Kirchen-Großbaustellen einst ohne Bauhütten nicht denkbar

Bischöfliche Baumeister, Knotenschnüre und Bauhüttengeheimnisse: Gelungener Auftakt im Geschichtsverein mit Helmut Schinkel

Um die Entstehungsgeschichte und Aufgaben von Bauhütten bei großen Bauvorhaben, der Entwicklung der Baukunst und des Baubetriebes mit Handwerks-Spezialisten ging es im ersten Vortrag des Einbecker Geschichtsvereins nach der Sommerpause.

Einbeck. Ein größeres Bauprojekt, die Notwendigkeit vieler Helfer und Arbeitsteilung: Dies waren die Voraussetzungen für Bauhütten. Der Begriff taucht allerdings erst bei Goethe auf. Zuvor nannte man diese nur »Hütten«.Bereits die Römer kannten »collegia fabrorum« genannte Organisationen, die sozusagen »schlüsselfertig« bauten, vom Plan bis zur Ausführung. Auch einen »Architectus« gab es.

Mit den Bauhütten im deutschsprachigen Raum hat sich Helmut Schinkel befasst und Forschungsergebnisse zusammengetragen. Schinkel begann als Maurerlehrling bei Carl Bolte in Einbeck. Inzwischen Diplom-Ingenieur und Restaurator in Soest, gehört auch die Stadtdenkmalpflege mit allein sieben Altstadtkirchen zu seinen Aufgaben. Sein Vortrag betrachte das Thema denn auch aus handwerklicher, nicht aus wissenschaftlicher Sicht, erläuterte er den Geschichtsvereins-Zuhörern im Pfarrheim.

Er erzählte von den ersten romanischen Steinkirchen im zehnten Jahrhundert, die noch fast ausschließlich mit Bruchsteinmauern gebaut wurden. In der Kirchenbauzeit der Romanik mit Gotteshäusern und Gemeinden in überschaubarer Größe waren Maurer die Haupthandwerker. Die Baumeister, anfangs nur Geistliche, hatten das Konzept im Kopf. Weiter ging es mit den Klöstern, den »Bauschulen des Frühmittelalters«. Bischof Bernward von Hildesheim nannte er als Beispiel für die Qualität damaliger kirchlicher Baumeister: Dieser war Steinmetz, Meister der mechanischen Wissenschaft, verstand die Metallscheide- sowie Schmiedekunst, malte und schrieb. Gewölbe, Maß- und Sichtmauerwerk der Gotik erforderten weitere Kenntnisse, besonders in Geometrie, Mathematik und Festigkeitslehre.

Mit seinem handwerklichem und historischem Fachwissen, spannend, detailreich und vor allem verständlich, erklärte Schinkel den Beruf des Baumeisters, die Bautechnik und den Baubetrieb. Im Hochmittelalter wurde Christus als Architekt mit Bodenzirkel dargestellt. Wie ein Grundriss damals mit Knotenschnüren vermessen und berechnet wurde, demonstrierte Schinkel ebenso anschaulich wie die später entstandenen Zollstockmaße. Maßstabszeichnungen entstanden erst im 13. Jahrhundert. Zuvor kannte man Schema-Skizzen, zum Beispiel den St. Galler Klosterplan aus dem neunten Jahrhundert. Mit den Werkzeichnungen veränderte sich der Beruf des Architekten: Er musste nicht mehr ständig anwesend sein, konnte  mehrere Projekte gleichzeitig planen und hatte einen »Parlier«, zu deutsch später »Polier«. Die erste komplett erhaltene Bauzeichnung ist der »Straßburger Riss« von 1250, die älteste deutsche Zeichnung stammt vom Kölner Dom von 1300, so Schinkel.

Neben den sieben freien Künsten erhielten die »artes mechanicae« (praktischen Künste) Anerkennung. Ein Baumeister mit Kenntnissen als Steinmetz, Zimmermann sowie in den Bereichen Skulptur, Malerei, Maschinenbau und Organisation galt nun als Künstler. »Conrad von Einbeck, Baumeister der Moritzkirche von Halle, galt viele Jahre als der erste Baumeister und Bildhauer des ausgehenden Mittelalters, der ein Kirchen-Selbstportrait hinterließ«, informierte Schinkel.

Um 1030 wurden Kirchensteine noch an Ort und Stelle zugehauen und an die Einbaustelle angepasst. Mit der Gotik begann die Vorfertigung spezieller Teile im Steinbruch oder in der Bauhütte. Hebezangenwerkzeug für Steine gab es. Durch die Vorfertigung war es nun möglich, das ganze Jahr hindurch zu arbeiten, in beheizten Räumen und Hütten. Dies bot Steinmetzen, Bildhauern die Möglichkeit, ihre Kenntnisse zu vertiefen.

Durch gesellschaftliche Veränderungen wie die Zunahme von Bürgerkommunen, in denen viel gebaut wurde, veränderte sich der Baubetrieb. Ab dem 13. Jahrhundert bauten auch die Städte Kirchen. Wurde die Finanzierung hierbei unterbrochen, reisten die Bauleute weiter, um neue Techniken zu lernen. Zur finanziellen Absicherung entstand eine den Zünften ähnliche Organisationsform. Man bildete genossenschaftliche Korporationen, die späteren Bauhütten.

Eheliche Geburt und gute Ausbildung zählten zu den Aufnahme-Voraussetzungen. Geometrie, Mathematik und Konstruktion waren bereits für Lehrlinge wichtig. Das über Jahre erworbene Wissen galt als schützenswertes Kapital, das eine Monopolstellung sicherte. So mussten die »Bauhüttengeheimnisse« vom Meister übernommen und »verinnerlicht« werden. Bauhüttenordnungen regelten das Miteinander. Auf dem Gelände der Dombauhütte der Kirche St. Maria zur Wiese in Soest beherbergt das Grünsandstein-Museum ein anschauliches Modell einer Bauhütte. Straßburg zählte zu den ältesten und bedeutendsten.

»Bauhütten prägten über 300 Jahre kirchliche Großbaustellen in Europa und die Entwicklung der Baukunst«, resümierte Schinkel und bedauerte, dass diese Baukunst im Bewusstsein vieler kaum noch präsent sei. Heutige Dombauhütten seien immer noch große Kompetenz-Zentren.

Der vollbesetzte Saal dankte mit großem Applaus. Dies sei »einer der besten Vorträge der letzten Jahre« gewesen, stellte Dr. Elke Heege begeistert fest. Jetzt schaue man die Gewölbe der Markt- und Münsterkirche doch mit ganz anderen Augen an. Weiter wies die Geschichtsvereins-Vorsitzende auf das neue Jahrbuch hin, für Mitglieder kostenlos bei Twick & Plumeyer, sowie auf den nächsten Vortrag am 22. November, dann in der Stadtbibliothek: »Pflanzen in Flammen«.des

Alle Gewinnerlose wurden gezogen