Moose sind nicht zu unterschätzen

Bedeutende Rolle als Wasserspeicher | Mannigfaltige Formenfülle | Moosstandorte erhalten

Das häufige Astmoos ist das Zypressen-Schlafmoos (Hypnum cupressiforme). Im Mittelalter glaubte man, dass die großen, niederliegenden Astmoose gute Schlafmittel seien. Deshalb verwendete man sie als Kissenfüllung.

Einbeck. Ungeachtet ihrer Kleinheit sind Moose keineswegs zu unterschätzen. Sie spielen eine bedeutende Rolle im Wasserhaushalt, denn eine moosreiche Gegend vermag enorme Wassermengen zu speichern und bei anhaltender Trockenheit an die Umgebung abzugeben. Außerdem stellt der Bewuchs mit Moosen einen wichtigen Erosions- und Verdunstungsschutz dar. Im Winter sind sie neben den Nadelbäumen die einzigen Wald-Organismen mit einer nennenswerten Sauerstoffproduktion.

Die maximal zwanzig Zentimeter hoch werdenden Pflanzen wachsen auf den verschiedensten Unterlagen in allen Klimazonen bis an die Grenzen des ewigen Eises. Ihr Hauptverbreitungsgebiet erstreckt sich über Regionen mit erhöhter Feuchtigkeit, wie Wälder und Moore. In den Tropen erreichen sie die größte Formenvielfalt. In früheren Systematiken werden alle Moose in einer Abteilung des Pflanzenreichs zusammengefasst.

Neuere Untersuchungen belegen jedoch so große Unterschiede zwischen den drei Linien der Moose: Lebermoose, Hornmoose und Laubmoose, dass ihnen der Status einer jeweils eigenen Abteilung zugesprochen wird. Von den Lebermoosen gibt es weltweit etwa 4.000 Arten, von den Hornmoosen etwa 150 Arten, von den Laubmoosen geschätzte 10.000. In Deutschland sind rund 1.100 Arten heimisch, allerdings mit fallender Tendenz.

Hauptursachen für den Rückgang der Moose sind der starke Nährstoffeintrag sowie die großräumige Entwässerung und Nutzungsintensivierung der Landschaft. Von den 758 in Niedersachsen und Bremen vorkommenden Arten besitzen 56,9 Prozent einen Rote-Liste-Status. 60 Arten gelten als ausgestorben oder verschollen. Fossilien geben Hinweise darauf, dass sich vor 450 bis 440 Millionen Jahren die Moose aus im Wasser lebenden Algen entwickelt haben.

Wie sich dieser Prozess vollzog, ist ein bislang ungelöstes Rätsel der Wissenschaft. Unbestritten gelten Moose als die ältesten Landpflanzen. In Anpassung an das Leben an Land sind die Blättchen einiger Moosarten zwar mit einer wachsartigen Schutzschicht, der Cuticula, ausgestattet, die jedoch nicht sehr wirksam ist, sodass die Pflanzen bei Wassermangel sofort austrocknen.

Im Gegensatz zu den evolutionär weiter entwickelten Farnen sowie den Blüten- und Samenpflanzen verfügen Moose über keine echten Wurzeln, mit denen sie Wasser und darin gelöste Mineralien aus dem Boden aufnehmen könnten. Ihre Rhizoide genannten Zellfäden dienen lediglich dazu, sich auf einer Unterlage festzuhalten. Somit völlig unabhängig von irgendwelchen Bodenverhältnissen, findet man Moose allerorts: an Baumstämmen und Baumästen, auf Steinbrocken, Felswänden, in den Ritzen von Gehwegplatten, in Wiesen, im Zierrasen, auf Trockenrasen, an Mauern, auf Waldwegen und auf dem Waldboden, hier oft in ausgedehnten Moosdecken.

Als Pionierpflanzen besiedeln sie zunächst vegetationsfreie Flächen und schaffen mit der Zeit ein Keimbett für Blühpflanzen. Sobald - auch komplett ausgetrocknete - Moospflanzen mit Wasser in Berührung kommen, nehmen sie dieses über die Oberfläche ihrer zarten Blättchen auf. Überschüssiges Wasser wird zwischen den Pflanzen eines Moospolsters in gewissem Umfang festgehalten.

Dass Moose niemals als Einzelpflanze vorkommen, sondern stets Polster bilden, ist nicht nur ein Vorteil bei der Versorgung mit Wasser. Weil ihnen jegliches Festigungsgewebe fehlt, würden sie einzelnstehend unweigerlich umkippen. Von entscheidender Bedeutung ist das Leben im Poster vor allem für die Fortpflanzung der Moose. In einem Moospolster gibt es zwei verschiedene Pflanzen.

Die einen tragen am oberen Ende flaschenförmige Gebilde, die Archegonien, die eine Eizelle beherbergen, also die weiblichen Organe. Andere Pflanzen besitzen keulenförmige männliche Organe, die Antheridien. Sie produzieren zahlreiche, im Wasser aktiv bewegliche Samenzellen. In einem Wassertropfen oder in einem Film aus Regen- und Tauwasser schwimmen sie zu einem Archegonium und befruchten dort die Eizelle.

Aus der befruchteten Eizelle entwickelt sich eine langgestielte Sporenkapsel. In ihr werden durch Zellteilung staubfeine Sporen gebildet, die der Wind bei trockener Witterung verbreitet. Fallen sie auf ein geeignetes Substrat, keimen sie zu einem kleinen Zellfaden, dem Protonema, aus. Aus ihm erwachsen männliche und weibliche Moospflänzchen und der Kreislauf beginnt wieder von vorne.

Die grünen Moospflänzchen stellen die geschlechtliche Generation dar (Gametophyt; Gameten = Geschlechtszellen; gr. phyton = Pflanze), der Sporenträger ist die ungeschlechtliche Generation (Sporophyt). Man spricht deshalb im Lebenszyklus der Moose von einem Generationswechsel. Hier legen viele Moose die Produktion von Ei- und Samenzellen in das feuchtere Winterhalbjahr, das länger anhaltende Feuchtigkeit verspricht. Im warmen Wind des folgenden Sommers erfolgt die Fernausbreitung der Sporen.

In der Bryologie, der Wissenschaft von den Moosen, kommt man bei der Erkennung von Moosarten ohne Lupe, manchmal sogar ohne Mikroskop nicht aus. Das sollte jedoch keinen davon abhalten, sich mit diesen uralten, für den Naturhaushalt unverzichtbaren und ästhetisch ansprechenden Pflanzen zu beschäftigen.

Der Blick in ein Bestimmungsbuch offenbart eine mannigfaltige Formenfülle sowie Namenskreationen, die neugierig machen, wie folgende Beispiele zeigen: Eibenblättriges Spaltzahnmoos, Lockiges Gabelzahnperlmoos, Wollhaariges Zackenmützenmoos, Kurzhängendes Gegenhaarmoos, Bäumchenartiges Gleichbüchsenmoos, Einseitswendiges Kleingabelzahnmoos, Zierliches Zwischenzahnmoos oder Veränderliches Starknervenmoos. Besonders der Winter bietet sich als Beobachtungszeitraum an, weil keine bunten Blüten den Blick ablenken und die kahlen Kronen der Laubbäume viel Licht auf den Waldboden lassen.

In Parks und Gärten macht sich Moos als Rasenunkraut unbeliebt. Arten wie das Langgestreckte Schönschnabelmoos (Eurhynchium praelongum), das Krücken-Kurzbüchsenmoos (Brachythecium rutabulum), das Bäumchenartige Leitermoos (Climacium dendroides) oder der Sparrige Runzelpeter (Rhytdiadelphus squarrosus) konkurrieren mit Gräsern, Gänseblümchen & Co., woraufhin ihnen der Kampf angesagt wird.

Ganze Industrien profitieren von den so genannten »Moosvernichtern«. Statt das Grundwasser durch deren Anwendung zusätzlich mit Chemikalien zu belasten, wäre ein Umdenken angebracht, denn Moose sorgen als Wasserspeicher auch bei vorübergehender Trockenheit noch für einen frischen Anblick der Rasenfläche. Außerdem federn sie Schritte wie ein Stoßdämpfer ab.

Wenn das Moos den Rasen-Gräsern überhaupt keine Chance mehr lässt, liegt das entweder an einer für den Standort ungeeigneten Grasmischung, an zu großer Bodennässe, an zu viel Schatten oder an unangemessenen Düngergaben. Moosstandorte zu erhalten oder zu erschaffen, ist nicht nur vor dem Hintergrund der Biodiversitätsförderung, des Artenschutzes und des Wasserhaushalts in der Natur eine dringliche Aufgabe, sondern auch für die Existenzsicherung zahlloser Ameisen, Käfer, Schnecken, Hornmilben, Insektenlarven, Tausendfüßler und anderer Kleintiere, die dauerhaft oder vorübergehend in Moospolstern leben. Für sie ist ohne Moos nix los!im

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