»Der Schaden für das Land wird immens sein«

Historiker Professor Dr. Hartmut Berghoff spricht bei Einbecker Lions über Immigration und Rassismus in den USA

Der Göttinger Historiker Professor Dr. Hartmut Berghoff (Zweiter von rechts; rechts Lions-Präsident Olaf Schwerin) referierte und diskutierte bei den Einbecker Lions über Immigration und Ras­sismus in den USA vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart.

Wie verhält es sich mit Immigration und Rassismus in den USA Lässt sich das in der Historie wiederfinden? Zu diesem Thema
hat Professor Dr. Hartmut Berghoff jetzt mit Blick auf die Zeit vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart beim Einbecker Lions-Club und vor interessierten Gästen referiert. Er ist Professor für Wirtschafts- und Sozial­geschichte an der Universität Göttingen und als ehemaliger Leiter des Deutschen Historischen Instituts in Washington D.C. ein Kenner des Landes.

Einbeck. »Wir erleben eine Zeit reaktionärer Tendenzen«, sagte der Präsident des Lions-Clubs Einbeck, Olaf Schwerin. Soziale und demokratische Errungenschaften würden in Frage gestellt. Man erhoffe sich vom Referenten, der unter anderem Gastprofessor in Harvard und Paris war, für die USA?einige Antworten zu den Gründen.

»Die USA sind ein Einwanderungsland par excellence«, stellte Professor Dr. Hartmut Berghoff fest. Zurzeit würde diese Tatsache ignoriert, Präsident Trump diffamiere Mexikaner und Muslime. Er plane eine gigantische Mauer, um die USA?gegen Lateinamerika abzuschotten; schon jetzt verlaufe an der Grenze eine 1.100 Kilometer lange Mauer, die von 20.000 Grenzpolizisten bewacht werde. Trump plane weitere 500 Kilometer in einer Höhe von zwölf Metern – Kosten rund 22 Milliarden Dollar. Im Land gebe es rund elf Millionen illegaler Einwanderer, meist sehr gut integriert. Zehn Prozent aller Amerikaner hätten mexikanische Wurzeln, in manchen Regionen seien es deutlich mehr. Sie übten häufig einfache Berufe aus, die Weiße ungern erledigen würden.
Die Idee einer Abschottung sei nicht neu, sie sei aber auch mehrfach gescheitert, beispielsweise Ende des 19.?Jahrhunderts, als man gegen Viehdiebe vorgehen wollte.

»Einwanderer lehnen Einwanderer ab«, charakterisierte Professor Berghoff die Situation. Bis 1808 erfolgte eine Zwangsimmigration aus Afrika, und im Anschluss war die Sklaverei noch nicht vorbei. Sie bildete die Basis des Baumwollanbaus und war wichtig für den wirtschaftlichen Aufstieg. Armut und Diskriminierung seien geblieben.

Bis 1876 habe es keine rechtlichen Barrieren für Migranten gegeben. Das Land dehnte sich nach Westen aus und musste besiedelt werden. Durch die offene Tür wurden Arbeitskräfte und Soldaten angeworben. Während Land in Europa knapp war, gab es das hier im Überfluss – zudem billig, insbesondere in einem breiten Korridor entlang der Eisenbahnlinien. Bis 1862 erhielt jeder Bürger, der Interesse hatte, 65 Hektar von der Regierung. »Das war ein unvorstellbarer Anreiz«, stellte der Referent fest. So wurden Millionen Menschen angelockt, und die Landwirtschaft boomte.

Zugleich wuchs Nativismus: Einwanderer waren nicht gern gesehen von den angestammten Einwohnern. Insbesondere richteten sich die Tendenzen gegen Katholiken aus Irland und Deutschland, die in den 1840er Jahren wegen der Hungersnot in Europa auswanderten. Viele Amerikaner fühlten sich massiv bedroht. Bis heute, erläuterte Professor Berghoff, sei der Antialkoholismus nicht gänzlich verschwunden. Eine weitere Blüte erreichte der Nativismus gegen Ende des 19.?Jahrhunderts. Es kamen Menschen aus Südeuropa, Österreich-Ungarn und Russland, und das war der protestantischen Mehrheitsgesellschaft zutiefst suspekt.

Somit wurde beschlossen, nicht mehr alle Einwanderer aufzunehmen, sondern auszusuchen. Die Ersten, die dem zum Opfer fielen, waren die Chinesen. Die Demütigungen griffen auf weitere Asiaten über, und erst 1967 wurden Gesetze aufgehoben, die beispielsweise eine Hochzeit von US-Bürgern mit Japanern verboten haben.

Zeitweise, so Berghoff, gab es geradezu eine Hysterie gegen Einwanderer, vor allem gegen Juden. Sozialneid wurde deutlich. Die tiefen Ängste vor Überfremdung hätten mit der Realität nichts zu tun gehabt, sondern sie seien Abwehrpanik. Einwanderungsbehörden wie auf Ellis Island vor New York hätten die Neuankömmlinge bewertet. Deutsche waren beliebt, galten sie doch als solide, tüchtig, gebildet – und protestantisch.

Durch den Ersten Weltkrieg dreht sich das; die Deutschen hielten sich bei der Ausübung von Sprache und Kultur zurück und wollten möglichst unerkannt leben. Nach dem Krieg kamen erneut viele Einwanderer aus Europa, und die Angst vor Anarchie und Kommunismus führte zu schärferen Gesetzen. Nur ein Bruchteil durfte nun kommen, und es wurde ein Quotensystem eingeführt, das unter anderem Afrikaner diskriminierte – ein Versuch, das weiße Amerika zu stabilisieren. »Die «offene Tür” wurde geschlossen«, führte der Historiker aus, ebenso die wahllose Akzeptanz. In den 1930er Jahren etablierten sich auch in den USA Nazis, die insbesondere Juden zum Feindbild hatten.

Während des Zweiten Weltkriegs konnten Deutsche und Italiener in den USA?weitgehend unbehelligt leben. Schlechter waren dagegen die japanischstämmigen Bürger gestellt: Die Westküste wurde für sie zur Sperrzone, sie wurden deportiert und interniert.

In den 50er Jahren erlebte die deutsche Auswanderung eine kurze Renaissance, aber mit dem Wirtschaftswunder blieb man lieber im Lande. Stattdessen kamen vermehrt Mexikaner, Lateinamerikaner und Asiaten. Erst Mitte der 60er Jahre wurde mit einem neuen Gesetz die Quotierung aufgehoben, es wurde eine Obergrenze von 290.000 Zuwanderern pro Jahr festgelegt. Ein Grund war der Bedarf an Arbeitskräften. Tatsächlich wurden die USA faktisch wieder ein offeneres Einwanderungsland, bevor es ab Mitte der 1980er Jahre erneute Restriktionen gab, gerade gegen illegal eingereiste Mexikaner. 1990 lag die Zahl der Einwanderer bei 700.000 – gesucht waren vor allem gut qualifizierte Kräfte. Zudem gab es die Möglichkeit, über eine Lotterie eine Green Card zu erlangen.

Die Idee der Deportationen sei nicht neu, führte Professor Berghoff aus:?Von 1986 bis heute seien etwa zwei Millionen Menschen zurück in ihre Heimatländer gebracht worden, vor allem Mexikaner. Während die Intensität der Grenzkontrollen zugenommen habe, sei auch die Zahl der Illegalen gestiegen.

Die USA, betonte er, benötigten Einwanderer. Eine Selektion nach rassistischen Kriterien dürfe es nicht geben. Derzeit würden 700.000 Einbürgerungen pro Jahr vorgenommen, eine Million Menschen reise legal ein. 2015 waren 16,7 Prozent der Beschäftigten und 13,5 Prozent der Wohnbevölkerung Einwanderer. Insbesondere in der High-Tech-Branche seien 70 Prozent der Firmengründer Migranten. Diese Entwicklung werde jetzt bedroht.

Derzeit mehrten sich die Anzeichen für verschärfte Restriktionen, einhergehend mit einer Wiederbelebung der schlechtesten Traditionen des Landes. Präsident Trump habe Menschen aus Haiti pauschal als aidskrank bezeichnet, und auch das »Drecksloch-Länder«-Zitat ließ der Referent nicht unerwähnt. Plantagenbesitzer fürchten angesichts der Pläne zur Rückführung um ihre Ernten, Bürger um die Außerkraftsetzung von freiheitlichen Grundrechten. Seit März 2017 sei Menschen aus sieben Staaten die Einreise verweigert. Die Situation führe dazu, dass ausländische Studenten nicht mehr in die USA, sondern in andere Länder gingen. Das Ziel, die besten Talente anzuziehen, sei in Gefahr. Trumps Politik komme bei der weißen Unter- und Mittelschicht gut an. Die Vorurteile hier, so sein Eindruck, hätten eher zugenommen, begründet in der sozialen Situation.

Der Kampf gegen illegale Einwanderer sei durchaus nachvollziehbar, so Berghoff. Man müsse allerdings Wege finden, um Menschen den Weg in die Legalität zu ebnen.

Die Situation sei ideologisch aufgeladen, und Rassismus sei nicht überwunden. Dabei, gab der Referent zu bedenken, sei Trump selbst Enkel eines Einwanderers, und zwei seiner Ehefrauen seien Migrantinnen. Er wolle die Uhren in Sachen Abschottung zurückdrehen. »Der Schaden für das Land wird immens sein«, sagte der Historiker voraus.

Für Deutschland könne man den Schluss ziehen, dass Einwanderung nicht am Bedarf der Wirtschaft vorbei erfolgen könne. »Wir brauchen ein Einwanderungsgesetz.« Der Staat dürfe nicht die Kontrolle verlieren, und wer ins Land komme, müsse eine realistische Chance haben.ek

Gelungener Konzert-Auftakt