»Ein Lauf ist wie ein Leben mit vielen Ereignissen«

Dieter Baumann präsentierte laufend sein neues Bühnenprogramm im Alten Rathaus | Bewegende Unterhaltung

Dieter Baumanns außergewöhnliche Show »Läuft halt« begeisterte die zahlreichen Zuschauer im Alten Rathaus.

Einbeck. »Manchmal denk ich, ich bin noch nie so frei gewesen wie in den beiden Stunden, wenn ich den Weg draußen vor den Toren lang trotte und bei der laublosen, brautbauchigen Eiche am Ende des Heckenwegs wende. Weil mir beim frühmorgendlichen Langstreckenlauf der Gedanke kommt, dass ein jeder solcher Lauf ein Leben für sich ist – ein kleines Leben weiß ich –, aber ein Leben voller Elend und Glück und voller Ereignisse«, die Aussage aus dem Roman »Die Einsamkeit des Langstreckenläufers« gilt auch für Dieter Baumann. Er hat immer weiter »Luscht am Laufen« und am Performen vor Zuschauern – wie er es im Vorfeld des 17. Einbecker Bierstadtlaufs im Alten Rathaus vor 150 Zuschauern eindrucksvoll präsentierte. Viel Beifall gab es für seine außergewöhnliche Show, zahlreiche Gespräche führte er mit Laufbegeisterten im Anschluss.

Lars Engelke, Organisator des Bierstadtlaufs, freute sich, nach 2012 mit der Show »Körner, Currywurst, Kenia« erneut den Olympiasieger von 1992 in Einbeck begrüßen zu können. Zusammen mit den Anwesenden war er gespannt, was sie bei der laufenden »Weltsensation« erwarte.

Der bekannte Läufer aus Tübingen betonte, dass er immer »Luscht« habe zu laufen und dieses gern auch weitervermittle – auf dem Laufband. Seit zehn Jahren auf zig Bühnen unterwegs, hatte er die Idee, einmal eine Show zu entwickeln, bei der er nicht nur vom Laufen erzähle, sondern es tatsächlich auch mache. Herausgekommen sei »Läuft halt«, fügte er schmunzelnd hinzu; Mal schnell, mal langsam, laufend, singend oder auch tanzend –, da müssten die Zuschauer jetzt durch.

»Wenn du laufen willst, lauf eine Meile, wenn du ein neues Leben kennenlernen willst, lauf einen Marathon«, zitierte er Emil Zatopek, eine gute Erklärung, warum so viele Tausend Menschen jedes Jahr einen laufen. Sie wollen ein neues Leben. Getoppt werde dies von Ultraläufern. Bei denen gelte: »Wenn Du das Universum kennenlernen willst, laufe einen Ultramarathon.«

Als ehemaliger Mittelstreckler hab er das auch mal erleben wollen – beim 100 Kilometer-Lauf in Biel in der Schweiz. Zunächst scheint sein neues Bühnenprogramm davon zu handeln, doch ergänzt Baumann die gefühlte »Einsamkeit des Langstreckenläufers« mit Erinnerungen, Appellen zur »Luscht am Laufen« und witzigen Ereignissen, er garniert sie singend und tanzend - und das auf dem Laufband.

Egal, ob über fünf oder 100 Kilometer unterwegs, jeder Lauf sei etwas Besonderes, so Baumann. Einige haben das besondere Gefühl mehrmals die Woche, andere ein bis zwei Mal sowie weitere wollen jeden Frühling beginnen, mal zu laufen. Bei jedem Wettkampf – auch in Biel – gebe es verschiedene Typen: klassische Tiefstapler mit angeblichen Zipperlein oder auch Großmäuler. Beim Ultralauf in der Schweiz blieb solch einer in neongelben Stützstrümpfen (»Gelbsocke«) dem Olympiasieger im Gedächtnis, da er vor Beginn sagte: »Baumann vergiss mich nicht, ich überhole Dich, ich warte auf Dich.« Unterwegs trafen sie sich oft, samt warmem Atem bei schwierigen Stellen im Nacken. Im Ziel kamen sie kurz hintereinander an, umarmten sich und tranken ein Bier.

Ob Vorfuß- oder Hinterfußläufer sowie Schlurfer, Schnelltrippler oder ausladender Schreiter, jeder habe seinen eigenen Stil – und diesen sollte man auch behalten. Viele fragen ihn, wie sie besser, schneller oder effektiver laufen können – man soll nur »laufen« und seine individuell beste Lösung finden, so Baumann. Verschiedene »Gurus« existieren, die neues Wissen propagieren wie kürzlich einer in seiner Heimatstadt Tübingen, der empfahl meditative Bewegung ohne Anstrengung. Dies sei nicht möglich, so Baumann. Im Ziel wolle man sich glücklich, aber ausgepumpt fühlen – und nicht fit, um noch lange weiterzulaufen.

Von Sebastian Krämer stammt der »Goldmedaillen-Reggae«, den Baumann im Alten Rathaus auch anstimmte, bei dem es um Sinn und Zweck sowie Aufbewahrungsmöglichkeiten von Medaillen ging. Da oft nur »Staubfänger« ohne sinnvolle Aufbewahrungsmöglichkeit – verleih er seine Goldplakette von 1992 viele Jahre an das Sportmuseum in Köln. Als er sie vor sechs Jahren wiederbekam, wollten Unzählige sie sehen und noch einmal die Geschichte des Siegeslaufs hören.

Früher eher »Sprinter« als eine »Lokomotive« wie Zatopek, widmete er sich im Herbst seiner Karriere längeren Strecken. Oft nach fünf Kilometern bekomme er jedoch »psychische Probleme«, schmunzelte er, die immer schlimmer werden: Die Erinnerung an den Goldlauf vor 27 Jahren in Barcelona keime dann auf. Schon beim Gewinn seiner ersten Deutschen Meisterschaft 1986 sagte er, dass jedes 5.000 Meter-Rennen wie das Malen eines Bildes sei. Jede Runde kommen Farbstriche hinzu, der Schluss-Sprint sei der entscheidenden Farbklecks zur Vollendung. Dies war auch in Barcelona so. Die Stimmen der Sportmoderatoren beim Zieleinlauf und die Siegerehrung vor mehr als 50.000 Menschen hallen immer noch nach.

Die Kompositionen des Malens begleiteten ihn oft erfolgreich, viel Glück und Unterstützung hatte er, dass sich zahlreiche Erfolge einstellten. Wie ein magischer Kleinkünstler mit einem magischen »Viereck« demonstrierte er, dass Leben oder Läufe immer neue Herausforderungen bieten, die man darin einarbeiten müsse. Wichtigkeiten verschieben sich und mit Problemsituationen müsste man sich auseinandersetzen, damit alles wieder in den Rahmen passe.

2000 von den Olympischen Spielen wegen der Zahnpasta-Affäre suspendiert, konnte er nicht mehr Bundestrainer werden. Stattdessen orientierte er sich auf Kleinkunst und Langstreckenläufe. Sein erster Marathon 2002 in Hamburg verlief nicht erfolgreich. Locker bis Kilometer 25 laufend, wartete er nach Rat von Herbert Steffny mit Tempoverschärfungen ab und wurde ab Kilometer 28 dennoch immer langsamer. Viele überholten »Baumann« und gaben ihm einen Aufmunterungsklaps – es half nichts. Da noch mehr als 20.000 Sportler hinter ihm waren, hatte er Angst vor weiteren »Schlägen«, er stieg frustriert aus.
Hinterher erreichte ihn viel Kritik, denn Freizeitsportler geben nicht auf. Es gelte, sich durchzubeißen, zu kämpfen und vorwärts zu schauen – wie damals als »Zahnpasta-Mann« bei der Neuausrichtung seiner Laufbahn. Nach seinem Karriere-Ende 2003 war er aber auch froh, dass die »strunzdoofe Schinderei« endlich ein Ende hatte, nicht aber die »Luscht« am Laufen.

Diese vermittelt er gern weiter, an Interessierte bei Seminaren und Veranstaltungen, aber auch an Jugendliche in Justizvollzugsanstalten. Zwar können sie nicht wie bei »Die Einsamkeit des Langstreckenläufers« mit Baumann aus dem offenen Gefängnistor herauslaufen, kurzfristige Freiheit erleben und nach zwei Stunden wiederkommen, doch sei für sie Sport als Bewegungsausgleich und Motivationsschub sehr wichtig – selbst auf einem kurzen 200 Meter-Rundkurs im Innenhof.

Viele Herausforderungen galt es auch in Biel bei den 100 Kilometern zu überwinden: Dunkelheit beim nächtlichen Lauf, Nebel, Dauerregen, nervige Anheizer, »Gelbsocke« mit heißem Atem im Nacken, schwierige Passagen, »Baumann«-Erkenner mit Motivationsrufen und -klapsen, aber auch die Frage des Durchhaltens oder des Sinns des Vorhabens. Im Ziel kam er kurz hinter »Großmaul Gelbsocke« an, umarmte ihn und trank ein Belohnungsbier mit ihm. Etwas zu schaffen, sei belohnenswert – geteilte Freude bereite vermehrt Spaß. Laufen erzeuge unendlich viel Freude, betonte er, auf der Bühne lebt er das vor. Mit Mimik, Gestik, Gesang oder Tanz untermalte er seine Laufshow, schien über das Laufband zu schweben und garnierte die Darbietungen mit »bewegenden« Tanzeinlagen zu »Singing in the Rain«, ­Lieder der Blues Brothers oder »I Got You«. Und er rief die Anwesenden auf: »Geht raus und lauft.

Nehmt am Bierstadtlauf oder anderen Wettkämpfen teil. Genießt das Laufen. Es ist ein kleines Leben voller Glück und Ereignisse.« Viel Beifall gab es für den Laufband-Entertainer. Engelke dankte ihm für die mitreißende, bewegende Show mit einem besonderen Bierstadtlauf-Präsent.mru

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