Gründe für Schulmeidung finden und behandeln

Alexander Tyka referiert auf Einladung von FIPS und BBS über den Einfluss von Teilleistungsstörungen

Nach seinem Vortrag kam Referent Alexander Tyka im gut besuchten BBS-Forum mit den Zuhörern zum Thema schulmeidendes Verhalten ins Gespräch.

Wenn Kinder und Jugendliche nicht zur Schule gehen, können unterschiedliche Gründe dahinter stecken. Über den Zusammenhang von schulmeidendem Verhalten und den Einfluss von Teilleistungsstörungen hat Alexander Tyka auf Einladung des Präventionsvereins FIPS in Kooperation mit den Berufsbildenden Schule Einbeck referiert. Vor einer großen Zahl von Zuschauern hielt er einen spannenden Vortrag, in dem er das Thema umfassend beleuchtete.

Einbeck. Nach der Begrüßung durch die Vorsitzende von FIPS, Annette Junge-Schweigl, und die Teamleiterin Schulsozialarbeit BBS, Anja Linneweber, ging der Referent, Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie in Göttingen, zunächst auf die Bedeutung des Schreibens ein: »Wir brauchen eine verbundene Schrift.« Druckschrift in Grundschulen zu lehren, das sei ein Holzweg. Die vereinfachte Ausgangsschrift gehöre in die Mülltonne. Er sehe einen Zusammenhang dazu, dass Kinder nicht mehr richtig schreiben und lesen lernten. Er forderte »klare Buchstaben«, und das müsse auch trainiert werden.

Schule, so seine Erfahrung aus regelmäßigen Begegnungen mit Kindern, die die Schule meiden, »macht Vielen viel Angst«. »Schulmeidendes Verhalten« sei die am wenigsten stigmatisierende Formulierung. Erhebungen gehen davon aus, dass fünf Prozent der Zwölf- bis 16-Jährigen in der Schule aktiv sowie zehn Prozent aktiv und passiv fehlen, also beispielsweise immer wieder krank sind. Die Fehlzeiten steigen ab der fünften und sechsten Klasse rapide an. Bei der Hauptschule treten sie stärker auf als auf der Realschule oder auf dem Gymnasium, und Jungen sind stärker betroffen als Mädchen. »6,5 Prozent eines Jahrgangs bleiben ohne Abschluss«, berichtete Alexander Tyka. Damit einher gehe ein siebenfach höheres Risiko für spätere Arbeitslosigkeit. Ohne Abschluss - das bedeute in der Regel auch ohne Perspektive. Von drei Millionen Arbeitslosen hätten 500.000 keinen Schulabschluss.

Die Forschung in diesem Bereich sei ein Desaster. In Standardwerken für Kinder- und Jugendmedizin seien diesem Verhalten vier bis fünf Seiten gewidmet. »Das ist eine leise, unauffällige Störung - aus den Augen, aus dem Sinn. Das wird hingenommen.«
Schnittmengen sieht Tyka zwischen Schulvermeidung und Lese- und Rechtschreibschwäche sowie Rechenstörungen/Dyskalkulie. 20 Prozent der Schulvermeider hätten beides. Schulpflicht gebe es in Deutschland seit rund 200 Jahren. Lesen, rechnen und schreiben zu können, das entscheide über berufliche Chancen. Insbesondere das sinnerfassende Lesen in angemessener Zeit sei wichtig. Derzeit seien 70.000 Lehrstellen unbesetzt, weil es keine passenden Bewerber gebe, und 75 Prozent der Auszubildenden brauchten ausbildungsbegleitende Nachhilfe.

Umso wichtiger sei es, die Lese- und Rechtschreibstörung rechtzeitig zu erkennen, am besten Anfang/Mitte der zweiten Klasse. Für die Diagnose gebe es Leitlinien, und es würden effektive Therapien zur Verfügung stehen mit wissenschaftlich fundierten Behandlungskonzepten.

7,5 Millionen Menschen in Deutschland müssten als Analphabeten gelten. Zwei Millionen von ihnen könnten einfache Zuordnungen nicht meistern, und 5,2 Millionen hätten Schwierigkeiten schon mit kleinen Texten. 60 Prozent der Analphabeten seien erwerbstätig, vor allem in einfachen, unqualifizierten Beschäftigungen. Ebenfalls 60 Prozent seien männlich, und der gleiche Anteil habe Deutsch als Erstsprache. 19 Prozent seien Schulabbrecher, 48 Prozent hätten einen gering qualifizierten Schulabschluss. Das Problem aus der Kindheit und Jugend bleibe in der Regel auch bei Erwachsenen bestehen.

Eindrucksvoll stellte der Referent die Psychodynamik von Angst und Schulbesuch dar: Die Angst, dass die Schulleistungen nicht ausreichend seien, führe dazu, dass der Schüler sich als stigmatisiert und dumm erlebe. Er habe Angst vor den Lehrern, erleide Mobbing, und viele Schüler würden depressiv. Es komme zu psychosomatischen Beschwerden und Störungen der Aufmerksamkeit. Aus der Angst vor Bloßstellung und Versagen ergäben sich Vermeidungsstrategien. Beeinflusst würden auch soziale Bindungen. Körperliche Symptome verstärken die Angst, es erfolge ein weiterer Rückzug von Freunden. Stattdessen werde der PC angeschaltet, der Jugendliche hänge an einer »digitalen Nabelschnur«. Eine weitere Folge sei das Aussteuern aus sozialen Systemen; wer die Schule ohne Abschluss verlasse, gerate schnell in Hartz IV.

Anhand von anonymisierten Fallbeispielen erläuterte der Experte, welche Folgen ein Geflecht aus Lügen, Mobbing, Stress zuhause, schlechten Noten und dem Gefühl von Kränkung haben könne. Soziophob, depressiv, aggressiv, die ängstliche Mutter, der schwache Vater, das seien Faktoren, die er immer wieder in der Praxis erlebe. Andere Zeichen seien Essstörungen, Verunsicherungen, tyrannisches Verhalten, zunehmende Phobie in unterschiedlichen Bereichen. Dabei seien viele Betroffene intelligent und zu höheren Bildungabschlüssen fähig.

Tyka beklagte die Hilflosigkeit, die in vielen Fällen spürbar sei, und die fehlende Vernetzung der Systeme. Wenn man etwas an der Situation verändern wolle, müsse man auf frühe Intervention setzen, auf den Einsatz von Sozialambulanzen, auf aufsuchende Systeme. Hilfreich könnte vielleicht das Beispiel skandinavischer Länder sein, in denen es keine Schulpflicht gebe, sondern die Verpflichtung zum Schulabschluss. Effektive Diagnostik und Behandlung von Legasthenie und Dyskalkulie seien möglich. Beides seien Krankheiten, und deshalb müsste das eine Krankenkassenleistung sein: »Ende, aus!« Das rette vermutlich nicht Leben, oft aber Lebensläufe. Zum Lesenlernen, betonte er, sei es nie zu spät.

Man sollte nicht darauf setzten, dass der Knoten einmal platzen werde - das passiere nicht. Die Teilleistungsstörungen seien eine Besonderheit des Gehirns, die man erkennen und behandeln müsse. Dazu, so Tykas Fazit, seien bessere Systeme notwendig, als sie in Deutschland zur Verfügung stünden. Insbesondere die Schulen müssten genauer hinsehen.mru

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