Mit Blick auf Corona-Krise keine Dividende

Einbecker Brauhaus hält virtuelle Hauptversammlung ab | Ergebnis 2019 im Plan, unsicherer Blick in die Zukunft

Corona-Lösung: Via Inter-net konnten die Aktionäre des Einbecker Brauhauses die Hauptversammlung verfolgen. Vor Ort waren neben dem mit der Über­tragung betrauten Technik-Team Vorstand Martin Deutsch, der stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende Jürgen Brinkmann, Aufsichtsratsvorsitzender Robert A. Depner und Notar Wolfgang Borsum (von links). Es war vorab angeboten worden, Fragen zu stellen, und auch die Abstimmung erfolgte online. Auf dem Bildschirm wurden auch Präsentationen eingeblendet, und es gab Beiträge des »historischen Braumeisters« Elias Pichler.

Ungewöhnliche Zeiten erfordern unge­wöhnliche Maßnahmen. Das Einbecker Brauhaus hat am gestrigen Dienstag seine Hauptversammlung abgehalten – erstmals online, ohne die direkte Anwesenheit von Anteilseignern. Aufgrund von Covid 19 gebe es keine Präsenzveranstaltung, erläuterte der Aufsichtsratsvorsitzende Robert A. Depner in seiner Begrüßung. Am Montag hatte das Unternehmen Eulenspiegel Multimedia dafür im Schulungsraum die notwendigen technischen Voraussetzungen geschaffen; die Aktionäre waren vorab entsprechend informiert worden, und sie hatten Gelegenheit, Fragen zum Geschäftsbericht schriftlich einzureichen – 80 Fragen von zehn Aktio­nären beziehungsweise Aktionärsvertretern waren zu beantworten. Auch die Abstimmungen erfolgten online. Zügig wurde die Versammlung abgewickelt.

Einbeck. Eine Dividende wird es für das Geschäftsjahr 2019 nicht geben, und wie es für 2020 aussieht, ist noch nicht abzusehen. Von einer Welt im Ausnahmezustand sprach Brauhaus-Vorstand Martin Deutsch in seinem Geschäftsbericht, in dem er die Bereiche Marktentwicklung, Unternehmen und Marken beleuchtete, bevor er einen Ausblick gab. Die Entscheidung zur virtuellen Hauptversammlung haben man schweren Herzens getroffen. Man befinde sich, zitierte er den Schriftsteller Daniel Kehlmann, in einer der traurigsten Krisen der Menschheit, weil das Heilmittel darin liege, ein-ander fernzubleiben. 76 Prozent der Anteilseigner hätten sich zur Versammlung angemeldet, so Deutsch, darüber freue er sich trotz der ungewöhnlichen Rahmenbedingungen.

Marktanteil der Halbliter-Dose spürbar größer

2019 sei die deutsche Wirtschaft so langsam gewachsen wie seit sechs Jahren nicht mehr, allerdings seien die Verbraucher kauffreudig gewesen. Nach einem guten Getränkejahr 2018 hätten 2019 fast alle Kategorien mengenmäßig verloren, jedoch wertmäßig zugelegt, auch Bier und Biermischgetränke. Ein geringer Umsatzzuwachs im Biermarkt und Preiserhöhungen wirkten sich aus. Im Sortenranking sei Pils weiter an Position 1. Lagen sonst Weizen und Export auf den Plätzen 2 und 3, seien es nun Biermischgetränke und Alkoholfreies auf Rang 2 und 4 sowie Hell auf Platz 3. Für die jüngeren Konsumenten seien die etablierten Sorten nicht mehr so attraktiv. Deshalb sei man auch gefordert, das Sortiment umzubauen. Der Absatz betrug 539.040 Hektoliter nach 558.214 und 575.542 in den beiden Vorjahren.

Um knapp neun Prozent gewachsen ist der Marktanteil der Halbliter-Dose. Wertigkeit und Preisstellung beschäftigten das Unternehmen permanent. Vor kurzem sei ihm eine rund 30 Jahre alte Tageszeitung in die Hände gekommen mit Pils-Anzeigen, so Deutsch: Während seither der Verbraucherpreisindex um 74 Prozent gestiegen sei, würden die Aktionspreise für Bier mit 32 Prozent hinterherhinken. »Unsere Biere sind von hervorragender Qualität und ihren Preis wert. Im Sinne einer nachhaltigen Unternehmensstrategie reduzieren wir für unsere Marken und Gebinde deswegen weiter unwirtschaftliche Aktivitäten«, kündigte er an.
Der Eigenmarkenanteil blieb ungefähr stabil. Allerdings habe man bei der Lohnproduktion auf Absatz verzichtet. Bei den Einbecker Marken seien die Sorten in der grünen Flasche aufgrund der Ertragsstärke besonders wichtig: Brauherren Pils und Brauherren alkoholfrei konnten deutlich zulegen, ebenso Mai-Ur-Bock.

Bei anderen Bockbieren ging Absatz verloren, ebenso bei Pilsener. Die Marke Einbecker habe, so Deutsch, 1.700 Hektoliter verloren, ein Minus von einem Prozent, aber dieser Wert sei besser als die Entwicklung im deutschen Biermarkt. Ein Plus von 1.700 Hektolitern gab es bei Nörten-Hardenberger, eine erfreulich positive Absatzentwicklung. Die Peiner Marke Härke habe fast 3.000 Hektoliter verloren, vor allem beim Pils. Stabil blieb der Absatz bei der Lokalmarke Göttinger. Weiter deutlich negativ war der Absatz bei Martini/Kasseler mit 15 Prozent Rückgang. Grund sei vor allem der Imageverlust aufgrund der Produktionsverlagerung nach Einbeck beziehungsweise der Schließung des Standorts Kassel. Bei der Lohnproduktion zeige sich die Entalkoholisierungs-Kompetenz bei einem stetig steigenden Absatzmarkt für alkoholfreies Bier.

Investitionen in Modernisierung

Die Eigenkapitalquote ist von 41 auf 42,6 Prozent gestiegen, auf das Niveau der Jahre 2016 und 2017. Der Umsatz bewegte sich um zwei Prozent unter der Höhe des Vorjahres. Steigende Rohstoffkosten standen gesunkenen Ausgaben für Hilfs- und Betriebsstoffe gegenüber. Der Personalaufwand ist in den letzten Jahren kontinuierlich gesunken.

Vor einem Jahr, erinnerte Martin Deutsch, habe er den Aktionären ein positives Ergebnis im mittleren sechsstelligen Bereich in Aussicht gestellt. »Für diese Prognose kann ich Vollzug melden.« Nach einem sehr schwierigen Jahr 2018 ohne Dividende habe sich 2019 positiv entwickelt, der Jahresüberschuss bewege sich mit 449.000 Euro auf Planniveau. Der Bilanzgewinn belief sich auf rund 250.000 Euro. Die zweite Prognose, die Ausschüttung einer Dividende, sei bis Mitte Februar aktuell gewesen. Aufgrund der nicht absehbaren Beeinträchtigungen durch die Corona-Krise würden Vorstand und Aufsichtsrat jedoch abweichend vorschlagen, den Bilanzgewinn vorzutragen und somit keine Dividende auszuschütten.

Um weiter den Anforderungen des Marktes gerecht zu werden, wurde in Modernisierung- und Rationalisierungsmaßnahmen investiert. Unverändert ist die Unternehmensstruktur mit den drei operativen Gesellschaften, der Braumanufaktur Härke, der Hanse Service und Logistik sowie der Einbecker Getränke GmbH. Aktuell seien in den Unternehmen 180 Mitarbeiter tätig.

Weniger Veranstaltungen – weniger Bierkonsum

Man habe sich auf Ertragsmarken und Gebinde fokussiert. Einbecker bleibe die profilierteste und hochpreisige Marke, der wichtigste Baustein der Umsätze und Erträge. Absatzverluste beim Mai-Ur-Bock konnten unter anderem durch die Halbliter-Dose zurückgeholt werden. Wachstumssegmente im Biermarkt sind Keller- und alkoholfreie Biere und Biermischgetränke. Bei den Kellerbieren habe man sich bereits vor zwei Jahren neu aufgestellt. Alkoholfrei und Biermischgetränke seien 2019/20 an der Reihe, kündigte er an. Dabei werde man auch dem von Aktionären vorgetragenen Wunsch nach weiteren Produkten in diesem Segment nachkommen. Die Verkostung werde man bei passender Gelegenheit nachholen.

Mit einem konsequenten Hygienekonzept und der Sensibilisierung der Mitarbeiter gebe es im Einbecker Brauhaus bisher keine Covid-19-Infektionen, führte er aus. Man habe Schichten getrennt, einen Teil der Verwaltung ins Homeoffice geschickt und führe Videokonferenzen durch. In dieser Woche, so Deutsch, sollte die Fußball-Europameisterschaft beginnen, die sonst spürbare Auswirkungen auf den Bierabsatz habe. Dieser Konsumanlass falle in diesem Jahr ebenso weg wie die Hoffeste sowie zahlreiche Groß- und Kleinveranstaltungen. Fast zwei Monate hatte die Gastronomie geschlossen, unter anderem über die umsatzstarken Osterfeiertage und das Wochenende über den 1. Mai. Es werde lange dauern, bis sich Frequenz, Umsatz und Bierabsatz auf früheren Niveau bewegen würden, so seine Prognose. Man müsse sich auf Wertberichtigungen bei Gastronomiedarlehen einstellen, und der Export sei ebenfalls beeinträchtigt. Interne Auswirkungen seien unter anderem Kurzarbeit, in einzelnen Bereichen seit vier Monaten.

Chancen im Handel durch Regionalität

Aktuell seien die wirtschaftlichen Beeinträchtigungen noch nicht absehbar. Auch deshalb schlage man vor, den Bilanzgewinn als Risikovorsorge auf neue Rechnung vorzutragen. Der Biermarkt werde sich deutlich rückläufig entwickeln. Und da alle Brauereien betroffen seien, werde es zu aggressiven Aktionspreisen kommen. Allerdings können man bei Flaschenbier-Spezialitäten sowie Bier ohne oder mit weniger Alkohol weiter wachsen. Regionalität als Trend halte an, und das biete Chancen im Handel, in der Gastronomie und im Export, wenn er wieder möglich sei. In den ersten vier Monaten des Jahres habe sich der deutsche Biermarkt mit einem Minus von 6,2 Prozent entwickelt, in Niedersachsen mit einem Minus von 4,7 Prozent. Einbecker habe mit minus 2,3 Prozent besser abgeschnitten, Nörten-Hardenberger liege sogar mit über sieben Prozent im Plus.

Da die Aktionäre auf den gewohnten Imbiss und das Gastgeschenk verzichten müssten, lade man sie gern für den Herbst zu einem Rundgang vor Ort ein, führte Deutsch aus – laut »Geo« zähle er zu den zehn lohnenswertesten Brauereibesichtigungen Deutschlands.

Die zahlreichen Fragen wurden vom Vorstand direkt im Anschluss beantwortet. Unter anderem berichtete er, dass aufgrund der Corona-bedingten Schließungen kein Bier verschüttet werden musste. Während der Fassbierabsatz zu 100 Prozent eingebrochen sei, habe es einen Mehrabsatz beim Flaschenbierverkauf gegeben.

Den Vorschlag, den Bilanzgewinn nicht als Dividende auszuschütten, sondern ihn in die Rücklage zu überführen, unterstützten 84,72 Prozent der Aktionäre. Der Vorstand wurde mit 99,94 Prozent der Stimmen entlastet. Die Entlastung der Aufsichtsratsmitglieder erfolgte einzeln – mit unterschiedlichen, aber ausreichenden bis klaren Mehrheiten.

»Bleiben Sie gesund, halten Sie uns die Treue, und ich freue mich auf ein persönliches Wiedersehen im kommenden Jahr«: Nach genau zwei Stunden konnte Robert A. Depner die Versammlung schließen. Es sei denkbar, hatte Martin Deutsch zuvor überlegt, dass man künftig trotz Präsenz und persönlichem Kontakt eventuell bei einer parallelen Videoübertragung bleibe.ek

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