Die Glut der SPD immer wieder zum Glühen bringen

Jubiläumsveranstaltung im Alten Rathaus mit Ministerpräsident Stephan Weil und Landrätin Astrid Klinkert-Kittel

Gut besucht war die Jubiläums­veranstaltung im Alten Rathaus zu »150 Jahre SPD in Einbeck«. Lob gab es für das große Engagement der Ehrenamtlichen in einer der Keimzellen der Sozialdemo-kratie in Deutschland.
Ministerpräsident Stephan Weil gratulierte zum langen sozialdemokratischen Bestehen in Einbeck.

»Nichts kommt von selbst. Und nur wenig ist von Dauer. Darum – besinnt Euch auf Eure Kraft und darauf, dass jede Zeit eigene Antworten will und man auf ihrer Höhe zu sein hat, wenn Gutes bewirkt werden soll«, zitierte Unterbezirksvorsitzende Frauke Heiligenstadt Willy Brandt bei der Fest­veranstaltung im Altern Rathaus zu »150 Jahre SPD in Einbeck«. In den vielen Jahrzehnten des Bestehens haben die Sozialdemokraten viel erreicht, darauf können sie stolz sein. Wie beim Lied »Wir schreiten Seit’ an Seit’« gelte es, auch zu-künftig sich für Demokratie und friedliches Zusammenleben einzusetzen.

Einbeck. Bei der Begrüßung freute sich Marcus Seidel, Vorsitzender des SPD-Ortsvereins und stellvertretender Bürgermeister der Stadt Einbeck, dass so zahlreiche Mitglieder, Interessierte und Ehrengäste zur Jubiläumsveranstaltung gekommen waren. Von 1869 stammen die ersten Belege, dass ein Zweigverein des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins (ADAV) in Einbeck existierte, fünf Jahre nach dessen Gründung durch Ferdinand Lassalle in Leipzig. Einbeck gehört somit zum Urgestein und zur Keimzelle der deutschen Sozialdemokratie, so Seidel.

Zahlreiche Personen haben sich seitdem für die SPD und ihre Werte eingesetzt. Mit Engagement werden Ziele wie Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit stetig verfolgt. Seidel dankte allen, die gemeinsam schreiten »Seit’ an Seit’« wie Peter Traupe und Rita Moos, Vorsitzende der SPD-Abteilung Kernstadt, die Verantwortlichen der Jubiläumsveranstaltung.

Tradition wie keine andere Partei

150 Jahre stelle eine lange Zeit dar, betonte Landrätin Astrid Klinkert-Kittel, auf so eine Tradition kann keine andere Partei zurückblicken. Für Freiheit, Gerechtigkeit und Demokratie wurde stets gekämpft, das Frauenwahlrecht erstritten und sich großen Herausforderungen gestellt. »Die SPD hat sich in diesen langen Jahren viele Aufgaben auf den Buckel geladen, einige sich aufladen müssen. Nicht alle waren angenehm und unter manchen Lasten hat sie gewankt. Gefallen ist sie selten«, zitierte sie Willy Brandts Aussage zum 125. Jahrestag der Partei 1988.

Einbecker SPD: Idealismus, Einsatz und Freude

Herausforderungen wurden angegangen und gemeinsam die Zukunft gestaltet, so Klinkert-Kittel. Die Werte der SPD leben von den Bürgern samt Interessen und Sorgen. Zusammen mit der Basis kann man gute Lösungen und Antworten finden. Idealismus, Einsatz und Freude, etwas für ihre Stadt und die Region zu leisten, prägen die Einbecker SPD-Mitglieder. Die Landrätin rief dazu auf: »Macht weiter so!«.
Die Sozialdemokraten setzten sich immer für die Freiheitsbewegung ein, so Heiligenstadt. Auch in schwierigen Zeiten galt der Spruch von Otto Wels »Freiheit und Leben kann man uns nehmen, die Ehre nicht«. Unter SPD-Regierungen gab es Meilensteine wie die Ostpolitik von Willy Brandt oder die Kriegsverweigerung von Gerhard Schröder.

Ortsverein: Gute Basis, hervorragende Arbeit

Der Ortsverein Einbeck sei ein großer »Schatz« mit seiner guten Basis, leiste hervorragende Arbeit und bringe immer wieder wegweisende Ideen ein. Die Sozialdemokratie brauche Unterstützung, Kraft und Erfahrung der Ehrenamtlichen wie in Einbeck. Ein gerechtes, friedliches Zusammenleben gelinge nur, wenn man miteinander rede und gemeinsam etwas auf die Beine stelle.

SPD-Historie in Comic-Form

Selbst, wenn einem der Wind heftig ins Gesicht blase, gelte es, standhaft zu bleiben, Haltung zu bewahren und zu seinen Überzeugungen zu stehen. Die Mitglieder der Ortsvereine – wie in Einbeck – leben das vor. Zum Jubiläum gratulierte Heiligenstadt und überreichte Präsente wie ein »Überlebenspaket« mit Traubenzucker oder Flaschenöffner, aber auch ein Buch zur Geschichte der SPD in Comic-Form, mit dem es eventuell möglich sei, Interesse bei jüngeren Mitbürgern zu wecken.

Weil: Einbecker SPD kann stolz sein

Die Einbecker Sozialdemokraten können stolz sein, erklärte Stephan Weil, Niedersächsischer Ministerpräsident, ihr Ortsverein zähle zu den ältesten in Deutschland. In den vergangenen 150 Jahren haben sie einen großen Beitrag für Einbeck und die Region geleistet. Persönlichkeiten prägten das Leben und die Geschicke der Region. Nicht immer hänge der SPD-Himmel voller Geigen – wie momentan nach den Wahlen in Thüringen und der Bürgermeisterwahl in Hannover. Wichtig sei, die Herausforderungen anzugehen und gestärkt daraus hervorzugehen.

Schon als junger Schüler war er am politischen Geschehen wie an der Ostpolitik von Willy Brandt interessiert. Nach dem Studium in Göttingen kehrte er zum Referendariat nach Hannover zurück und wurde mit 31 Jahren SPD-Vorsitzender in der Landeshauptstadt. Als Neuling lernte er schnell die Wichtigkeit der Veranstaltungen der Ortsvereine kennen. Die Basis fülle die SPD mit Leben, Geschichten, Erfahrungen, Wissen und Engagement. Als Volkspartei sei sie für allen Menschen da. Wilhelm Raabes Aussage »Blick auf zu den Sternen, gib acht auf die Gassen« treffe zu, so Weil. Ziele soll man sich setzen, doch niemals die Basis vergessen.

Kein Naturgesetz: 70 Jahre ohne Krieg

Sozialdemokraten prägten über Generationen politisches Geschehen und Gesellschaft. Sie trotzten Herausforderungen und Veränderungen und konzipierten ein Wertegerüst – einen roten Faden mit einzelnen Knoten als wichtigen Eckpunkten. Dazu zähle der stetige Einsatz für Demokratie und Freiheit. Seit mehr als 70 Jahren lebe man ohne Krieg, das sei nicht selbstverständlich und kein gegebenes Naturgesetz, mahnte der Ministerpräsident. Viele Länder wünschen sich Frieden, jeder sollte sich dafür einsetzen und keine Kompromisse eingehen.

Die SPD stehe für soziale Gerechtigkeit und Gleichheit. Unakzeptabel sei, dass einige Menschen im hellen Licht stehen und andere im dunklen Schatten. Die bunte deutsche Gesellschaft werde geprägt von Vielfalt. Jeder Mensch habe Anspruch, auf gleiche, faire Chancen, etwas aus seinem Leben zu machen. Populismus und Rechtsdruck führe zu Ausgrenzung und Spaltung, dem gelte es, vehement entgegenzutreten.

Gegründet von Arbeitern und Gesellen

Die SPD sei eine Partei der Arbeit. In Einbeck wurde sie von Zigarrenarbeitern und Schneidergesellen gegründet. Nach Karl Marx arbeite der Mensch nicht nur der Arbeit wegen, sondern für die Selbstverwirklichung. Diese Aussage treffe zu. Auch für nachfolgende Generationen sei es wichtig, Freude am eigenen Handeln und Gestalten zu haben. Einen wichtigen Baustein für ein erfüllendes Leben mit Gleichheit und Gerechtigkeit stelle zudem die Bildung dar. Menschen müssen Anreize haben, sich zu engagieren und einzubringen sowie sich zu verwirklichen und weiterzuentwickeln.

Nicht abgehoben agieren, sondern bürgernah

Die SPD sei eine Partei des Zusammenhalts und dürfe sich auch in schwierigen Zeiten nicht selber demontieren, mahnte Weil. Politiker sollten nicht abgehoben agieren wie »Aliens aus einer fernen Galaxie«, sondern müssen sich für die Bürger interessieren. Er höre oft in Gesprächen »Sie sind ja ganz normal«, das sei ein großes Lob und spiegele sein Interesse für die Basis wider. Als größte Partei Deutschlands habe die SPD 450.000 Mitglieder, von ihren Erfahrungen und dem geballten Wissen sollte man profitieren.

In den vergangenen 150 Jahren gab es Glanzstunden und bittere Perioden. Ohne Persönlichkeiten wie Lassalle, Brandt, Schmidt und Schröder wäre die Geschichte anders gelaufen, sagte Weil, »die SPD ist mit das Beste, was Deutschland hervorgebracht hat.« Krisen der Vergangenheit wurden erfolgreich gemeistert, positiv soll man immer die Zukunft angehen. Massive Veränderungen ergeben sich immer wieder, auf sie muss man sich einstellen. Der technologische Wandel beeinflusst die Menschen, die Welt rücke einerseits zusammen, andererseits werde sie auch uferlos. Überall könne man Urlaub machen und trotzdem erschlagen werden von zunehmender Informationsflut.

Klares und verständliches Handeln

Manche meinen, die Sozialdemokraten werden nicht mehr benötigt, so Weil, das treffe auf keinen Fall zu. Sie geben auch den Mitmenschen eine Stimme, denen es nicht so gut gehe. Nicht nach hohen Sternen am Himmel sollte man nur streben, den Alltag dürfe man nie vergessen, appellierte Weil. Klar und verständlich sei zu handeln, getragen von begeisternden Mitgliedern wie in Einbeck. Zum Abschluss lud der Ministerpräsident ein, Mitmenschen mit guter Laune anzustecken, bei ihnen Interesse für Politik zu wecken und nicht die Asche zu bewahren, sondern immer wieder die »SPD-Glut zum Glühen zu bringen«.

Viel Beifall gab es für Stephan Weil. Rita Moos und Peter Traupe bedankten sich bei ihm mit Einbecker Geschenken, freuten sich über eine gelungene Veranstaltung und wünschten noch einen interessanten Abend mit anregenden Gesprächen.mru

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