Sparringspartner für Jugendliche sein

»Goethe lädt ein«: Vortrag von »return« zum Thema »Problem Medien« | Medienwelten sind jugendliche Lebenswelten

Einbeck. Das Internet ist aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken. Neben den Möglichkeiten, die sich durch die Nutzung von Computer und Internet ergeben, zeigen sich zunehmend auch Risiken und Gefährdungspotentiale. Diese Sorge treibt Eltern um, die Veranstaltungsreihe »Goethe lädt ein« hat deshalb das »Problem Medien« aufgegriffen und einen Abend mit der Fachstelle für Mediensucht »return« des Diakonischen Werks in Hannover zu diesem Thema organisiert. Die Sozialpädagogen Dietrich Riesen und Lucas Döbel plädierten im Umgang mit Jugendlichen dafür, im Gespräch zu bleiben, eine fragende und gesichtswahrende Haltung einzunehmen. Eltern sollten – so das eindrucksvolle Bild – Sparringspartner für ihre Kinder sein und dabei für maximalen Widerstand bei minimaler Verletzung sorgen.

Döbel stellte klar, dass heutzutage »Medienwelten jugendliche Lebenswelten« sind. Virtuelle Erlebnisse und Erfolge könnten für Jugendliche dauerhaft bedeutsamer werden als die Anforderungen und Erfahrungen des realen Lebens. Deshalb sei es umso wichtiger, dass Jugendliche auf ein Fundament mit Bindung und Werten bauen können, damit sie in Stürmen wieder aufgerichtet werden können.

Viele Kinder und Jugendliche haben ein Maß an Bildschirmmedien zur Verfügung, das ihrem Reifegrad nicht entspreche. 99 Prozent der Jugendlichen haben ein Handy, 80 Prozent einen Laptop; durchschnittlich verbringen die Jugendlichen 7,5 Stunden am Tag vor dem Bildschirm. Die Zeitspanne reiche allerdings nicht als Bewertungsgrundlage, ob es ein Suchtverhalten gebe. Leistungsabfall, Motivationsmangel oder Lebensentmutigung seien allerdings Anzeichen dafür. Im Auge haben sollten Eltern die Einbettung des Jugendlichen in sein Umfeld, erklärte Döbel.

Besonders Jungen könnten in den virtuellen Welten hochkomplexer PC-Spiele regelrecht versinken. Dort können sie Abenteuer erleben, Macht ausüben und als echte Helden Missionen erfüllen, die ihr Selbstbewusstsein enorm stärken. Mädchen hingegen bewegen sich eher in sozialen Netzwerken. Durch den mobilen Internetzugang via Smartphone verstärke sich der soziale Druck der jederzeitigen Erreichbarkeit noch einmal mehr.Die Neuro-Wissenschaft erklärt das Phänomen: Onlineaktivitäten bieten eine meist unmittelbare Belohnungserfahrung. Das arbeite einem zentralen Erziehungsziel für Kinder komplett entgegen. Es geht um die Fähigkeit, eine positive Spannung im Hinblick auf ein weiter entferntes Ziel hin zu halten, das heißt auf etwas hinarbeiten zu können.

Ziel müsse es sein, einen gesunden Umgang mit dem Medium Internet zu lernen. Zunächst seien die Eltern dafür verantwortlich, dass Medienmündigkeit gelinge. Wichtig sei, dass man mit dem Jugendlichen im Gespräch bleibe und das die Eltern eine gemeinsame Position einnehmen. Die Eltern könnten sich als »Sparringspartner« verstehen, erklärte der Sozialpädagoge. Mit 15 beziehungsweise 16 Jahren aber müssten die Jugendlichen dann gelernt haben, »mit welchen Medienwelten sie durchs Leben kommen«. Den »Klick zum Kick« nahm der Sozialpädagoge Dietrich Riesen in den Blick. Von den Inhalten der Porno-Seiten machten sich Eltern in aller Regel keinerlei Vorstellung. Sexuelle Bilder und Phantasien, gekoppelt mit Selbstbefriedigung, ermöglichten starke Gefühle und die Illusion von sexueller Erfüllung. Der übermäßige Konsum von Internet-Pornografie aber könnte zu einer Verzerrung führen.Täglich konsumierten 20,8 Prozent der 16- bis 19-jährigen Jungen Pornos, bei den Mädchen sind das lediglich 1,4 Prozent. Im Durchschnitt haben Elfjährige Erstkontakt mit diesen Bildern. Der Porno-Konsum sei enorm hoch, stellte Riesen fest. Im Netz sei Pornografie kostenlos und anonym. Da der Konsum aber für unter 18-Jährige verboten sei, müsste man hier handeln, forderte er.

Hinzu komme, dass Studien dokumentierten, dass Jugendliche, je häufiger sie Internetpornos konsumieren, das Gezeigte für realistisch halten. Der regelmäßige Konsum befördere ein negatives Frauenbild. Die Hemmschwelle, selbst zum Täter sexueller Gewalt zu werden, sinke. »Pornos befördern Täterschaft.« Und übermäßiger Pornokonsum könne zu Beziehungsstörungen, Sucht und Gewalt führen. Ziel müsse es sein »Sexualität zu begrenzen«, damit bindungsorientierte Sexualität gelingen kann.

Eltern kommen also um klare Grenzsetzungen nicht herum. Das Maß der Mediennutzung muss zur Reife der Kinder passen, damit sie physisch und emotional gesund heranwachsen können. Für diesen informativen Vortrag bedankte sich Lehrerin Annett Steinberg bei den beiden Referenten.

Die Goetheschule hat das Projekt »Medienumgang auf höherem Level« seit einigen Jahren in ihr Präventionskonzept aufgenommen. Schüler des 10. Jahrgangs werden zunächst von zwei Mitar­beitern der Fachstelle zu Medienscouts ausgebildet. Im Frühjahr wird das Medienpräventionsteam unter der Leitung von Lehrer Martin Baselt Präventionsveranstaltungen für den 7. Jahrgang organi­sieren. Der Vortrag war der Abschluss der diesjährigen Medienscoutausbildung an der Goetheschule Einbeck.sts

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