Genau hinschauen, sich berühren lassen, handeln

Zehn Jahre Diakoniestiftung »Nächstenliebe in Einbeck« | Diakonievorstand Hans-Joachim Lenke predigt

Das Kuratorium der Diakoniestiftung »Nächstenliebe in Einbeck«, hier mit Mitgliedern des Vorstands der Evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde Einbeck, feiert das zehnjährige Bestehen mit einem Gottesdienst in St. Alexandri; Zweiter von rechts der Kuratoriumsvorsitzende Michael Büchting.
Zum Jubiläum hat der Vorstandssprecher der Diakonie Niedersachsen, Oberlandeskirchenrat Pastor Hans-Joachim Lenke, in der Münsterkirche gepredigt.

Einbeck. Zehnjähriges Bestehen hat die Diakoniestiftung »Nächstenliebe in Einbeck« jetzt mit einem Gottesdienst gefeiert. Gewürdigt wurde dies unter anderem durch eine Predigt von Oberlandeskirchenrat Pastor Hans-Joachim Lenke, Vorstandssprecher der Diakonie Niedersachsen, vielen Einbeckern noch als Pastor an der Marktkirche St. Jacobi (1994 bis 2002) bekannt.

»Danket dem Herrn, denn er ist freundlich, und seine Güte währet ewiglich«, mit einem Vers aus Psalm 107 hieß Pastorin Mingo Albrecht die Besucher des Festgottesdienstes willkommen. Der Altar sei noch vom Erntedankfest geschmückt ­– heute feiere man auch eine Ernte: Aus dem zarten Keim der Diakoniestiftung sei eine stabile Pflanze geworden, die Früchte trage in der Gewährung von Soforthilfe und in Trägerschaft von Projekten. Mit Gottes Segen und menschlichem Tun sei das möglich geworden. »Wir sind aufgerufen, nicht wegzusehen, wenn Menschen in Not unsere Wege kreuzen«, sagte sie. Eine Kultur des Teilens mache eine Gesellschaft reich und glücklich.

Nicht alle Menschen hätten das Nötigste zum Leben: Die Diakoniestiftung, so Pastorin Albrecht weiter, wolle sie in den Blick nehmen. Welche Bedürfnisse das sein können, darüber berichteten Marco Spindler als Geschäftsführer der Diakoniestiftung und Gerhard Behrens, Mitarbeiter im Besuchsdienst GemEINsam. Öffentliche Daseinsvorsorge fange doch nicht alle Notlagen auf. In einer Krise schnell hilfreich zu handeln, wenn die öffentliche Hilfe nicht reiche, das sei Aufgabe der Stiftung. Mietkosten, eine Fahrkarte, eine Anschaffung: Lücken in akuter Not könnten geschlossen werden. Gott schenke Ressourcen und Talente, und die Stiftung wolle Starke und Schwache zusammenbringen. Aber auch Begegnungen werden ermöglicht, durch die 28 Mitarbeiter des Besuchsdienstes, die vor allem einsame und/oder Kranke besuchen. Einen Stein für Schweres und eine Feder für Erfreuliches in ihrer Arbeit zeigen sie symbolisch bei den regelmäßigen Treffen zum Erfahrungsaustausch. Allerdings, warnte Gerhard Behrens, müsse man die Grenzen des Mitleidens sehen, sonst gehe man mit unter, ohne jemanden retten zu können. Man müsse in sich einen festen Stand haben.

Das Evangelium Lukas 10, 25 bis 37, erzählt die Geschichte vom barmherzigen Samariter, »der Klassiker der Diakonie«, wie Pastor Hans-Joachim Lenke feststellte. Der Samariter tue das, was nahe liege, indem er einen Verletzten versorge und seine weitere Behandlung sicherstelle. Priester und Levit würden als Kontrast dagegen gesetzt, sie gingen achtlos am Leidenden vorbei. Verschiedene Gründe könne es dafür geben: Unsicherheit, Angst vor den Folgen. Der Samariter, ausgerechnet jemand, der am Rade der Gesellschaft stehe, tue, was notwendig sei. Er habe genau hingesehen, gesehen, was war, und er ließ sich anrühren, so dass er tat, was zu tun war. Und das sei, so Lenke, der diakonische Dreiklang: wirklich hinsehen, sich berühren lassen, handeln.

Seit Jahrhunderten sei das der starke Motor diakonischer Initiativen, auch für die Gründung diakonischer Unternehmen. Ganz konkrete Not habe den Ausschlag dafür gegeben. Jemand habe hingesehen und befunden: Es darf nicht sein, sich damit zufrieden zu geben. Der barmherzige Samariter habe dabei »Konjunktur«. Aber sei die Diakonie tatsächlich der Samariter? Er sehe sie eher als den Wirt, der beauftragt werde, eine refinanzierte Leistung zu erbringen.
Zehn Jahre Diakoniestiftung »Nächstenliebe in Einbeck«, da sei eine beeindruckende Geschichte, wie Not konkret gewendet werde, stellte er fest. Dafür brauche man Geld, das im System nicht vorhanden sei. Es sei gut, dass die Stiftung da eingreifen könne, dass sie abgebe und professionelle Hilfe leiste oder den Besuchsdienst regele. Auch das sei ein Samariterdienst, in professionellen Strukturen erbracht. »Herzlichen Dank dafür«, sagte er. Lukas, verwies er auf die Bibel, sei der Evangelist der Armen.

Er setze auf Zuspitzung, wolle bequeme Arrangements durcheinander schütteln. Gott lieben und den Nächsten, das war seine Antwort auf die Frage, wie man das ewige Leben finden könne. Es gehe nicht primär darum, dass Gott den Menschen liebe, sondern Liebe sei ein wechselseitiges Geschehen. Gott wolle ebenfalls geliebt werden. Diese Liebe finde ihre Ausdrucksform im Besuch des Gottesdienstes, im Gebet. Das Evangelium zeige, wer der Nächste sein könne: der Mensch, den man sehe, wenn man hinschaue und sich berühren lasse. Dem Nächsten Bruder sein, tun, was der Samariter getan habe: Glaube und Handeln im Zusammenklang, das sei ein guter Weg, bei aller Unvollkommenheit ewiges Leben zu erreichen.

Der Kalender sehe den Erntedank vor, stellte Michael Büchting, Vorsitzender des Kuratoriums der Stiftung. Die Diakoniestiftung wolle den Tag auch nutzen, sich bei allen zu bedanken für die Begleitung in zehn Jahren und in der Zukunft. Am 17. Juli 2009 wurde sie formal gegründet. Ihr Auftrag sei Diakonische Arbeit, insbesondere Soforthilfe in Notsituationen. Dieses Ziel könne man mit Hilfe vieler Unterstützer erreichen. »Es ist großartig, was wir erleben durften«, stellte er fest.

Die Stiftung sei in den vergangenen Jahren sehr gestärkt worden unter anderem durch Bonifizierungen der Landeskirche. 2018 habe man Bedürftigen mehr als 22.000 Euro zukommen lassen, und diese Summe werde steigen. »Wir sind dankbar, dass Sie uns das ermöglicht haben«, wandte er sich an die Besucher.

Jeder Beitrag sei der Stiftung wert und wichtig. Er sei dem Kuratorium und den beratenden Mitgliedern von Herzen dankbar, dass sie, beispielsweise durch Kekse im Weihnachtsdorf oder das Agape-Mahl auf dem Marktplatz, die Aufgaben der Stiftung in die Gemeinde tragen würden. »Sie stellen uns dar, und so wird Geld gesammelt.«

Als sich das Kuratorium 2011/12 neu aufgestellt habe, habe man die Seelsorge im Einbecker Krankenhaus als wichtige Aufgabe gesehen, gemeinsam mit der St. Alexandri Stiftung. Auch Besuchsdienst und »Neue Nachbarn« seien nur möglich gewesen durch vielfältige Hilfe: vom Kirchenkreis, von der Landeskirche, Privatleuten und der AKB Stiftung. Was man in Angriff genommen habe, habe die Soforthilfe nicht geschmälert, betonte er, sie sei sogar stärker geworden.

Beispielhaft nannte er die Hilfe der KWS beim Sachspendenmagazin, wofür auch Mitarbeiter zur Verfügung standen. Aus eigener Kraft hätte die Stiftung das nicht geschafft. Auch weitere Firmen und die Sozial- und Sportstiftung des Landkreises sowie die Stadt Einbeck hätten geholfen. Interkulturelle Integration habe man sich ebenfalls als Ziel gesetzt: so sei das Theaterstück in diesem Jahr ein tolles Erlebnis gewesen. Das alles wäre nicht möglich ohne Geschäftsführer Marco Spindler, der seine Erfahrung einbringe – und der 2002 von Pastor Lenke in der Marktkirche in sein Amt beim Diakonischen Werk eingeführt wurde. So schließe sich ein Kreis.

Kuratoriumsmitglied Günter Ebbrecht stellte fest: »Die Diakoniestiftung tut Einbeck gut«. Die Projekte seien gewachsen, der Grundstock habe sich verfünffacht, und sie sei in der Stadt bekannt, nicht nur wegen der Kekse. Alle gemeinsam hätten das geschaffen, das sei richtig, aber das Gesicht sei Michael Büchting. Er habe, wie der Samariter, den empathischen Blick, sei weitsichtig, erkenne, wo Menschen in Not sein. Er mache Hilfe, Unterstützung und Netzwerke möglich, tatkräftig und großzügig wie der Mann aus Samaria. Und wie der sich um weitere Hilfe gekümmert habe, tue Michael Büchting dies ebenfalls, mit Marco Spindler, dem findigen Praktiker. »Du bist mit der Diakoniestiftung ein Segen für Einbeck«, dankte er.ek

Anders als bisher

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