»Politikverdrossenheit muss am eigenen Sofa aufhören«

Unabhängige Wählergemeinschaft »Gemeinsam für Einbeck« gegründet / Mitspieler auf kommunalpolitischer Ebene sein

Aus Zuschauern Mitspieler machen, die sich gemeinsam für Einbeck engagieren, das ist Wunsch und Ziel der neu gegründeten Unabhängigen Wählergemeinschaft »Gemeinsam für Einbeck« (GfE). Dabei will man bewusst im Kleinen bleiben: »Unser Spielfeld ist die Lokalpolitik«, machte GfE-Sprecher Georg Folttmann in der Rathaushalle deutlich, in der die Bürger an den Seiten standen und auf den Stufen hockten. Gegen Politikverdrossenheit will GfE antreten mit einem klaren Anspruch: Bei den Kommunalwahlen am 11. September will sie erfolgreich sein, »denn wir wollen ja etwas verändern.« Bei einer Mitgliederversammlung im Mai werden weitere Schritte geplant.

Einbeck. Immer mehr Menschen verabschiedeten sich von der gesellschaftlichen Mitwirkung, sie seien nicht mehr Mitspieler, sondern nur noch Zuschauer, zitierte Georg Folttmann, Sprecher von GfE, zunächst Joachim Gauck, um dann die Besucher im »picke-packe« vollbesetzten Rathaussaal mit »Herzlich willkommen, liebe Mitspieler« willkommen zu heißen. Das Spielfeld sei eindeutig die Lokalpolitik. Die ersten 112 Spieler, die Unterzeichner des Gründungsaufrufes Mitte März, seien inzwischen durch 18 weitere Teilnehmer verstärkt worden. Sie hätten in diesem gemeinsamen Akt der Transparenz für einen neuen politischen Aufbruch geworben.

Gegner, betonte Georg Folttmann, seien nicht die derzeit 36 Ratsmitglieder, auch nicht die rund 300 Mitarbeiter der Verwaltung. Gegner seien vielmehr diejenigen, die passiv blieben, die still resigniert hätten, die nicht mitspielen wollten. Die Bürger sollten ihre Kritik nicht nur im stillen Kämmerlein üben.

Lokal und unabhängig wolle die Wählergemeinschaft sein, und sie wolle bewusst »Kirchturmspolitik« betreiben, auch wenn der Begriff negativ besetzt sei: Es gebe vor Ort genug Aufgaben, denen man sich widmen könne. »Wir sind und werden keine Berufspolitiker«, machte Folttmann deutlich, man setze auf Unabhängigkeit. Transparenz, Offenheit, Nachvollziehbarkeit und Klarheit seien wichtige Grundsätze. »Wir wünschen uns eine Politik, die Menschen verbindet und in die sie ihre Ideen einbringen können.« Politisches Engagement in Einbeck müsse Anerkennung gewinnen, es müsse Ergebnisse zeigen und dürfe auch Spaß machen.

Unterschiedliche Motivationen, in der Wählergemeinschaft mitzuarbeiten, wurden in persönlichen Stellungnahmen derjenigen deutlich, die den Gründungsaufruf unterschrieben oder sich ihm angeschlossen haben. Das Interesse einer stärkeren Förderung von Kunst und Kultur hob Dr. Ursula Beckendorf hervor. Dr. Dietmar Kappey berichtete von guten Erfahrungen mit einer Wählergemeinschaft in Kohnsen - vielleicht lasse sich dieses Modell gegen den Einbecker Stillstand nutzen. Politikverdrossenheit sah Dr. Olaf Lechte, auch verursacht durch Lagerdenken. Über parteipolitische Querelen, unter anderem geäußert in Leserbriefen, hat sich Dr. Andreas Büchting geärgert. Er wünscht sich einen neuen politischen Stil, einen Ruck, ein Nach-vorn-Denken, und wenn man etwas besser machen wolle, müsse man es zunächst ändern. Nicht weiter im stillen Kämmerlein ärgern möchte sich Matthias Bohne, der die Elternbefragung zur IGS als Farce empfunden hat, bei der der Elternwillen missbraucht worden sei. Mehr Möglichkeiten für Jugendliche entwickeln möchte Katharina Lodder, im gemeinsamen Vorgehen sieht sie viel Potenzial. Seine Kontakte und seine Arbeitskraft bietet Gerhard Haupt an, wobei er besonders die Integration von Migranten stärken will. Gerade ihnen die Chance eröffnen, sich für Einbeck einzusetzen, dahinter steht Luckmann Abdallah. Der Gastronom hofft außerdem, dass über eine lebendigere Kneipenszene mehr Leben in die Stadt kommt. Mit Herz und Verstand und einem Heimatgefühl im Bauch wollen Katrin Kühn und Holger Niedrig mitwirken. Soziale Themen sind ebenso  ihr Anliegen wie der Ansatz, gemeinsam Stärke zu zeigen.

»Träumen Sie auch schon?«, schmunzelte Georg Folttmann angesichts dieser vielfältigen Ansätze der Mitwirkung. Politikverdrossenheit sei nicht das Problem der Politik, sondern vielmehr der ganzen Gesellschaft. »Verdrossenheit muss am eigenen Sofa aufhören«, forderte er.

Da es dabei nicht ohne Formalien geht, stellte Marc Hainski einen Satzungsentwurf vor: »Sie sollen ja nicht die Katze im Sack kaufen.« Über die Satzung und einen Vorstand der Wählergemeinschaft wird eine Mitgliederversammlung am 4. Mai beschließen. Ort und Zeit werden noch bekanntgegeben. Um die künftige Arbeit auf mehrere Schultern und Köpfe zu verteilen, sollen Fachausschüsse beziehungsweise Arbeitsgemeinschaften gebildet werden.

»Heute ist der Anfang von etwas Großem«, umriss Georg Folttmann die Aufbruchstimmung. Nach Mitgliedersammlung und Vorstandswahl liege das Wohl des Vereins bei den Mitgliedern. Nächste Etappenziele müssen dann die Erarbeitung eines Wahlprogramms und die Vorbereitung der Kommunalwahl sein: »Wir wollen ja etwas verändern«, so Marc Hainski. Die Aufstellung der Kandidatenlisten muss ebenfalls vorgenommen werden. Bis zum 13. Juni hat die Wählergemeinschaft anzuzeigen, dass sie bei der Wahl kandidieren wird, die Liste muss bis zum 28. Juli im Rathaus vorliegen. »Bringen Sie sich ein, treten Sie bei, kandidieren Sie, bringen Sie ihre Kompetenz ein« - gleich einen Mehrfach-Appell richtete Folttmann an die Zuhörer.

»Überwältigt« sei man von dem Interesse gewesen, das so groß gewesen sei, dass selbst die Rathaushalle als Raum nicht ausgereicht habe, sagte Folttmann nach Abschluss des Abends. Man bedauere sehr, dass nicht alle Interessierten Platz im Saal gefunden hätten.

Beitrittserklärungen nimmt Marc Hainski, Neuer Markt 27, Einbeck, entgegen. Unter www.gemeinsam-fuer-einbeck.de gibt es weitere Informationen. ek

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