentierten Kultur vom Feinsten, mit vielen Facetten. Für die Zusammenarbeit bei der Organisation des Abends bedankte sich Beumer bei »Einbeck Marketing« und beim Kulturring.

Ausgestattet wie zu einer Hochzeit: Etwas Altes, etwas Neues, etwas Geborgtes, etwas Blaues – das hatten die Sängerinnen im musikalischen Gepäck, und mit etwas wirklich Altem starteten sie ihr Programm. Die »Cantigas de Santa Maria« sind eine der größten Liedsammlungen des Mittelalters, zusammengetragen vermutlich im Auftrag von König Alfons X. (1221 bis 1284). In zeitgenössischer, ungewöhnlicher Sprache, nämlich Galizisch-Portugiesich, wurde »Eno nome de Maria« vorgetragen. Einen deutlichen Zeitsprung in die Renaissance machte das nächste Stück, »Adoramus« von Orlando di Lasso (1532 bis 1594). Auch dieses Stück kam eher getragen daher. Das Thema Zeit sollte sich durch das Programm ziehen wie ein roter Faden, so die Sängerinnen in ihrer Moderation. Das Ticken der Uhren, das Schlagen vom Turm, Ruhe und Eile, gestern, heute, morgen - wie lässt sich das besser ausdrücken als durch Glocken, und so zeichneten sie vom »G’laut zu Speyer« von Ludwig Senfl (1490 bis 1543) ein herrlich klangvolles Bild. Über »Sing we and chant it« von Thomas Morley (1557 bis 1602) und Alessandro Scarlattis (1669 bis 1725) »Cor mio, deh non languire« ging es zum belgischen Zeitgenossen Vic Nees (geboren 1936): Aus »Trois sonnets de Louise Labé« hörte das Publikum unter anderem das liebeskummergetränkte »Pour le retour du soleil«. Vom französischen Komponisten Darius Milhaud (1892 bis 1974) stellten sie »Devant sa main nue« vor. Riesenapplaus gab es zum Abschluss des ersten Teils nicht nur für die Sängerinnen, sondern auch für den Komponisten Paul Patterson. Er ließ es sich nicht nehmen, bei der Uraufführung des neu arrangierten »Time Piece« dabei zu sein. Ursprünglich von den King’s Singers interpretiert, gaben auch die Niederländerinnen diesem Stück ein humorvolles Gesicht. Braucht man im Paradies eine Uhr? Oder ist man nicht vielmehr ohne Zeit und ohne Uhr schon im Paradies, beleuchteten sie eine unbekannte Seite der Schöpfungsgeschichte.

Der zweite Teil des Abends ging leichter ins Ohr als die schwerere Kost zum Einstieg. Mit einer mittelalterlichen Ballade von Ritter Olov ließen sie Mythen und Legenden wahr werden. In einen verregneten Wald stellten sie sich bei »Kesäkuun sade« des Finnen Olli Virtaperko (geboren 1973), und von schwedischen Troll-frauen, die einem König eine traurige Zukunft vorhersagen, handelt das Volkslied »Konungen och Trollkvinnan«. Zu den bekannten Künstlern aus der Heimat des Quintetts zählt Herman van Veen (Jahrgang 1945), und »Kleine Frist«, vorgetragen zum Ticken eines Metronoms, und das eilige »Weg da« fügten sich wunderbar ins »Zeit«-Thema ein.

Zeit fürs Sandmännchen mit fortschreitendem Programm »Mr. Sandman« von Pat Ballard (1899 bis 1960) ist längst ein Evergreen, genau wie »Yesterday« von Lennon/McCartney. Das Blaue zum Abschluss des Abends war das locker hingeswingte »Don’t it make my brown eyes blue« von Richard Leigh (1951).

Wie breit ihr Repertoire gefächert ist, bewiesen Anne-Christine Wemekamp, Sopran, Maria Goetze, Mezzo-Sopran, Marjolein Verburg, Mezzo-Sopran, Annemiek van der Ven, Alt, und Marjolein Stots, Alt, bei ihrer ersten Zugabe: »Are you lonesome tonight« von Elvis Presley, bevor sie die Zuschauer mit einem schwedischen Schlaflied endgültig nach Hause schickten.

Der Abend war – angesichts von starker Konkurrenz – erstaunlich gut besucht, und wer sich auf das Wagnis von A-capella-Gesang und einer ungewöhnlichen Programmauswahl eingelassen hatte, wurde mit einem wirklich außergewöhnlichen Konzerterlebnis belohnt.ek