Ein Problem ohne einfache Lösungen

Auf Einladung von Dr. Roy Kühne: »Pflegeausbildung auf dem Prüfstand« | Betroffene diskutieren

Dr. Roy Kühne, Heidi Lilienthal, Marina Lembke, Daniel Schlanstedt und Petra Mannigel (von links) haben miteinander und mit den Besuchern der Veranstaltung im BBS-Forum über das Thema Pflegeausbildung diskutiert.

Einbeck. »Wir fordern mehr Wertschätzung«, »Wir fordern mehr Anleitung«, »Wir fordern einen besseren Tarifvertrag«, »Azubis sind keine !!! Fachkräfte«: Wenn man die Pflegeausbildung auf den Prüfstand stellt, welche Wünsche äußern – angehende – Pflegekräfte? Und welche Verbesserungen brauchen die ambulanten und stationären Anbieter? Von vielen Seiten ist das Thema Pflege beleuchtet worden bei einem Diskussionsabend, zu dem der CDU-Bundestagsabgeordnete Dr. Roy Kühne jetzt eingeladen hatte. Er ist Berichterstatter seiner Fraktion für Pflege. Ein besonderer Blick wurde dabei auf die im vergangenen Jahr reformierte Pflegeausbildung geworfen: Taugt sie, oder zieht sie weitere Kräfte aus diesem Bereich ab?

Pflegeausbildung müsse sich ändern, und sie ändere sich auch, stellte der Leiter der Berufsbildenden Schulen Einbeck, Renatus Döring, fest. Es sei ein gemeinsamer Kraftakt, Pflege attraktiver zu machen, denn das sei notwendig. Fest stehe in jedem Fall, dass das Thema an Gewicht gewinne.

Die angekündigte Niedersächsische Ministerin für Soziales, Gesundheit und Gleichstellung, Carola Reimann, die einen Vortrag halten sollte, entschuldigte der Abgeordnete Dr. Roy Kühne: Sie sei krankheitsbedingt ausgefallen, »aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben«, versicherte er.

Der künftige Bundesgesundheitsminister Jens Spahn sehe das Thema »sehr, sehr, sehr betriebswirtschaftlich«, bedauerte Dr. Kühne. »Je konkreter wir werden, desto besser können wir Antworten finden«, umriss er seine Sicht auf den Bereich Pflege. Allein die Zahlenlage zeige ebenso wie die Altersstruktur der Beschäftigten und der Gesellschaft, wie brisant das Thema sei. Die Ausbildung sehe eine enge Verknüpfung von fachlicher Qualifikation und Theorie vor.

14 Prozent aller Stellen seien derzeit »mangels Eignung« nicht besetzt. Gerade im ländlichen Raum sei es wichtig, dass es Pflegemöglichkeiten vor Ort gebe, aber man müsse auch die Wirtschaftlichkeit, etwa bei weiten Fahrstrecken, im Blick behalten. Grundsätzlich stelle sich die Frage, wie man den Pflegeberuf attraktiver machen könne. Versorgung habe auch mit Teilhabe zu tun, es sei nicht richtig, immer nur den knallharten wirtschaftlichen Aspekt zu sehen. Förderlich wäre es sicher, wenn alle Beteiligten mehr miteinander reden würden, doch aktuell sehe jeder nur seine »Baustellen«.
Für die Bundesregierung sei Pflege ein zentrales Anliegen, 8.000 Pflegestellen sollen zeitnah neu geschafften werden. Aber man müsse nicht nur mehr Geld ins System geben, sondern es insgesamt so ansprechend machen, dass Interessierte auch anfangen – und bleiben – wollten. Dabei sei es derzeit so, dass eine Pflegekraft ihren Beruf nach etwa sieben Jahren wieder aufgebe. Positiv sei immerhin, dass die Zeiten des Schulgelds vorbei seien.

Überraschend, so Dr. Kühne, sei die Situation nicht: Die demografische Entwicklung sei seit mindestens acht oder zehn Jahren bekannt. Wichtig sei es, dass der Pflegeberuf als wertvoll erkennt werde. »Wir müssen mehr Menschen davon überzeugen, dass das ein schöner Beruf ist«, und das müsse schon in den Schulen und weiter in den Ausbildung deutlich werden. Eine wertvolle Leistung koste Geld, sie würden nicht umsonst erbracht – das sei auch eine Frage des Respekts.

Etwas habe er in der Politik schnell gelernt, so der Abgeordnete: Manchmal dauere es verdammt lange, bis sich etwas ändere, »und Zeit haben wir nicht.« Umso entscheidender sei es deshalb, dass sich an mehreren Rädchen in der Pflege etwas drehe.

In der Diskussion mit Petra Mannigel, Teamleitung Pflegeassistenz der BBS, Daniel Schlanstedt und Marina Lembke, Auszubildende in der Altenpflege, sowie Heidi Lilienthal, Pflegedienstleitung der Inneren Mission, Northeim, wurden unterschiedliche Aspekte der Ausbildung thematisiert. Es gebe eine hohe Abbrecherquote, wurde bemängelt, und der Beruf sei für Männer nicht sonderlich attraktiv; für Frauen wiederum seien einige Bereiche sehr schwer, weil gerade im ambulanten Bereich Kraft erforderlich sei. Die Generalistik, die Altenpflege, Gesundheits- und Krankenpflege und Gesundheits- und Kinderkrankenpflege zu einem neuen, gemeinsamen Pflegefachberuf mit Schwerpunktbildung zusammenführt, sei eine falsche Lösung, hieß es: »Das bringt uns in der Altenpflege nicht weiter.« Wenn es um die Spezialisierung gehe, würden sich vermutlich mehr Beschäftigte für die Kinder- statt für die Altenpflege entscheiden. Die Diskussionsteilnehmer sprachen sich gegen politische Schnellschüsse aus, und Generalistik werde die Probleme nicht lösen.

Besser als »überall mal« etwas mitzunehmen, wäre eine gute Ausbildung, die in die Tiefe gehe. Ausbildung zu verbessern, bedeute nicht, Inhalte zu kürzen.
Für Auszubildende ergebe sich noch zusätzlich die Situation, dass sie zu viel machen müssten in den Einrichtungen: Sie seien – noch – keine vollen Kräfte, entsprechend wünschten sie sich auch mehr Anleitung, die sie auf dem Weg durch die Ausbildung begleite.

Schließlich müsse sich in der Bezahlung etwas ändern: Wer dürfe denn entscheiden, wer wieviel wert sei? Unterschiedliche Tarife führten dazu, dass sich wohl jeder nach einer generalisierten Ausbildung für das entscheide, was mehr Geld bringe. »Generalistik ist kein Instrument, um das Image der Pflege zu verbessern, sondern das wäre für die Altenpflege ein Jobkiller«, so die Kritik. Es sollte aber die Entscheidung für diesen Beruf aus Freude an der Arbeit in der Pflege ausgehen.

Eine Pflegekammer wurde nicht als Lösung, sondern als »Gespenst« empfunden. Offen seien die Fragen, wofür sie stehe und was sie bringe. Es bleibe das Gefühl »noch eine Institution mehr«. Die Kammer ersetze keine gute Verbandspolitik, und sie werde die Probleme nicht lösen.

Die Reform der Pflege, so das Fazit der Diskussionsteilnehmer, sei kein Thema »für nebenbei«. Es werde jedoch alle treffen, und es wäre schön, wenn jeder alte Mensch jemanden hätte, der sich mit Herz und Verstand um ihn kümmere. Er sei, ergänzte Dr. Roy Kühne, für seine politische Arbeit dankbar für alle Hinweise und Ideen.ek

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