Carl-Ernst Büchting †

Einbeck. »Man muss aus dem Hindernis ein Sprungbrett machen«, mit dieser Philosophie ist Carl-Ernst Büchting, Ehrenvorsitzender des Aufsichtsrates des KWS SAAT AG und einer der Grandseigneurs der Pflanzenzüchtung, konsequent allen beruflichen und persönlichen Herausforderungen auf seinem langen Lebensweg begegnet. Carl-Ernst Büchting war ein Kind der Magdeburger Börde.

Zum Zeitpunkt seiner Geburt,  am 6. September 1915, züchteten seine Vorfahren bereits seit vier Generationen sehr erfolgreich Zuckerrüben in dem anhaltinischen Bördedorf Klein Wanzleben. Dort wuchs er im Haus seines Großvaters Ernst Giesecke die ersten Jahre unbeschwert auf und verbrachte seine Jugend bis zum Abitur im weltstädtischen Berlin. Den Zukunftsplanungen seiner Familie, in der Zuckerfabrik Kleinwanzleben vormals Rabbethge & Giesecke Aktiengesellschaft verantwortlich mitzuarbeiten, folgte der älteste Sohn Karl Büchtings bereitwillig. In Vorbereitung auf seine künftigen Aufgaben im Unternehmen studierte er in den späten 1930er Jahren Zuckertechnologie in Berlin und wurde 1942, während er sich von einer Kriegsverwundung erholte, zum Dr. agr. promoviert.

Als der Rittmeister der Reserve am 18. Juni 1945 aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft nach Hause zurückkehrte, nahmen sein und das Leben seiner Familie eine dramatische Wende. Auf Befehl des zu diesem Zeitpunkt noch in Klein Wanzleben präsenten britischen Militärs mussten die Familien Rabbethge, Giesecke und Büchting ihre Koffer packen. In einer spektakulären Nacht- und Nebelaktion verfrachteten die Engländer die Familien und zirka 130 Tonnen Elite Zuckerrübensaatgut kurzerhand zur Domäne Rotenkirchen bei Einbeck, dem einzigen Familienbesitz außerhalb der sowjetischen Besatzungszone. »Wir rechneten mit einer geringen Zeitspanne des Verbleibens, hofften wir doch auf eine baldige Rückkehr«, erinnerte sich Carl-Ernst Büchting Jahre später an diesen Tag.

Ungeachtet seiner Hoffnungen, die sich ja auch als trügerisch erweisen sollten, verfolgten er, sein Vater und Schwiegervater vom ersten Tag an entschlossen und agil den Neuaufbau des Unternehmens in Einbeck. Aus kleinsten Anfängen – den Grundstock des neuen Unternehmens bildete das Saatgut aus Klein Wanzleben, alle immobilen Besitztümer in Klein Wanzleben waren enteignet worden – führte Carl-Ernst Büchting das zunächst als Auffanggesellschaft neu gegründete Unternehmen Rabbethge und Giesecke Saatzucht GmbH in den folgenden Jahrzehnten zielsicher zurück in die Spitzengruppe internationaler Pflanzenzüchtungsunternehmen. Fast 50 Jahre lang, von 1945 bis 1994, steuerte Carl-Ernst Büchting als Vorstand, Vorstandsvorsitzender und Vorsitzender des Aufsichtsrats maßgeblich die Entwicklung des Unternehmens. Dabei verkörperte er zeitlebens den wertorientierten Unternehmertypus alter Schule, der die großen Linien der Unternehmensstrategie – wie die systematische internationale Expansion – vorgab und gleichzeitig immer ein offenes Ohr für die Interessen und Belange der stetig wachsenden Mitarbeiterschar behielt.

Sein berufsständiges Engagement, in dem er die Interessen der privaten Pflanzenzüchter in den Führungsgremien zahlreicher nationaler und internationaler Organisationen und Verbände vertrat, waren für den Unternehmer eine selbstverständliche Pflicht und ein persönliches Anliegen. Besonders am Herzen lag dem passionierten Hobby-Juristen dabei der Schutz neuer Pflanzensorten.

Dass 1961 erstmals zwischen 27 Staaten ein Übereinkommen zum internationalen Rechtsschutz neuer Sorten abgeschlossen wurde, war in besonderem Maße sein Verdienst. Nahtlos in eine lange Familientradition fügte sich auch Carl-Ernst Büchtings Einsatz für die Vernetzung von Wissenschaft und züchterischer Praxis. So, wie schon sein Großvater Ernst Giesecke 1911 zu den Gründungssenatoren der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft gehört hatte, förderte er in den 1950er und 1960er Jahren als Mitglied der Max-Planck-Gesellschaft und Vorsitzender des Kuratoriums des Max-Planck-Instituts für Züchtungsforschung in Köln so manche Kooperation zwischen Grundlagenforschung und anwendungsorientierter Züchtungsforschung.

Für sein vielfältiges Wirken, sein Lebenswerk in- und außerhalb der KWS hat Carl-Ernst Büchting zahlreiche Ehrungen und Anerkennungen erhalten, darunter auch das Große Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland. Unter allen Auszeichnungen hat ihn allerdings eine besonders berührt: 1991 ernannte ihn die Gemeinde Klein Wanzleben zum Ehrenbürger. Es war der Dank dafür, dass Büchting, der in Einbeck längst seine zweite Heimat gefunden hatte, nach der so unerwarteten wie freudig begrüßten Wiedervereinigung die Rückkehr der KWS an ihren Ursprungs- und seinen Geburtsort mit Rat und Tat begleitet und das Zuckerdorf in seinem wirtschaftlich schwierigen Wandlungsprozess unterstützt hatte.

Carl-Ernst Büchting konnte auch nach seinem Rückzug aus dem aktiven Geschäft noch lange die Früchte seines erfüllten Arbeitslebens genießen. Bis vor einigen Jahren schaute er beinahe täglich im Unternehmen seiner Väter nach dem Rechten und war den Mitarbeitern als väterliches Vorbild präsent.

Mit ihm hat am 1. Mai ein Mensch seinen Lebensweg vollendet, der nicht nur für das eigene Unternehmen, sonder auch für die Allgemeinheit sehr viel getan hat.oh

Anders als bisher

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