»Die Fenster zur Vergangenheit offen halten«

Fünfte Verlegung von Stolpersteinen in Einbeck | Erinnerung an weitere sieben jüdische Mitbürger

Zahlreiche Personen verfolgten die Verlegungsaktionen der Stolpersteine wie auch Renate Worreschk (vordere Reihe), die Großnichte des Opfers Elisabeth Dücker.

Einbeck. Wenige Tag nach der Gedenkveranstaltung zur Reichspogromnacht vor 83 Jahren begrüßte Robert Stafflage vom Initiativkreises »Stolpersteine für Einbeck«, einer Arbeitsgruppe des Fördervereins Alte Synagoge, zahlreiche Anwesende zur fünften Verlegung von Stolpersteinen in Einbeck. Mit sieben weiteren Gedenktafeln an vier Standorten in Einbeck verneige man sich erneut vor allen verfolgten, vertriebenen, deportierten und ermordeten Opfern des Nationalsozialismus, die Einbecker waren und inmitten ihrer Mitbürger lebten. Verlegt werden sie vor der letzten selber gewählten Wohnstätte. Sie stellen alltägliche Mahnmale dar, an denen man nicht vorbeigehen kann.

Besonders begrüßte Stafflage neben Bürgermeisterin Dr. Sabine Michalek eine Großnichte von Elisabeth Dücker. Die 92-jährige Renate Worreschk reiste mit ihrer Familie zu der Feierstunde extra aus Bremen an.

Der Kölner Künstler Gunter Demnig hat seit 1997 rund 90.000 Stolpersteine in 1.800 Kommunen und 25 europäischen Städten verlegt und hiermit eine mahnende Erinnerung an das Schicksal der Opfer geschaffen, so Stafflage. 2016, 2017 und 2019 installierte er 37 Steine in Einbeck sowie 2018 eine Stolperschwelle vor dem Eingang zum Neuen Rathaus zum Gedenken an Zwangsarbeiter in der Region.

Die aktuelle Verlegung wurde wegen der Corona-Pandemie mehrfach verlegt, teilte Stafflage mit. Demning konnte an ihr nicht teilnehmen, in Vertretung übernahm Mario Müller vom Kommunalen Bauhof die Aufgabe. Für die musikalische Begleitung mit Klezmer-Musik sorgte Sonja Tonn am Akkordeon.
2015 gründeten neun engagierte Bürger den Initiativkreis »Stolpersteine in Einbeck. Ziel sei, an jedes einzelne und dramatische Schicksal von Menschen in der Region, die Opfer des Nationalsozialismusses wurden, respektvoll zu gedenken. Dazu zählen 70 namentlich bekannte jüdische Opfer, mindestens sieben Mitbürger mit Behinderungen samt Deportation und Ermorderung sowie mehr als 1.200 ausgebeutete Zwangsarbeiter in 80 Betrieben der Region.

Für sie alle will man die schlimme Vergangenheit in Erinnerung rufen und sie als Mahnung an jetzige und zukünftige Generationen erhalten, so Stafflage. Es stelle einen unfassbaren Aspekt dar, dass das nationalsozialistische Deutschland - gegen alle humanistischen und ethischen Regeln der Menschheit - so tief abstürzen konnte. Zu beklagen seien die Ermordungen von sechs Millionen Juden und weiterer Opfergruppen einschließlich der 70.000 Ermordungen von Menschen mit Behinderungen 1940 und 1941 sowie rund 70 Milionen Kriegstote. »Dieser Nazi-Terror bleibt eines der größten Verbrechen der Menschheits- und Weltgeschichte«, mahnte Stafflage. Die heutige Generation trage keine direkte Schuld, doch als Erben stehe man in der moralischen und ethischen Pflicht, die Erinnerung an diese Tage nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.

Mit der Verlegung von voraussichtlich 65 bis 70 weiteren Steinen für jüdische Opfer sowie 20 bis 25 für Zeugen Jehovas, Homosexuelle, Sinti und Roma, politisch Verfolgte, aber auch für Prostituierte und Obdachlose wolle man das Gedenken als langfristige Mahnung aufrechterhalten.
Die Messingtafeln lösen teilweise auch kritische und ablehnende Stimmen aus. Davon lasse man sich aber nicht an der weiteren Verlegung hindern.
Der Initiativkreis »Stolpersteine für Einbeck« sei Demnig dankbar, dass er mit seiner Initative eine einmalige Erinnerung an das Schicksal der Opfer des Nationalsozialismusses geschaffen habe. Die Gedenktafeln seien keine Hindernisse, so Stafflage. Zum Lesen müsse man sich verbeugen und mit Kopf und Herz über sie »stolpern«.

Im Vorfeld wurden Eigentümer und Bewohner informiert. Er dankte Stadtverwaltung und Kommunalem Bauhof für die Unterstützung der Aktion seit der ersten Verlegeaktion 2016.

Bürgermeisterin Dr. Sabine Michalek erklärte, dass sie schon viele positive Rückmeldungen zu den besonderen Gedenktafeln erhalten habe. Dank des Initiativkreises werden jetzt schon zum fünften Mal Stolpersteine verlegt. Sie erinnern an großes Unrecht, das unzähligen Menschen angetan wurde. Die Geschehnisse der Vergangenheit dürfe man nicht vergessen. Es sei wichtig - auch wenn die zeitliche Distanz immer mehr wachse -, die Erinnerung hochzuhalten. Die Opfer dürfen nicht in Vergessenheit geraten. Es gelte, sich täglich gegen Extremismus und Fremdenfeindlichkeit, aber für Würde, Recht, Freiheit und Frieden einzusetzen.

Am letzten frei gewählten Wohnsitz wurden die Steine verlegt: für Elisabeth Dücker eine Messingtafel in der Dr.-Friedrich-Uhde-Straße 5, für die Cousinen Sophie und Rosalie Fels zwei in der Tiedexer Straße 9, für die Geschwister Helene, Manfred und Adele Jordan drei in der Marktstraße 1/3 sowie für ihren Bruder Adolf Jordan in der Marktstraße 11. An die ehemaligen Einbecker erinnerten Dr. Elke Heege, Ulrich Hoppe, Marianne Pape und Joachim Voges. Dieser nahm das Gedenken an Elisabeth Dücker in der Dr. Friedrich-Uhde-Straße zusammen mit Großnichte Renate Worreschk vor. Die Tante wurde 1897 in Einbeck geboren. Ihre geistige Behinderung führte zur besonderen Fürsorge innerhalb der Großfamilie. Seit 1936 lebte sie in der Provinzialanstalt Göttingen, von wo sie am 12. März 1941 in die Landesanstalt Großschweidnitz verlegt wurde, dem Ort der nationalsozialistischen Krankenmorde. Dückers Geburtshaus in der Bahnhofstraße 5/7 (jetzt Dr. Friedrich-Uhde-Straße 5), das 1907 abbrannte, gilt als ihr letzter freigewählter Wohnsitz. Da die Familie musikalisch war, trug die Kantorei als Gedenken den Choral »Ach Herr, lass Dein lieb Engelein« von Johann Sebastian Bach vor.

Die Cousinen Sophie Fels und Rosalie Fels stammten aus alteingesessenen Familien aus Wenzen, erinnerte Dr. Heege. Sophie Fels zog bereits 1876 nach Einbeck in die Benser Straße 19, später in der Tiedexer Straße 9, wohin ihre Cousine Rosalie Fels ihr 1909 folgte. Von Verwandten wurden sie regelmäßig finanziell unterstützt, sie selber hatten kein Einkommen. Sophie Fels starb 1940 in Einbeck, als Beruf wurde »Fräulein ohne Beschäftigung« angegeben. Ihre Cousine musste mehrmals umziehen. Im April 1942 erfolgte die Umquartierung ins jüdische Krankenhaus nach Hannover, am 23. Juli 1942 gab es die Deportation ins KZ Theresienstadt. Dort starb sie im Januar 1943.

An die Geschwister Adele, Adolf, Manfred und Helene Jordan erinnerten Ulrich Hoppe und Marianne Pape. Adolf Jordan, geboren 1881, zog nach dem Tod seines Vaters und der Heirat mit Frieda Plaut 1911 von der Altendorfer Straße in die Stiftstraße. 1927 übernahm er das Tabakgeschäft seiner Familie allein. Mehrfach wechselte er die Wohnungen und lebte ab August 1936 in der Marktstraße 11. Im Januar 1939 zwang man ihn, in die Tiedexer Straße 5 ins »Judenhaus« zu ziehen. Bei einem Besuch in Uelzen wurde er mit seinem ältesten Sohn Hans verhaftet und ins KZ Sachsenhausen gebracht. Es erfolgten immense Misshandlungen, an dessen Folgen am 25. Januar 1940 in einem israelitischen Krankenhaus in Hannover starb.

Für die anderen Geschwister Jordan wurden Stolpersteine in der Marktstraße 1/3 verlegt. Adele Jordan, geboren 1883 in Einbeck, zog nach vielen Stationen als Direktrice unter anderem in Mannheim, Dresden und Neuruppin wieder nach Einbeck und im Oktober 1933 in die Marktstraße zu ihrem Bruder Manfred (geboren 1886), der dort als Zahnarzt praktizierte. Sie führte ihm den Haushalt. Die andere Schwester Helene war als Verkäuferin in Wiesbaden, Bremen, Hanau, Mannheim und München tätig. Sie zog auch zu ihren Geschwistern in die Marktstraße. 1935 entschied sie sich klugerweise, nach Südafrika zu emigrieren.

1936 verkaufte Manfred Jordan seine Zahnarztpraxis, im selben Jahr zog er mit Adele nach Hannover. Dort wollten sie die Auswanderung nach England oder Amerika vorbereiten. Auf dem Weg nach Brüssel wurden die Geschwister am 30. Dezember 1939 verhaftet. Der Bruder kam bald darauf ins Konzentrationslager Breendonk. Am 12. September 1942 wurde er nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Der Zeitpunkt seines Todes ist unbekannt.
Adele Jordan kam ins Aufnahmezentrum St. André und nach der Besetzung Belgiens nach Gurs im Südwesten Frankreichs. Am 8. August 1942 erfolgte die Deportation von Gurs über Drancy nach Auschwitz. Der Zeitpunkt ihres Todes dort ist ebenfalls unbekannt. Zum Abschuss sagte Marianne Pape mahnend: »Man muss stets die Fenster zur Vergangenheit offen halten.«mru

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