»Es ist gewisslich an der Zeit«

Zum Ewigkeits- oder Totensonntag / Choral und der alte Hymnus »Dies irae«

Unter den Chorälen zum Ewigkeits- oder Totensonntag steht im Evangelischen Gesangbuch an dritter Stelle (Nummer 149), nach dem bekannten »Wachet auf« und dem weniger bekannten »Herzlich tut mich erfreuen« das »Es ist gewisslich an der Zeit«, das in sieben Strophen das »Geschehen« des »Jüngsten Tages« beschreibt.

Einbeck. Von den sieben Strophen seien hier die erste und dritte wiedergegeben:

Es ist gewisslich an der Zeit, / dass Gottes Sohn wird kommen / in seiner großen Herrlichkeit, / zu richten Bös’ und Fromme. / Da wird das Lachen werden teu’r, / wenn alles wird vergehn im Feu’r, / wie Petrus davon schreibet.

Danach wird man ablesen bald / ein Buch, darin geschrieben, / was alle Menschen, jung und alt, / auf Erden je getrieben; / da denn gewiß ein jedermann / wird hören, was er hat getan / in seinem ganzen Leben.

Inhaltlich ist der Text eine freie Nachdichtung des lateinischen »Dies irae – Tag des Zornes« aus dem zwölften oder 13. Jahrhundert, der alten, dichterisch gestalteten Vision vom Ende der Welt, in der verschiedene Angaben des Neuen Testamentes (Offenbarung, 1. Brief des Paulus an die Korinther, 2. Brief des Petrus) zu einem seit der Zeit seines Ursprungs berühmten und geschätzten Hymnus zusammengefügt sind. Noch heute erklingt das »Dies irae« in seiner Originalfassung als wichtiger Teil vieler Requiem-Kompositionen wie sie immer wieder am Ende des Kirchenjahres aufgeführt werden (Mozart, Verdi, Berlioz). Man könnte also sagen, in der Nachdichtung »Es ist gewisslich an der Zeit« habe der ehrwürdige Hymnus aus dem Mittelalter mit seinen frühchristlichen Vorstellungen einen Platz in heutiger Zeit behalten.

Die Vorstellungen von dem strengen Weltenrichter Christus und seinem Endzeitgericht, wie sie in erster Linie der »Offenbarung des Johannes« entnommen sind, und die das »Dies irae« beschreibt, sind gegen Ende des Mittelalters vom Bild des »Heilands« und des guten »Hirten« der Evangelien überlagert. Eine ähnliche, veränderte Sichtweise auf Christus zeigt auch der Kirchenbau: Die lichtdurchfluteten Kathedralen der Gotik treten an die Stelle der oft dunklen Gottesburgen einer früheren Epoche: »Christus ist das Licht« heißt es in der Osterliturgie, und »Ich bin das Licht der Welt« sagt Jesus von sich im Johannes-Evangelium. Nun also in einer neuen Zeit helles »Licht« und ein segnender »Heiland« und »Hirte« an der Stelle des unerbittlichen »Richters«, wie er in den romanischen Domen und Kirchen oft dargestellt wurde. Aber im »Dies irae« und dem Choral, der dem Hymnus nachgedichtet ist, wird die alte Vision vom Gericht wieder ins Gedächtnis gerufen.

Diese Nachdichtung ist verfasst von Bartholomäus Ringwaldt (1530 bis 1599), der zunächst Lehrer, später Pfarrer gewesen ist. Er gehörte zu den zahlreichen Geistlichen, von denen bis heute ein Text im Gesangbuch beibehalten ist, und der – in einer Zeit, als nur wenige lesen und schreiben konnten – wohl für seine Gemeinde in einer einprägsamen, poetischen Form in deutscher Sprache etwas aus der alten Lehre über das irgendwann zu erwartende Weltende geben wollte (einen Gegenpol dazu bietet das Lied vom »Morgenglanz der Ewigkeit«, dessen Licht schon in die Welt hineinleuchtet).

Ähnlich haben ja auch Maler – Künstler vom Rang eines Michelangelo oder Hieronymus Bosch, aber auch schlichte Kunsthandwerker wie der (oder die) Kirchenmaler von St. Laurentius in Dassel – den Menschen ihrer Zeit das »Jüngste Gericht« eindringlich vor Augen führen wollen.D.A.

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