Frauen sollten öfter mal den Hut aufsetzen

Einbecker Frauenforum mit gelungener Veranstaltung im Alten Rathaus: | Vortrag, Büfett, Modenschau

Alle gut behütet: In der ausverkauften Rathaushalle begrüßte das Einbecker Frauenforum zum Weltfrauentag den Frühling.

Einbeck. Etwas Neues, Unterhaltsames und dabei Symbolträchtiges: Das Einbecker Frauenforum, ein Zusammenschluss der Frauen im Einbecker Stadtrat und der Gleichstellungsbeauftragten, hatte unter dem Motto »Frauen haben den Hut auf ...« am Internationalen Frauentag zu einer Feier ins Alte Rathaus eingeladen. Im Mittelpunkt stand der Hut, und die rund 150 Besucherinnen hatten einen kurzweiligen Abend mit Überlegungen zum Stand der Gleichberechtigung, mit einem kulturhistorischen Vortrag über die Kopfbedeckung, mit einem wunderbaren Büfett und mit einer Hutmodenschau, die mit stehenden Ovationen bedacht wurde.

Über die große Resonanz – und die zahlreichen Hüte – freute sich Ratsmitglied Beatrix Tappe-Rostalski. Das Einbecker Frauenforum wollte mit einem Fest in der Rathaushalle den Frühling begrüßen. Parteiübergreifend hätten sich die Ratsfrauen und Frauenbeauftragte Simone Engelhardt zusammengeschlossen, um mehr Frauen für Politik zu begeistern. Nicht mal ein Viertel der ehrenamtlichen Politiker seien Frauen. Im 44-köpfigen Einbecker Rat gebe es nur neun Frauen, und bei den Ortsbürgermeisterinnen sehe es ähnlich aus.

Wenn Mögliches entstehen sollte, müsse man Unmögliches versuchen: Feiern könne man 100 Jahre Wahlrecht. Viele Vorurteile seien dafür aus dem Weg zu räumen gewesen. Frauen mussten hart arbeiten, und sie dürften nicht aufhören, Gleichberechtigung einzufordern. »Männer und Frauen sind gleichberechtigt«, für diesen Satz im Grundgesetz musste hart gekämpft werden. »Wir ziehen unseren Hut vor diesen starken Frauen«, betonte Beatrix Tappe-Rostalski. Dieses wertvolle Geschenk müsse man behüten und entwickeln. Dabei würden die Frauen noch immer an Grenzen stoßen. In vielen Bereichen seien sie unterrepräsentiert, und beim Gehalt lägen sie durchschnittlich um 21 Prozent hinter den Männern. »Wir Frauen hätten mehr von gerechten Gehältern als von einer genderneutralen Hymne«, kommentierte Tappe-Rostalskis 18-jährige Nichte die aktuelle Debatte um die Nationalhymne. Die Frauen sollten Mut haben, für Rechte einzustehen, wünschte sich die Ratsfrau. Sie sollten ihren Hut öfter in den Ring werfen und auch mal den Hut ziehen.

Sie dankte Eunice Schenitzki, unter deren Hut die Idee entstanden sei, und allen, die als Kooperationspartner diesen Abend unterstützt haben: den Berufsbildenden Schulen Einbeck, Fingerfood Augusta, LM Lederwaren, Soroptimist International Club Einbeck-Northeim, der Tee-Oase in Einbeck und den Landfrauen Einbeck, ebenso den Sponsoren.

Die Gesellschaft wandele sich, aber »echte Gleichstellung wird in 480 Jahren erreicht sein«, stellte die Gleichstellungsbeauftragte Simone Engelhardt fest. Man sollte den Wert des Erreichten erkennen und im Blick haben, wohin man gehen wolle. Frauen hätten viele Interessen unter einen Hut zu bringen, und so sei er ein symbolträchtiges Kleidungsstück.

»Hutgeschichten« erzählte mit Blick drauf Ulla Feiste, und sie zeigte einen historischen Abriss des bedeckten Kopfes, dargestellt in Kunstwerken aus unterschiedlichen Jahrhunderten. Der exponierteste Körperteil werde auf unterschiedliche Weise bedeckt, und daran lasse sich der Stand der Gleichberechtigung nachvollziehen, angefangen bei Nofretete, die Mitregentin im Alten Ägypten war. Uta von Naumburg trug Schleier und Krone, die Herzogin von Burgund 1450 eine ausladende Doppelhaube, und verheiratete Frauen hatten die Pflicht, ihr Haar zu verhüllen. Eine »Haubendämmerung« setzte ab 1500 ein, und zur Fugger-Zeit waren sogar Haare teilweise sichtbar. Dass Frauen und Männer sich ähnlich bedeckten, war ein großer Bruch – wie später der kurze Rock oder die Hose für Frauen. Haube, Schleier oder Hut war stets ein Mittel zur Sichtbarmachen des sozialen Standes. Der wagenradgroße Hut spielt ebenso eine Rolle wie der Zylinder als modisches Accessoire des Bürgertums, und Spitzweg-Bilder zeigten beispielsweise eine große Bandbreite von Hüten und Mützen. Modistin oder Putzmacherin, diese Berufe boten Frauen früh die einzige Möglichkeit, berufstätig zu sein und eigenes Geld zu verdienen.

Einen Hut zu tragen – oder auch nicht – und entsprechende Kopffreiheit zu haben, diese Wahl haben Frauen noch nicht so lange. »Hut ab für die Frauenbewegung.« Ihr sei es gelungen, den Hut von seiner Symbolhaftigkeit zu lösen oder ihn neu zu besetzen, wie mit der Schiebermütze als Zeichen für sozialistische Ideale. Ab den 1920er Jahren eroberten die Frauen neue Räume, wurden berufstätig, konnten selbst reisen. Marlene Dietrich wurde mit Hosenanzug und Zylinder zur Stilikone, und sie machte die Baskenmütze populär. Weitere Freiheiten kamen in den 60er Jahren, und mit Jackie Kennedy und ihrer Pillbox war ein neuer Stil geboren. Beim Trend zur Kappe könne man der Eleganz vergangener Hutmode allerdings nur nachtrauern, schmunzelte Ulla Feiste. Und künstlerischer Umgang mit dem Schleier rege an zu einem gesellschaftlichen Diskurs. Es gebe, so ihr Resümee, für Frauen heute die Freiheit, den Hut ihrer Wahl auf- oder abzusetzen – und das sollte man feiern.

Frauen, die den Hut aufhaben, standen auf zwei roten Sofas BBS-Schülerinnen Rede und Antwort: Bürgermeisterin Dr. Sabine Michalek, Superintendentin Stephanie von Lingen, Soroptimistin Anne Fritz, Ortsbrandmeisterin Ilona Lux, Malermeisterin und BBS-Lehrerin Marie-Christin Wielert und BBS-Schülerin Karina Hartmann. Der Internationale Frauentag als weiterer Feiertag war dabei ebenso Thema wie die Frage, wie Frauen ihre Aufgaben unter einen Hut bekommen. Motivation für sie die Freude am Umgang mit Menschen, das gebe ihr Kraft, sagte die Bürgermeisterin: »Alles, was Sie mit Freude machen, das machen Sie gut.« Dass ihr der Hut nicht zu schwer werde, betonte Stephanie von Lingen. Sie teile sich die Stelle mit ihrem Mann, habe also nur einen halben Hut auf. Aber geteilte Leitung sei doppelte Kraft. Bei den Soroptimistinnen hätten die Mitglieder unterschiedliche Hüte auf, berichtete Anne Fritz.

Gemeinsam sei ihnen, dass sie sich über Generationen hinweg für Frauen einsetzten und das an ihre Töchter weitergeben wollten. Daraus ziehe sie Kraft, sich international für Frauen und Mädchen zu betätigen. »Da sein und sich durchsetzen«, so könne man sich als Frau eine Stimme verschaffen, erläuterte Ilona Lux. Die Bedeutung einer guten Ausbildung und eines vorbildlichen Auftretens betonte Marie-Christin Wielert, das gelte für das gesamte Handwerk. Mit ihrem Engagement in Schule und Ehrenamt kann Karina Hartmann als Vorbild für Jugendliche gelten. »Wir ziehen den Hut vor Ihnen«, dankten die Schülerinnen – und das gelte für alle, die ehrenamtlich den Hut auf hätten.

Nach einem vielseitigen Büfett, von Ines Klampfl gemeinsam mit einem BBS-Team zubereitet und serviert im frisch renovierten Sitzungssaal, wartete mit einer Hutmodenschau der umjubelte Höhepunkt des Abends: Moderiert von Simone Engelhardt, zeigten Schülerinnen und Schüler der BBS unterschiedliche Hutstile. Eine eigene Choreographie erzählte kleine Geschichten zu Stroh- und Regenhüten, zu Panama-, Cowboyhüten und Kappen. Eunice Schenitzki hatte diesen Programmpunkt, der mit stehendem Beifall bedacht wurde, vorbereitet, mit den Schülern mehrfach geprobt und die passende Musik ausgesucht. Hüte und Accessoires stellte LM Lederwaren zur Verfügung. Schalmütze, Schiebermütze, ein festlicher Anlasshut, der praktische Rollhut oder der klassische Elbsegler: Gekonnt setzten die Jugendlichen die Hüte in Szene, und sogar das Spitzweg-Bild, das Ulla Feiste zuvor erläutert hatte, wurde nachgestellt. Besonderen Beifall gab es für Alis Gesangseinlage, mit der er die Wartezeit auf seine gut behütete Freundin verkürzte. Als Models gelaufen sind Jana Melching, Mareike Grote, Sarah Dörger, Jana Wittlake, Andrea Köhler, Lena Falke, Arne Münz, Ali Naseri, Alhadinafaa Aljazaeri und Mohamad Malek Alawad.

Die Premierenveranstaltung des Frauenforums ist rundum geglückt, die Gäste bedankten sich mit einem Ziehen des Hutes, und die Bürgermeisterin wünschte sich in ihren Dankesworte, dass Frauen sich öfter trauten, den Hut aufzusetzen.ek

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