»Mit dem Kopf und mit dem Herzen stolpern«

Gunter Demnig verlegt 14 Stolpersteine vor sechs Häusern in Einbeck | Die Erinnerung wachhalten

Vom Ausheben des kleinen Loches über das Einpassen bis zum Verfüllen - der Künstler Gunter Demnig setzte die Stolpersteine.

Einbeck. »Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist«:?Zum zweiten Mal wurden in Einbeck dank des Initiativkreises »Stolpersteine für Einbeck« des Fördervereins »Alte Synagoge« Stolpersteine verlegt. Erinnert wird damit an Opfer des Nationalsozialismus. Der Kölner Künstler Gunter Demnig verlegte die mit einer gravierten Messingtafel versehenen Betonsteine an sechs Stellen in Einbeck vor den letzten selbstgewählten Wohnorten. Die Stolpersteine sollen alltägliche Mahnmale sein, an denen man nicht vorbei gehen kann. Sie sollen die Namen der Opfer des Nationalsozialismus zurück bringen und an jedes einzelne Schicksal erinnern.

Robert Stafflage vom Initiativkreis »Stolpersteine für Einbeck« betonte, das es Ziel sei, für jedes einzelne dramatische Schicksal von Menschen »unserer Stadt« die schlimme Vergangenheit in Erinnerung zu rufen und als Mahnung an jetzige und künftige Generationen zu erhalten. Bisher bekannt sich 68 jüdische Opfer, über weitere Opfergruppen wird recherchiert.

Bis heute sei es unfassbar, dass das nationalsozialistische Deutschland gegen alle humanistischen und ethischen Regeln der Menschheit so tief abstürzen konnte und für die Ermordung von sechs Millionen Juden, für die Ermordungen weiterer Opfergruppen einschließlich der schrecklichen Behinderten-Morde und für nahezu 70 Millionen Kriegstote verantwortlich ist. Der Nazi-Terror bleibe »eins der größten, wahrscheinlich das größte Verbrechen der Weltgeschichte«. Die heute lebende Generation trage daran keine Schuld, sehe sich aber als Erben in der moralischen und ethischen Pflicht, die Erinnerung an diese Taten nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Mit der Verlegung von voraussichtlich 65 bis 70 Stolpersteinen in Einbeck soll diese Erinnerung als langfristige Mahnung aufrechterhalten werden.

Mit den Steinen vor den Häusern bleibe die Erinnerung an die Menschen lebendig, die einst hier wohnten. Die verlegten Stolpersteine sind kein Hindernis. Zum Lesen der Messingtafeln verbeuge man sich und sollte, so wünschte es sich Stafflage, »mit dem Kopf und mit dem Herzen stolpern«.
Die stellvertretende Bürgermeisterin Antje Sölter, hob heraus, dass jedes Leben ein Geschenk sei, das für immer in den Herzen bleibe.

Die Kostbarkeit des Lebens sei keine Selbstverständlichkeit, fuhr sie fort. Mit den Stolpersteinen gedenke man nun sechs Familien, die hier lebten, Opfer von Verfolgung wurden und einen qualvollen Tod sterben mussten. Das dürfe nicht in Vergessenheit geraten, damit es sich nie wiederhole.

Auch heute gebe es noch Krieg, vom Weltfrieden sei die Menschheit weit entfernt. In Einbeck habe man durch Flüchtlinge die Auswirkungen von Kriegshandlungen erlebt. Eine Welle der Hilfsbereitschaft sei durch das Land gegangen, stellte Sölter fest, merkte aber auch an, dass es Fremdenhass gebe. Ein Großteil der Bevölkerung jedoch sei weltoffen und stehe zu der Verpflichtung, die Opfer nicht zu vergessen.

Vor dem Haus Marktstraße 5 wurden zwei Stolpersteine für Selma und Jakob Rosenberg verlegt, vor Haus Nummer 4 in der Rabbethgestraße ein Stolperstein für Rosa Steinberg, am Altendorfer Tor 7 vier Stolpersteine für Familie Fuchs, vor der Altendorfer Straße 26 ein Stolperstein für Johanne Steinberg, in der Benser Straße 1 ein Stolperstein für Emilie Weimar und vor dem Haus Marktstraße 11 für Familie Kayser drei Stolpersteine sowie für Artur und Walter Goldschmidt zwei weitere Stolpersteine. Jedes einzelne Schicksal wurde bei der Verlegungsaktion nochmal in Erinnerung gerufen.
Den musikalischen Rahmen setzte Sonja Tonn von der Mendelsohn-Musikschule mit dem Akkordeon. Dank galt der Stadt für die Genehmigungen und den Hauseigentümern.

Die Finanzierung der Stolpersteine inklusive der Verlegung wird ausschließlich durch private Spenden ermöglicht. Der Initiativkreis »Stolpersteine für Einbeck« wurde im April 2015 gegründet und besteht aus zehn engagierten Bürgern der Stadt. In enger Kooperation mit dem Förderverein »Alte Synagoge« arbeiten alle Mitglieder ehrenamtlich. Die Mitglieder des Initiativkreises haben die Kosten für die 15 in 2016 verlegten Steine übernommen. Mit Spenden aus der Bevölkerung wurde die jetzige Aktion finanziert. Der Initiativkreis ist zuversichtlich, auch die noch zu verlegenden 35 bis 40 Stein finanzieren zu können.sts

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