Erker waren einmal architektonisch »in Mode«

Tag des offenen Denkmals: Stadtrundgang mit Krimhild Fricke mit den Schwerpunkten Erker und Stuben

Der noch erhaltene Erker des Stadtmuseums, Auf dem Steinwege, gehört zum Barocksaal im ersten Stock. Hier ist noch die original erhaltene und bemalte Leinwandbespannung zu sehen.

Einbeck. Wenn man weiß, worauf man achten muss, sieht man sie ihre Spuren: Erker und Stuben waren das Thema des Rundgangs zum Tag des offenen Denkmals in Einbeck, und Denkmalpflegerin Krimhild Fricke berichtete, dass für Einbeck auf der Basis der Arbeit von Dr. Thomas Kellmann 37 – abgebaute – Erker nachweisbar sind; wird 27 könnte gegeben haben, und vier sind im Bestand erhalten.

Wie man sie erkennt, erfuhren die Teilnehmer bei zwei gut besuchten Rundgänge. Der Tag des offenen Denkmals stand bundesweit unter dem Motto »Modern(e): Umbrüche in Kunst und Architektur«. »Auf der Suche nach Stuben und Erkern«, damit war die Einbecker Denkmalpflege dabei, auf der Suche nach Hinweisen auf historische, verlorengegangene Baukonstruktionen in der Stadt.

Die Häuser in der Einbecker Innenstadt sind durchweg erst nach dem alles vernichtenden Stadtbrand von 1540 erbaut worden; die geschnitzten Zahlen an vielen Fachwerkbautenweisen aus, was sich die damals reiche Stadt Einbeck kurz nach der Katastrophe wieder leisten konnte.

So erfolgte der Wiederaufbau des Hauses Marktplatz 31 schon 1551 in der typischen Bauweise für ein Haus mit Braurechten: unter anderem mit großem Torbogen für die Durchfahrt der Braupfanne und mit Speichergeschossen zum Lagern der Rohstoffe zum Brauen beziehungsweise von Waren, wenn die Eigentümer Händler waren. Neben der Tordurchfahrt befand sich häufig eine sogenannte eingehängte Stube.

Der Wohnbereich der Häuser war nur klein. Ende des 16. Jahrhunderts wurde es modern, Erker an die Gebäudefassaden zu setzen, stets zwei Gefache breit. Verschwunden sind die Erker schließlich, weil sie teilweise baufällig waren, aber auch einfach nicht mehr »in«. Diesem Gestaltungselement der Renaissance, die es »schnörkelig« mochte, folgte der Barockstil, und da favorisierte man gerade Linien.

Ein erhaltener Erker ist am ehemaligen Haus des Stadtkommandanten zu sehen, Marktplatz 11. Nach dem Bürgermeister war der Kommandant der zweite Mann der Stadt, er genoss hohes Ansehen, und der Erker sollte sein Prestige unterstreichen. Die Stube dahinter war beheizbar und rauchfrei – etwas Besonderes, denn Schornsteine gab es noch nicht. Dahinter lagen die Schlafkammern.

Hier verwies Krimhild Fricke darauf, dass Erker unterschiedliche Höhen haben konnten, teilweise gingen sie über mehrere Stockwerke. Ein Bild des Einbecker Marktplatzes von 1852 zeigt, dass dieser Erker bis zum Erdgeschoss reichte; man spricht von einer »Utlucht«. Erkennbar sind auf dem Bild auch die verputzten Fassaden. Über den Erkern befanden sich in einer anderen Dachkonstruktion, als man sie heute sieht, Zwerchhäuser mit spitzem Dach.

Zapflöcher im Fachwerk geben Hinweise auf das frühere Aussehen der Gebäude. Der einzige Eck-Erker befand sich nach Erkenntnissen der Denkmalpflege am »Gilde-Hof« am Marktplatz an der Ecke Tiedexer-/Pastorenstraße. Anhand eines Bildes zeigte sie, wie diese Ecke ausgesehen haben könnte. Zurückgebaute Erkerschwellen, ein Kennzeichen, dass dort einmal »mehr« war, lassen sich unter anderem in der Tiedexer Straße 8 entdecken. Das Material der Erker wurde verwendet, die rauen Untergründe waren günstig, als die Gebäude später verputzt wurden.

Am Beispiel Tiedexer Straße 19, ehemaliges Patriziergebäude und vor einigen Jahren umfassend saniert, erläuterte die Denkmalpflegerin, dass es im Barock während des 18. Jahrhunderts zahlreiche Umbauten gegeben habe. Unter anderem wurden Schornsteine eingebaut.

In diesem Zusammenhang erfolgte auch der Rückbau zahlreicher Spitzsäulendächer, die teilweise über vier Speicherebenen gingen. Sie waren zu hoch für die mitunter schrägen Schornstein-Konstruktionen, die über diese Höhe nicht halten konnten; entsprechend wurden neue Dächer aufgesetzt, und die Zwerchhäuser fielen diesen Umbauten gleich mit zum Opfer. Einen sehr großen zweigeschossigen Erker findet man noch am Stadtmuseum, Auf dem Steinwege. Auch hier lässt sich nachvollziehen, dass es ein Dach mit Zwerchhäusern gab – drei an der Zahl.

Der Erker des Stadtmuseums gehört zum sogenannten Barocksaal, und dazu gab Krimhild Fricke einige Erläuterungen. Über den Erbauer des Hauses sei nichts bekannt, hieß es. Allerdings seien mehrere Umbauphasen nachzuweisen, und sie betrafen auch den Saal mit der eindrucksvollen Wandgestaltung.

Dabei wurde unter anderem die Decke abgehängt, und der Fußboden wurde aufgedoppelt. Ursprünglich war der etwa sieben mal sieben Meter große Saal 3,90. Meter hoch. Die Wände sind mit bemalter Leinwand verkleidet. Früher befand sich im unteren Bereich eine ebenfalls bemalte Holzverkleidung, die aber nicht mehr zu sehen, sondern einer Verkleidung mit Ytong oder Gipskarton gewichen ist.

Die Tapeten sind original aus der Barockzeit. Stil und Technik der Natur- und Landschaftsmotive verraten, dass unterschiedliche Maler beteiligt waren. Etwa 90 Prozent der ursprünglichen Wandbespannung ist noch verhalten. Bei Sanierungsarbeiten im Saal wurde an einer verkleideten Ecke zum Erker freigelegt, wie die Arbeit einmal ausgesehen hat. Einen besonderen Erker konnte Krimhild Fricke am der südlichen Seite des Stiftplatzes zeigen, auf der Gartenseite des Hauses Nummer 4.

Die frühere Superintendentur beziehungsweise das Pfarrwitwenhaus gegenüber der Münsterkirche, errichtet in drei Bauabschnitten, hat verschiedene Nutzungen erlebt; der übergiebelte Erker ist geblieben. Mit geschultem Blick konnten die Teilnehmer des Rundgang schließlich zurückgebauten Erker in der Münsterstraße 2 und 4 erkennen: Dünnere Balken zeigen, wo sie einmal angebracht waren.

Mitunter gibt es auch Brüche in der Verzierung des Fachwerks. Ebenfalls mit einem Erker war das »Brodhaus« verziert. Er befand sich direkt über dem erhaltenen Torbogen, dem heutigen Eingangsbereich. Ein Hinweis darauf ist, dass die links und rechts vorhandenen Sprüche auf dem Fachwerk für das breite Mittelstück unterbrochen sind.

Die Rats-Apotheke wies an beiden Gebäudeteilen ebenfalls jeweils einen Erker auf, mit geübtem Blick leicht zu erkennen, wie die interessierten Rundgangs-Teilnehmer für sich selbst den Beweis antreten konnten.ek

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