Gesundheit vs. Gesundheit

Fitnessstudiobetreiber Steffen Döllerer über die Auswirkungen von Corona-Maßnahmen und Unsicherheiten

Steffen Döllerer, Inhaber des Trainingszentrums Salzderhelden (T.Z.S.) und studierter Sportpädagoge, sieht sich angesichts der Corona-Krise in einer schwierigen Lage: »Ich bin ein Mensch, der sich an Wissen-schaft orientiert, halte mich strikt an die Vorgaben der Regierung.« Konkrete Maß­nahmen, die für den Betrieb seines Stu- dios unerlässlich wären, den Schutz seiner Kunden berücksichtigen und damit deren Gesundheit erhalten, seien nicht erfolgt. Es fehle die Perspektive, wie die erneute Inbetriebnahme seines Sportzentrums gestaltet werden könne. Ein wesentlicher Teil seiner Kunden sei nämlich zum Erhalt und zur Verbesserung ihrer Gesundheit auf das Training bei Döllerer angewiesen. »Je länger das Training unterbleibt, umso größer wird das Problem«, erklärte der Sportpädagoge.

Einbeck. Es gebe zwar einen Silberstreif am Horizont, am 25. Mai soll von der Regierung eine Entscheidung über die Wiederinbetriebnahme von Fitnessstudios getroffen werden, wie diese jedoch im Einzelnen gestaltet werden solle, sei weiterhin unklar. »Das ist nämlich die entscheidende Frage«, so Döllerer. Er führt ein Beispiel an: »Das Tragen von Schutzmasken könne eine Voraussetzung für das Training werden.«

Für den Schutz der Allgemeinheit sei dies zwar nachvollziehbar, Angehörige der Risikogruppe, etwa die mit kardiovaskulären oder Lungen-Erkrankungen, ständen dann aber vor einem Problem. »Mit einer Maske nimmt man ungefähr zwölf mal mehr Kohlendioxid auf als ohne«, erklärt er die Gefahr einer Maskenpflicht.

Wichtig: Experten-Pools

Dabei würden seine Bedenken über die eigene Branche hinausgehen. Es sei entscheidend, dass Experten-Pools gebildet werden, die mit den Entscheidungsträgern spezifische Maßnahmen erarbeiten können. Für seinen Bereich müssten also Sportwissenschaftler, Physiotherapeuten und weitere Fachleute zu Rate gezogen werden, die Arbeitsabläufe in Studios kennen, um den Anforderungen gerecht werden zu können.

Trennung von Risiko- und Nichtrisikogruppen

Der zeitliche Rahmen, in dem die Maßnahmen umgesetzt werden müssen, stelle eine weitere Herausforderung dar und sorge für weitere Unsicherheit. »Wenn zur Einhaltung der Vorgaben bauliche Veränderungen vorgesehen sind, um zum Beispiel Mindestabstände einhalten zu können, werde ich nicht gleich öffnen können«, blickt der Sportpädagoge voraus. Auch die Notwendigkeit zur Trennung von Risiko- zu Nichtrisikogruppen müsste diskutiert werden, was ebenfalls einer Expertenmeinung bedarf.

Empfehlungen von Sportwissenschaftlern folgen

Er betonte: »Ich handele nach den Regeln des Rechtsstaates.« Schwierig werde es, sollten diese Regeln nicht auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhen. So wie er der Expertise der Virologen vertrauen müsse, sei es geboten, dass die Empfehlungen von Sportwissenschaftlern in den Entscheidungen berücksichtigt werden, um eine nachhaltig richtige Regelung treffen zu können.

Zwölf Millionen Studiomitglieder bundesweit

Betriebswirtschaftlich stelle der »Shutdown« eine weitere Herausforderung für Studiobetreiber dar, die zu Döllerers Bedauern wenig Anklang in der Regierung findet. »Mit ungefähr zwölf Millionen Studio-Mitgliedern bundesweit sprechen wir von einem Jahresumsatz durch Beiträge von ca. 8,4 Milliarden Euro.« Bei diesem wirtschaftlichen Stellenwert könne man doch erwarten, dass die Belange der Branche ernst genommen werden. Es müsse Transparenz geschaffen werden für die Fixkosten, die ein Fitnessstudio inne hat. »Was geschieht denn, wenn keine Beiträge generiert werden?«, fragt er provokant.

Belastungsprobe laufende Kosten

Auch wenn sich viele Mitglieder solidarisch zeigen mögen und trotz Betriebsschließung weiter bezahlen, die laufenden Kosten, unter anderem Instandhaltung, Mieten, Energie, Gehälter und vieles mehr werden aktuell zur Belastungsprobe, die wahrscheinlich nicht jedes Unternehmen überstehen werde. Folgeproblem sei der entstandene Behandlungsstau, der jetzt schon kaum zu bewältigen sei. Wenn der Infrastruktur der Studios das Geld fehlt, um den Betrieb und damit die Behandlung der Mitglieder fortzuführen, wird eine Abwärtsspirale in Gang gesetzt. Das müsse dringend verhindert werden.

Döllerer betont aber auch sein Verständnis für Mitglieder, die bei finanzieller Schieflage den Beitrag zurückfordern. Ihm sei klar, dass die Maßnahmen den Schutz der Volksgesundheit zum Ziel habe, was er natürlich befürworte. Sollten diese jedoch zeitgleich einen Schaden verursachen, gingen die Maßnahmen fehl. Das müsse mit Augenmaß und umfänglich informierten Entscheidungen verhindert werden.

Fitnessstudios in Einbeck: Wie geht es weiter?

Wie wird es für die Einbecker Fitnessstudios ab dem 25. Mai weitergehen? Die Regelungen für eine erneute Inbetriebnahme der Unternehmen werden von den Inhabern sehnlichst erwartet. »Wir hoffen, auf die Wiedereröffnung der Studios unter Auflagen jedoch ohne Maskenpflicht«, teilte Jennifer Ditschler, Clubmanagerin von Easyfitness mit.

Dies sei ein wichtiger Schritt für den Betrieb. Unabhängig vom ganz klaren wirtschaftlichen Schaden durch den Ausfall von Mitgliedsbeiträgen fehle zu 100 Prozent das Neukundengeschäft. Auch das Vertrauen der Menschen in die Institution Fitnessstudio, scheine erschüttert zu sein. Zudem hoffe man, genügend Vorlaufzeit zu bekommen, um alle Maßnahmen vorbereiten und umsetzen zu können.

Gerhard J. Mandalka, Betreiber des Physio-Fitnessstudios Paulsbald, berichtet Ähnliches: »Wir mussten im Bereich Fitnessstudio und Rehasport sowie Funktionstraining schließen, sodass wir keine Einnahmen generieren konnten.« Um seine Mitarbeiter und Miete bezahlen zu können, habe er einen hohen Kredit aufnehmen müssen. Der »Markt« gehe davon aus, dass Fitnessstudios bis 2022 mit starken Einbußen werden rechnen müssen. Um dem zu begegnen habe er seit dem  22. März neue Angebote, wie etwa 15 Online-Kurse für Rehasport und Funktionstraining geschaffen. Er erhoffe sich dennoch, dass er bald wieder mit dem eigentlichen Betrieb des Studios starten könne und die erwarteten Auflagen schnell zu bewältigen sind.

René Hartig, Betreiber des B.One-Fitnessstudios, berichtet, dass er und seine Mitglieder sich bereits auf die Wiedereröffnung freuen: »Wir akzeptieren die von der Bundes- und Landesregierung getroffenen Maßnahmen zur Bekämpfung/Eindämmung der Corona-Pandemie und setzen die Voraussetzungen zur Wiedereröffnung schnellstmöglich um.«kw