Kein Aktionismus in der Waldkrise

Rund 80 Experten, Waldbesitzer und Vertreter von Verbänden fordern Abkehr von Aufforstung und Holzfabriken

Für einen solchen maschinengerechten Waldbau wird es keine Zukunft geben.

Einbeck. Was im Moment mit dem Wald geschieht, ist bedrückend. Knapp 80 Personen haben einen offenen Brief an die Bundes-Waldministerin Julia Klöckner geschrieben und ihrer Besorgnis Ausdruck verliehen. Die Staatliche Forstwirtschaft wird aufgefordert, nicht mit teurem Aktionismus loszulegen, sondern eine sachkundige Fehleranalyse des eigenen Wirkens vorzunehmen. Die Experten fordern, dass es zu einer Abkehr der Plantagenwirtschaft kommt und dass das Waldökosystem nicht mehr als Holzfabrik gesehen wird.

Der Bund soll ab dem kommenden Jahr 800 Millionen Euro bereitstellen, um diese Schäden zu beseitigen. Der »klimaangepasste« Waldumbau soll unter anderem unter Verwendung nicht heimischer Baumarten erfolgen. Die Landesforstverwaltungen sehen den allein Schuldigen bei den Trockenjahren 2018 und 2019. Dabei trifft der Klimawandel unter anderem auf einen Wald mit vielen nicht heimischen Baumarten, Monokulturen, durchschnittlich geringem Lebensalter, maschineller Bodenverdichtung, Entwässerung und Einschichtigkeit.

Mitunterzeichner Wilhelm Bode, ehemaliger Leiter der saarländischen Forstverwaltung und Autor des Buchs »Waldwende«, betont: »Wir brauchen endlich eine Waldwende, die die natürlichen Produktionskräfte des Waldes stärkt und nicht weiter schwächt. Darum ist zunächst die Forstwirtschaft selbst gefragt, betriebliche Stressoren zurückzunehmen und bei der Wiederbewaldung auf die Natur zu setzen.«

Der Waldökologe und Naturschutzwissenschaftler Professor Pierre Ibisch sagt: »Die derzeitige Waldkrise in Deutschland ist nicht allein eine Folge des Klimawandels – auch die Art der Waldbewirtschaftung trägt eine erhebliche Mitverantwortung. Es gibt zu viele struktur- und artenarme Wälder, die durch zu viele Wege zerschnitten wurden. Waldböden werden zu intensiv befahren, und vielerorts ist das Waldinnenklima durch Auflichtung und zu starke Holzentnahme geschädigt.«

Mit-Initiator und Waldschützer Norbert Panek betont: »Wir brauchen endlich Ruhepausen für den Wald in Deutschland, der jahrhundertelang ausgebeutet wurde. Wir brauchen ein neues, ökologisch orientiertes Konzept für den zukünftigen Wald, – keinen hektischen ›Waldumbau‹, sondern schlicht Waldentwicklung – hin zu mehr Naturnähe, die dem Wald als Ökosystem den notwendigen Spielraum belässt, selbstregulierend auf die sich abzeichnenden Umweltveränderungen reagieren zu können.«

László Maraz, Koordinator der AG Wald des Forum Umwelt und Entwicklung, ergänzt: »Es wäre Steuergeldverschwendung, jetzt Millionen von Bäumen zu pflanzen, wenn diese vom Wild gefressen werden wie bisher. Eine waldverträgliche Verringerung des Wildbestandes ist dringender als je zuvor.«

Zu den Unterzeichnern des Briefes gehören neben Wissenschaftlern Forstexperten mit jahrzehntelanger Erfahrung, Chefs von Umweltverbänden wie Deutscher Naturschutzring, Greenpeace, NABU, Naturfreunde und die Deutsche Umweltstiftung, Vertreter von Bürgerinitiativen und namhafte Autoren wie Franz Alt oder Peter Wohlleben.

Als Fazit bleibt festzuhalten, dass 80 fachlich versierte Personen mit ihrem gemeinsamen Anliegen und ihrer Erfahrung das angesammelte Wissen öffentlich weitergeben, um Gehör zu finden.

Die Forderungen im Einzelnen lauten: Kalamitätsflächen sollen sich durch natürliche Waldentwicklung (Sukzession) mit Pionierbaumarten entwickeln dürfen. Dazu sollen maximal 400 bis 600 heimische Baumarten pro Hektar gepflanzt werden. Es soll keine vollständige maschinelle Flächenräumung erfolgen. Weniger aufgeräumte Flächen bedeuten besseren natürlichen Verbissschutz. Weite Pflanzverbände sollen der natürlichen Entwicklung von Pionierbaumarten wie Birke, Aspe oder Weiden mehr Raum lassen.

In zukünftigen Wäldern sollen die Durchforstungsstärken minimiert werden, es sollen möglichst viele alte Bäume aufgebaut werden. Schwerster Maschineneinsatz soll unterbunden werden. Das Schalenwild müsste drastisch reduziert werden.

In der Hochschullandschaft sollen sich mehr Universitäten mit forstlichen interdisziplinären Waldökosystemmanagement-Fragen befassen und dazu auch lehren.hst

Anders als bisher

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