Literarisch gerüstet für fade Regen- und helle Sonnentage

Annemarie Stoltenberg gibt Empfehlungen aus den Neuerscheinungen des Frühjahrs / Lob für Franzosen, Neues aus Skandinavien

»Das ist wieder ein schönes Frühjahr mit vielen großartigen neuen Büchern.« Annemarie Stoltenbergs Besuch bei Einbecker Literaturfreunden hat schon Tradition, und so war die Literaturkritikerin auch jetzt wieder mit einem Koffer voller Neuerscheinungen auf Einladung von Stadtbibliothek und »Haus der Bücher« zu Gast.

Einbeck. In einer Zeit, in der es auch für Verlage enger werde, werde weniger ausprobiert – und das sei schlecht, bedauerte sie. »Was die Gesellschaft voran bringt, ist, wenn Menschen rumspielen.« Es sei aber gut, dass auch Bücher veröffentlicht würden, bei denen man davon ausgehen könne, dass sie keine Bestseller würden. Renner, wie beispielweise Elke Heidenreich sie mit ihren Sendungen bewirkt habe, gebe es heute gar nicht mehr; die Nachfolgesendung habe »null Effekt« auf den Buchmarkt.

Effekt auf die Einbecker Leserinnen, denn die waren es in überwiegender Zahl, haben sicher Annemarie Stoltenbergs wie immer kurzweilig vorgetragenen Empfehlungen. Viele Besucher hatten den Stift in der Hand, machten auf der rund zwei Dutzend Titel langen Empfehlungsliste Notizen.

Ein »schönes« Buch ist »Die Teilacher« von Michel Bergmann. In jüdischer Erzähltradition geht es ins Nachkriegsdeutschland. Der Autor, so Annemarie Stoltenberg, zeige die Kunst, Dinge des Lebens mit Abstand und Humor zu betrachten: »Ein besonderes Debüt.« »Die Geometrie der Wolken« von Giles Foden beschreibt vor dem Hintergrund der Landung in der Normandie 1944 die Bemühungen der Wettervorhersage. Ein einziger Wissenschaftler wäre dazu in der Lage, doch der Pazifist verweigert seine Mitarbeit. Einen komplizierten Stoff »süffig« darzustellen, das ist Paul Torday mit »Charlie Summers« gelungen. Er zeigt, dass die Welt auf vielen unterschiedlichen Ebenen vernetzt ist – und dass mit der Führung etwas nicht in Ordnung ist. »Hart am Einzelschicksal« erläutert er Ursachen von Krisen und Verlusten. »Durch den Wind« sind die vier Hauptdarstellerinnen in  Annika Reichs Buch. »Ich kenne die alle«, lachte Frau Stoltenberg über die Frauen um die 30, deren unterschiedliche Lebensentwürfe die Autorin eingefangen hat. Spätfolgen des »Estonia«-Untergangs verarbeitet Robert Asbacka in »Das zerbrechliche Leben«. Ein Witwer wartet auf die Rückkehr seiner Frau. Er verdrängt das Thema, doch Erinnerungen lauern überall.

Er leidet, weil er niemanden zu Grabe tragen kann. In aller Trauer sei das leise Buch doch trostreich. »Ich über mich« von Grégoire Boullier berichtet von einer überdrehten Familie, zeigt eine südländische Sichtweise des Lebens. Das Lob, das gerade französische Autoren derzeit verdient hätten, treffe auch zu auf Martin Page und seinen Liebesroman »Die besten Wochen meines Lebens - begannen damit, dass eine Frau mich verließ, die ich gar nicht kannte«: Der aussagekräftige Titel beschreibt den französischen Stadtneurotiker Virgile, mit dem der Leser viel Spaß hat.

»Sofort zuhause« ist man in der Geschichte »Der Schneeflockenbaum« von Maarten’t Hart, einem Entwicklungsroman über zwei Jungen. Besonders hob die Kritikerin die Gabe hervor, über klassische Musik zu schreiben: Diese Darstellung sei überwältigend. Wie es in einem Rundfunksender zugeht, hat Elizabeth Hay in »Nachtradio« beschrieben. Annemarie Stoltenberg schätzt das Buch nicht nur deshalb, weil sie selbst beim Rundfunk begonnen hat, sondern auch alle, die in der Natur glücklich seien, könnten daran Geschmack finden.

Krimi-Fans wurden mit einem abwechslungsreichen Trio bedient: Leena Lehtolainen schreibt in »Ich war nie bei Dir« über die Arbeit eines Biologen in einem Pharmakonzern. Er hat dort mit Tierversuchen zu tun - und dann passiert ihm etwas, das seiner Versuchsanordnung ähnelt. »Hart, wie da gemordet wird«: Christian Mährs »Alles Fleisch ist Gras« zeigt einen ungewöhnlichen Ort für einen Mord - und einen Kommissar, der ungewöhnlich reagiert. Dem Österreicher sei ein »pechschwarzes, böses« Buch gelungen: 

»Mähr könnte der Sohn von Qualtinger und Agatha Christie sein«, schmunzelte die Kritikerin. »Sehr, sehr gelacht« habe sie bei Hellgrimur Helgason und seinen »Zehn Tipps, das Morden zu beenden und mit dem Abwasch zu beginnen«. Ein kroatischer Auftragskiller, den es mit falscher Identität nach Island verschlägt und der sich über dieses Land wundert, das ist die humorvolle Grundlage des Krimis.

Mit »Das Dorf der Wunder« geht Roy Jacobsen in ein finnisches Dorf im Zweiten Weltkrieg. Dort hilft der einzig verbliebene Einwohner einigen Russen, die als Besatzer kommen, beim Desertieren. Er möchte ein einfaches, leichtes Leben, doch das bringt ihm später Vorwürfe ein. »Beruhigend, in Krisen eigenen Lebens so ein Buch zu lesen«, meint Stoltenberg. »Es zeigt: Das Leben geht weiter.« »Tintorettos Engel« ist die Tochter des venezianischen Malers aus erster Ehe. Autorin Melania G. Mazzucco hat erstaunliche Dinge über den Künstler des 16. Jahrhunderts herausgefunden. Die Tochter aus der Beziehung zu einer Deutschen sei sein Engels-Modell gewesen, ausgebildet zur Malerin. Wer mit einem prall erzählten historischen Roman eine Zeitreise unternehmen möchte - hier gibt’s die Fahrkarte dafür.

Was man heute über das Gehirn weiß, hat David J. Linden in »Das Gehirn - ein Unfall der Natur« zusammengefasst. Leicht verständlich beschreibt er, dass das Gehirn viel »chaotischer« organisiert ist als bisher gedacht. Das erste Sachbuch in literarischer Sprache über die Finanzkrise hat Einar Már Gudmindsson geschrieben: »Wie man ein Land in den Abgrund führt«. Er zeigt auf, was damit in der isländischen Seele geschehen ist. Ein amüsantes, verblüffendes und erstaunliches Sachbuch ist »Die Evolution im Liebesrausch« von Markus Bennemann. Sie sei »schon ein bisschen empört, wie’s zugeht in der Tierwelt«, lachte Stoltenberg: Alle schockierenden sexuellen Verhaltensweisen des Menschen seien auch im Tierreich zu finden.

Buchpreisträger Arno Geiger ist mit »Alles über Sally« ein Roman geglückt, mit dem sich die Leser in hohem Maße identifizieren können: Er schreibt über ein Ehepaar über 50, Lehrerin und Museumsdirektor. Die beiden haben ein »dickes Pfund Glück«, trotz aller Probleme. »Effi Briest heute«, meint die Kritikerin. Thema ist eine glückliche Ehe, und Geiger kann schreiben, ohne kitschig zu werden, wenngleich man auf einige Längen verzichten könnte. Dabei, sagte sie augenzwinkernd, sei es ihm gelungen, den Stützstrumpf literaturfähig zu machen. Eine Kindheit in den 60er Jahren, über allem eine bedrohliche Stimmung: Wer Gefallen an schwierigen literarischen Texten hat, sollte Georg Kleins »Roman meiner Kindheit« lesen. Viel vom Leben in Israel, von modernen und orthodoxen Juden, von einer israelischen Familie, die mit Gott ringt, und dabei möglicherweise glücklicher ist als andere, das beschreibt Mira Magén in »Die Zeit wird es zeigen«. »Schön langsam lesen, damit Sie lange etwas davon haben«, so Annemarie Stoltenbergs Rat.

Ein modernes Märchen hat Marie-Sabine Roger mit »Das Labyrinth der Wörter« geschrieben. Eine alte Dame bringt einem jüngeren Mann, den sie im Park kennenlernt und der noch nicht viel Glück hatte, einiges über das Leben bei: Lesen, Schreiben, Nachdenken. »Keine hohe Literatur, aber ein Herzwärmer.« Der Traum eines Buchhändlers geht in »Fallers große Liebe« von Thommie Bayer in Erfüllung: Dem Antiquar wird eine kostbare Bibliothek zum Kauf angeboten. Außerdem wird er zum Chauffeur, fährt mit dem wohlhabenden Faller quer durchs Land und staunt über dessen Großzügigkeit. »Gut gerüstet für fade Regennachmittage« sei man mit diesem Buch, so Stoltenbergs Einschätzung. ek

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