Einbecker Empfehlungen für Zukunft nutzen

Expertengruppe »Städtebaulicher Denkmalschutz« tagte in Einbeck | Wertschätzung und Impulsgabe

Angetan von den erarbeiteten Einbecker Empfehlungen der Expertengruppe um Dr. Ulrike Wendland (Mitte) und Thomas Dienberg (Zweiter von rechts) waren von der Stadtverwaltung (von links) Kriemhild Fricke, Joachim Mertens und Bürgermeisterin Dr. Sabine Michalek.

Einbeck. Große Schätze existieren vor Ort, ­Herausforderungen sollte man ziel- und lösungsorientiert angehen, auch mal Kreativität und neue Ideen anwenden sowie die Bürger mit einbinden, stellten Thomas Dienberg und Dr. Ulrike Wendland, Vorsitzende der Expertengruppe »Städtebaulicher Denkmalschutz«, als »Einbecker Empfehlungen« vor. Themen ihrer Zusammenkunft in Einbeck waren unter anderem Herausforderungen und Ziele der städtebaulichen Denkmalpflege, Handlungsansätze im Gebiet »Neustadt – Möncheplatz« sowie Demografie, Mobilität oder klimabasierte Aufgaben bei Naturereignissen wie Trockenheit oder Überschwemmung. Bei einem Stadtrundgang wurden markante Punkte in Augenschein genommen und darüber diskutiert.

Die Expertengruppe ist ein von der Bundesministerin für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit berufenes Gremium zur fachlichen Begleitung des Programms »Städtebaulicher Denkmalschutz«. Mit neun Mitgliedern ist sie interdisziplinär zusammengesetzt und besteht aus anerkannten Fachleuten der Gebiete der Denkmalpflege, Stadtplanung, ­Architektur und des Umweltschutzes. Zu ihren Mitgliedern gehören Vertreter der Landesdenkmalämter, der für die Städtebauförderung zuständigen Landesministerien, der Kommunen, der Wissenschaft und Publizistik sowie der Deutschen Stiftung Denkmalschutz. Sie unterstützt den Prozess der Erhaltung und Weiterentwicklung von Städten und Gemeinden, in­dem sie aktuelle stadtentwicklungspolitische Fragen im Kontext des Programms »Städtebaulicher Denkmalschutz« analysiert, frühzeitig Probleme signalisiert und Forschungsthemen anregt.

Zweimal im Jahr trifft sie sich und lädt ergänzend auch Referenten ein. In Einbeck waren neben Bürgermeistern aus Goslar und Bad Gandersheim auch Vertreter des niedersäch­sischen Ministeriums für Umwelt, Energie, Bauen und Klimaschutz vor Ort sowie Christine Krafczyk oder Dr. Thomas Kellmann vom niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege. Joachim Mertens und Krimhild Fricke von der Stadtverwaltung sprachen über Herausforderungen und Handlungssätze im Gebiet »Neustadt – Möncheplatz.«

Begeistert von den Empfehlungen der Expertengruppe waren Vertreter der Politik wie auch Bürgermeisterin Dr. Sabine Michalek. Sie lobte die Fachtagung mit wertvollen Expertisen und hochwertigen Diskussionen. Dank der Empfehlungen habe man Bestätigung in zahlreichen Bereichen bekommen sowie Anregungen für weitere oder bestehende Projekte. Zudem wurden wertvolle Kontakte geknüpft oder Ideen erhalten, neue Wege zu gehen. Einbeck ist ­bekannt für Fachwerkhäuser, vielleicht könnte die traditionelle Holzbauweise zum Forschungsprojekt werden.

Wichtig sei, so die Bürgermeisterin, mit Transparenz qualitative Prozesse anzugehen; also ohne politische Rangelei gemeinsam lösungsorientiert voranzuschreiten. Man habe historische Funde – wie die 800 Gewölbekeller – mit ihnen sollte man mehr »wuchern«.

Vor Ort sehe man sich nicht nur die Sahnestücke an, so Dienberg, sondern intensiv auch die Herausforderungen. In jeder Stadt lerne man von den jeweiligen Stärken und Schwächen hinzu, erklärte Dr. Wendland. Mit Demografie oder Mobilität haben viele zu kämpfen. Interessant seien die verschiedenen Herangehensweisen der Städte an die jeweiligen Herausforderungen. Für Klarheit und offenen Umgang mit den Problemzonen vor Ort bedankte sich Dr. Wendland bei Bürgermeisterin und Stadtverwaltung.

Mit der Neustadt habe man sich beschäftigt, sie habe großes Potenzial. Teilweise werde sie in Einbeck »als Ort außerhalb der guten Stube« angesehen. Die Chancen, einen ruhigen, angenehmen und attraktiven Raum entstehen zu lassen, sollte man nutzen.

In ihrer Funktion als ehemalige Bundesstraße leidet die Altendorfer Straße. Sie verfestigt zu­dem die Trennung von Alt- und Neustadt, dem gelte es, gezielt entgegenzusteuern. Durch Instandsetzung könne man sie aufwerten und dabei den Neustädter Kirchplatz als Anker zur Revitalisierung nutzen.

Der dortige Charme der 60er und 70er Jahre-Moderne hatte was, so Dr. Wendland. Die wie in Einbeck durchgeführten Bebauungswett­bewerbe seien immer gute Anlässe, anhand der Entwürfe zu diskutieren, was gewollt wer­de. Die angedachte reduzierte und multifunktionale Fläche für den Platz gefalle ihr. Damit könnte ein zentrales Areal für Feste, Märkte und Veranstaltungen entstehen – und eine Quartiersbelebung dank Aufenthaltsmöglichkeiten.
Wenn man Geld in die Hand nehme, sollte man immer in Qualität investieren, so die Vorsitzende der Expertengruppe, das zahle sich nachhaltig aus. Bei fundierten und hochwer-tigen Planungen sei die Akquise von Fördermitteln zudem einfacher.

Beeindruckt war Dienberg von der Vielzahl besonderer Objekte in Einbeck. Sanierung habe in Einbeck eine lange Tradition. Einige Gebäude scheinen aber, »aus der Zeit gefallen zu sein«. Bei ihnen müsste man eine »Sanierung der Sanierung vornehmen«.

Handlungsbedarf bestehe bei größeren Fassaden oder bei der Werbeanlagensatzung. Bei der Auseinandersetzung damit könnten wegweisende Diskussionen entstehen, um Einbecks Baukultur wieder vermehrt in den Fokus zu rücken, die lange Zeit identitätsgebend war.

Dr. Wendland lobte das bürgerschaftliche Engagement für die Alte Synagoge und die Sanierung des ehemaligen Waisenhauses. Jahrelang galt beim Fachwerk die bekannte dunkle Farbe als manifestiert. Jetzt greife man eher wieder auf den jeweiligen Befund zurück, der auch mal rot sein könnte.

Die schmerzliche Lücke in der Altendorfer Straße werde momentan von zwei Containern »verschönert«. Auch dort gebe es viel Bebauungspotenzial. In Einbeck habe man eine 800-jährige Holz- und Lehmbaukompetenz – sie eigne sich auch für neue Gebäude.

Dr. Wendland ermutigte, auch mal zu experimentieren und neue Wege zu gehen. Statt große parzellenübergreifende Strukturen sollte man sukzessive kleinteilig wie in Stralsund vorgehen.

2017 wurde das Einzelhandelskonzept in Einbeck aktualisiert, lobte Dienberg. Anhand der vorhandenen Liste zum innenstadtrelevanten Sortiment sollte man vorgehen und diese für die »grüne Wiese« ausschließen. Das könnte auch den Leerstand verringern.

Das Eckgrundstück Knochenhauer Straße/­Neue Straße – wie jede Brache – sollte man mit konkurrierenden Verfahren sowie mit Sensibilität und Überlegung angehen, sagte Dr. Wendland. Einbeck lebt von Geschlossenheit, Dichte und Vielfalt historischer Bauten.

Komme man vom Bahnhof, stelle der Möncheplatz die erste Anlaufstelle dar. Durch Abriss der Mittelschule entstand er. Zwar könne es ein »dicker Brocken« sein, doch sollte man ihn intensiv »anfassen«, um Impulse zu geben und für Quartiers- und Qualitätsteigerung zu sorgen. Eine Möglichkeit sei, Hochschulen mit Semesterprojekten einzubinden. Junge und verrückte Ideen regen an, öffnen die Perspektiven und bieten langfristig großes Potenzial. Zudem plädierten Dienberg und Wendland dafür, Bürger zu beteiligen, um gemeinsam und nachhaltig die Einbecker Empfehlungen für die Zukunft gewinnbringend umzusetzen.

Bürgermeisterin Dr. Sabine Michalek, Jo­achim Mertens und Krimhild Fricke lobten den mehrtägigen intensiven Diskurs. Die Expertengruppe habe ihnen in vielen Bereichen den ­Rücken gestärkt und zahlreiche gute Anreize zum lösungsorientierten zukünftigen Handeln gegeben.mru

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