Mit perlenden Musikklassikern ins Jahr starten

Göttinger Symphonie Orchester zum Neujahrskonzert beim Kulturring im Bendow-Theater

Unter der Leitung von Christian Simonis gastierte das Göttinger Symphonie Orchester mit dem Neujahrskonzert im Wilhelm-Bendow-Theater. Traditionell standen dabei Walzer-, Polka- und Operettenklänge im Mittelpunkt. Sie sorgten für einen beschwingten Start ins Jahr, den das Publikum sehr genossen hat.

Einbeck. Fest in der Hand der Walzer- und Operettenkönige war das Wilhelm-Bendow-Theater am Freitagabend zum traditionellen Neujahrskonzert des Kulturrings Einbeck. Ebenso traditionell war dabei das Göttinger Symphonie Orchester zu Gast: »Neujahrskonzert 2022 des GSO trotz(t) Corona« hieß es in der Ankündigung für die Auftrittsreihe, die die Göttinger in diesen Tagen – endlich – wieder nach Einbeck, in die Göttinger Lokhalle, nach Northeim sowie nach Wunstorf führt. Unter der Leitung von Dirigent und Moderator Christian Simonis läutete das Orchester das Jahr beschwingt ein, mit Walzern, Polkas, dem einen oder anderen Galopp und Operetten-Ouvertüren sowie, der gehört einfach zu den musikalischen Neujahrswünschen dazu, dem Radetzky-Marsch.

Am Pult Christian Simonis

Durch den Abend führte Christian Simonis, kein Unbekannter am Pult des GSO: Der gebürtige Wiener leitete das Orchester von 1990 bis 2005, und er war auch dessen Geschäftsführer. Er sei dankbar, dass Chefdirigent Nicholas Milton ihn jetzt eingeladen habe, die Neujahrskonzerte zu dirigieren, sagte er. Mit vielen amüsanten Geschichten und Wissenswertem zu den Komponisten und ihrer Zeit unterhielt er die Besucher über den musikalischen Faktor hinaus.

Willkommen mit Oscar Straus-Klängen

Mit der Ouvertüre zur Operette »Ein Walzertraum« von einem Straus, allerdings Oscar, der das zweite »s« im Nachnamen streichen ließ, hießen die Musiker das Publikum willkommen. 1907 uraufgeführt, haben die walzerseligen Melodien noch immer ihren Charme – wenn das neue Jahr so wird wie die Vielfalt dieser Klänge, dann kann es ein gutes werden.

»Heiter auch in ernster Zeit«

Gespielt werde ohne Pause und mit einem etwas verkürzten Programm, aber Musik in dieser Zeit überhaupt spielen zu können, sei ein wunderbares Geschenk, so Simonis. »Heiter auch in ernster Zeit« wählte Johann Strauss (Vater) 1831 als Motto für seine Kompositionen, als sich in Wien die Cholera ausbreitete. Die Strauss-Dynastie bestimmte über Jahrzehnte die Musik in der K.- und K.-Monarchie und in ihrer Hauptstadt Wien: Johann Strauss und seine Söhne Johann, Josef und Eduard. Mit »Rosen aus dem Süden« zeige Johann Strauss (Sohn) der Welt, wie schön sie sei, versicherte Simonis. Vater Strauss dagegen ließ sich vom Cachucha Galopp 1837 vom damals sehr populären spanischen Tanz inspirieren, kurz und mitreißend, untermalt von Kastagnetten, und Josef Strauss zeigte mit einer Polka Mazurka, wie »Brennende Liebe« klingen kann.

Strauss-Familie: Mehr als 1.500 Werke

Zusammen schuf diese Strauss-Familie mehr als 1.500 musikalische Werke, sowohl Operetten als auch Konzert- oder Tanzwalzer, viele davon unvergessen. In wenigen Jahren wurden Strauss (Vater) und Joseph Lanner zu Walzerkönigen; die Strauss-Kapelle, das erste Reiseorchester, spielte international, war präzise, intelligent, feurig und erfolgreich. Alle Söhne wurden in die »Musikfabrik« integriert, führten auch neue Traditionen ein, wie etwa Eduard, der 30 Jahre lang die Sonntagskonzerte im Goldenen Saal des Musikvereins leitete. Von dort wird heute das Neujahrskonzert in alle Welt übertragen.
Eduard Strauss hat auch die schnelle Polka »Wo man lacht und lebt« komponiert – in der Tat sehr schnell gespielt, perlend und mitreißend, entstanden 1874, dem Jahr, in dem auch »Die Fledermaus« Premiere feierte.

Der Erfinder der Wiener Operette indes war kein Strauss, sondern Franz von Suppè. Von 1867 stammen seine »Banditenstreiche«; daraus war die Ouvertüre zu hören.

Bekannte Melodien

Ganz andere Harmonien dann 1924 in Emmerich Kálmáns »Gräfin Mariza«: Ab 1915 hatte er bereits mit der »Czárdásfürstin« große Erfolge feiern können – 533 Aufführungen in eineinhalb (Kriegs-)Jahren. Bekannte Melodien wie »Komm mit nach Varasdin« oder »Grüß mir die reizenden Frauen« sorgen dafür, dass die beschwingte und feurige Operette heute noch gern gehört und bespielt wird. Übrigens war Kálmán von Haus aus eigentlich Jurist, wie auch, wie Christian Simonis verriet, weitere bekannte »Walzer-Profis« eigentlich andere Berufe hatten: Joseph Lanner war Graveur, Strauss-Vater Buchbinder, Josef Strauss Ingenieur, Carl Millöcker Goldschmied.

Staunen und viel Beifall im Publikum

Von Millöcker stand ein Pizzicato-Walzer auf dem Programm, verbunden mit einer Anekdote: Zum Lernen hatte Vater Millöcker ein Klavier beschafft, das zwar ein Schnäppchen gewesen sei, wie Simonis ausführte, allerdings so klang, als sei es Teil eines Klavier-Pärchens in Noahs Arche gewesen. Der musikalischen Karriere war dieses Instrument jedoch nicht abträglich – so konnte das Publikum staunen, dass sich ein Walzer auch zupfen lässt. Die Streicher legten den Bogen beiseite, und so entstand ein zartes Tongewebe, aber mit dem typischen Schwung.

Schellen und Glöckchen klingen, die Peitsche knallt, die Pferde gehen in Galopp: Das ist die Petersburger Schlittenfahrt, die Richard Eilenberg Mitte der 1880er Jahre in Töne gegossen hat. Der Schlitten flog nur so dahin – die Besucher spendeten hier besonders viel Beifall.
Léhars »Gold und Silber«

Anfang des 20. Jahrhunderts war Wien der Ort großer Feste, und zu besonderen Ereignissen musste es ein eigenes Musikstück sein: »Gold und Silber« von Franz Léhar wurde als Widmungswalzer zu einem großen Ball geschrieben, den Pauline von Metternich im Januar 1902 gab. Und die fröhlichen Saiten-Töne wurden ums Schlagwerk ergänzt, ein vielfältig glitzernder Genuss.

Zugaben

»Vielleicht, unter Umständen ...«, schmunzelte Christian Simonis, wollten die Zuhörer ja noch eine Zugabe. Sie wollten, und so gab es zunächst »Feuerfest!«, eine Polka von Josef Strauss, geschrieben aus Anlass der Fertigstellung des 20.000. Tresors der Firma Wertheim, seinerzeit tatsächlich zwischen brennenden Strohballen die Feuerfestigkeit unter Beweis stellend. Kennzeichnend ist der »Amboss«, der aufs Metall schlägt.
Etwas, das in diese Zeit passe, folge mit der zweiten Zugabe, kündigte Simonis an: der »Narren-Galopp« von Josef Gungl, mit einem vielfachen »Hahahaha« einfach zum Mitschmunzeln.

Und zum Abschluss dann der Klassiker der Neujahrskonzerte, der Radetzky-Marsch von Johann Strauss (Vater), gern auch zum Mitklatschen.

Genuss für Ohren und Seele

Ein Genuss für die Ohren war dieses Neujahrskonzert in jedem Fall; auf die Göttinger ist da unbedingt Verlass. Aber nach langer Konzert-Abstinenz sei der Abend ebenso ein Genuss für die Seele gewesen, so eine Besucherin. Unbeschwerter Frohsinn mit musikalischen Klassikern – darauf hat man lange verzichten müssen, und das kam jetzt gut an.

Reibungslose Abläufe

Im Vorfeld hatte das Team des Kulturrings einiges an Planung und Umorganisation zu leisten. Unter den gegebenen Umständen – 2G bei bis zu 70 Prozent der möglichen Auslastung – war das Theater zwar nicht ausverkauft, aber doch sehr gut besucht. Impf- und Kontaktnachweise wurden abgefragt, und die Gäste mussten neu platziert werden, um Abstände einhalten zu können. Mit der nötigen Umsicht klappte alles aber reibungslos: in dieser Hinsicht ein gelungener Start ins Jahr 2022, der, wie vom GSO in der Ankündigung versprochen, anatomische und emotionale Gelenke lockern konnte. ekek

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