»Schalala« und Schlaghosen bringen die Siebziger zurück

»Musik ist Trumpf«: Show der »Familie Malente« begeistert im Wilhelm-Bendow-Theater / Lebensgefühl mit Musik, Mode und Werbung

»Hossa!« - Wer ein bestimmtes Lebensalter erreicht hat, weiß, was jetzt kommt: die 70er Jahre, eine Zeit, in der föngewellte Schlagerstars mit Polyesterhemden, Schlaghosen und Plateauschuhen die Herzen der Fernsehzuschauer eroberten. Die hockten vorzugsweise am Sonnabend nach dem Baden vor dem TV, möglicherweise mit einer Tasse »Jacobs Krönung« in der Hand, zubereitet in der mit Pril-Blumen geschmückten Küche. Dieses Lebensgefühl brachte die Show »Musik ist Trumpf« jetzt ins Einbecker Wilhelm-Bendow-Theater, und die Zuschauer im nahezu ausverkauften Haus gingen bei dieser schwungvollen Vergangenheitsbewältigung begeistert mit und schwelgten in Erinnerungen.

Einbeck. Bonanzafahrrad mit Fuchsschwanz, »tritop«-Getränkekonzentrat, Schlaghosen mit besonderer Passform, oben Modell »Wurstpelle«, unten mit astronomischer Weite über den klobigen Schuhen - schon beim ersten Blick auf die Protagonisten der »Familie Malente« gab es Szenenapplaus aus dem Publikum. Mit Volldampf und kunstvoll gefönten Außenwellen ging es in die Siebziger: Licht aus, Spot an! Peter und Vico Malente sowie Bianca Arndt und Christin Deuker verwandelten sich in den folgenden zwei Stunden in rasend schnellen Kostüm- und Frisurwechseln in die Menschen der Siebziger, mit Witz und Gesang.

Rund um die Schlagerpräsentation rankte sich ein kleines Handlungsgerüst: Gisela und Jürgen sind mit Monika und Markus befreundet, und die Zuschauer konnten Einblick nehmen in deren Alltag. Ein Höhepunkt der Woche war die »Zett Deh Eff«-Hitparade am Sonnabend, es folgten große Shows wie »Am laufenden Band«. Das heimische Wohnzimmer war dekoriert mit einem Flokati und Möbeln in schrillen Farben, man duschte mit »bac« und »Schauma«, und wenn der Haussegen mal schief hing, war »Frau Sommer« mit dem richtigen Kaffee zur Stelle. Den Urlaub machte Neckermann möglich, es ging auf die Insel Krk oder an die »Costa Cordalis«, musikalisch garniert mit »Und es war Sommer«, »Akropolis Adieu« oder »Aber am Abend, da spielt der Zigeuner«.

Kultstatus hatten »Ede« Zimmermann und »Aktenzeichen xy - ungelöst« oder »Derrick« in Trench und dicker Hornbrille, diesmal auf der Suche nach Bernd C(lüver) und dem »Hund von Monika«. Modische Träume gingen in Erfüllung mit braunen, engen Cordsakkos und quietschbunten Minikleidern, und in der Garage stand ein Opel Rekord mit »90 wütenden PS« an der Hinterachse. »Erst gurten, dann starten«, das war für viele ungewohnt, und in der Ölkrise musste der gute Opel auch mal wegen des Sonntagsfahrverbots stehen bleiben. In den Kinos sorgte der »Schulmädchenreport« für Furore, immerhin fand er sechs Millionen Zuschauer, »jeder Zehnte also«, zählten die Darsteller süffisant durchs Publikum in den ersten Reihen. Aber auch die »Emma« fand ihre engagierten Leserinnen. Fürs persönliche Wohlbefinden sorgten »Colgate« und das »Gard«-Haarstudio, das »bisschen Haushalt« ließ sich mit dem »General« und »Persil« auf Vordermann bringen, so war man gerüstet für Roy Black und Anita und »Schön ist es, auf der Welt zu sein«, Mireille Mathieu mit einer Frisur, die noch heute bekannt ist, oder Jürgen Marcus’ »Festival der Liebe«. Hochzeit, Schwangerschaft, Geburt - auf der Bühne wurden sie in Windeseile vollzogen, denn »Wunder gibt es immer wieder«.

»Jetzt geht die Party richtig los«, mit diesem Versprechen startete der zweite Teil des Abends, und dabei wurde die »Fiesta Mexicana« ebenso gefeiert wie Roberto Blancos Hit »Ein bisschen Spaß muss sein«. Unvergessen die Wabenwand aus »Dalli, Dalli«, Hans Rosenthal sammelte diesmal für eine Familie aus der »Ostzone«, die mit Kunstlederkoffer anreiste - alles so typisch, dass sich in den Köpfen der Zuschauer sicher wieder und wieder Erinnerungen einstellten. Zu Unterwassermakramee lud Jean Pütz in der »Hobbythek« ein mit einem aktuellen Kiffertipp: lieber Gras rauchen als Heuschnupfen - allerdings mit Blick auf tragische Folgen und den »Tag, als Conny Kramer starb«.

Ein besonderer Spaß war die Bata-Illic-Parodie mit monströsem Gebiss und dem Hit »Michaela«. Auf der B-Seite - »Für die jungen Hühner: Dazu muss man die CD umdrehen« - befand sich das »Knoblauch-Lied«: »Dich erkenn’ ich mit verbund’nen Augen«. Als Sänger und als Zauberer zeigte Bata Talent: Aus einer Ballonwurst wurde ein Pudel geformt, allerdings mit nasser Schwanzspitze, wie er bei der Überreichung des Geschenks an eine Zuschauerin warnte. Schließlich verabschiedete er sich, um in Belgrad einen Schuhladen (»Bata«) zu eröffnen.

»Strahler«-Küsse, die besser schmecken, das »schlechte Gewissen« von Lenor, Fernsehhund Wum - sie alle reihten sich ein in einen Abend mit unverwüstlichen Hits mit viel »Schalala«. Auf Schallplatten wurden Träume und Sehnsüchte der damaligen Zeit eingebrannt, noch heute hör- und singbar. »Nur die  Liebe lässt uns leben«, »Eine neue Liebe ist wie ein neues Leben«, ein schmachtender »Howie« auf der Suche nach Alice, Hippie Christian Anders im »Zug nach nirgendwo«, Heinos »Blauer Enzian« und schließlich »Er gehört zu mir« von Marianne Rosenberg: Textsicher mitsingen, mitklatschen, die Arme hochreißen, das Publikum hatte großes Vergnügen. Die Träume von damals, versicherte Familie Malente, seien so schrill, dass man sich für immer an sie erinnere und dass sie auch heute noch begeisterten.

»Das war der beste Freitag in dieser Woche für uns« verabschiedeten sich die vier charmant mit mehreren Zugaben, unter anderem dem Chanson »Gute Nacht, Freunde« - eigentlich vergessen, aber plötzlich wieder ganz präsent. Mit wunderbar authentischer Kleidung und zeittypischer Dekoration, mit Stimmen, die sich unterschiedlichen Stars mühelos anpassten, mit viel Witz (man wundert sich, worüber man damals lachte) und vor allem mit ganz viel Spaß sorgte die Show für viele begeisterte Zuschauer. ek

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