Kein Hindernis, sondern Anlass zum Verbeugen

Gunter Demnig verlegt Stolperschwelle als Mahnmahl für Ausbeutung und Entrechtung von Zwangsarbeitern

Viele Interessierte waren gekommen, um bei der Verlegung einer Stolperschwelle vor dem Neuen Rathaus dabei zu sein. Während Gunter Demnig an der Schwelle arbeitete, verlasen Inge und Jürgen Hüttig die Namen von fast 80 Opfern.

Einbeck. Mit fortgeschrittener Kriegsdauer war die Wirtschaft mehr und mehr auf sie angewiesen - ihr Leben war in den meisten Fällen eine Qual, und häufig endete es mit dem Tod in der Fremde, nach Krankheit, Unterernährung, Auszehrung. In Erinnerung an mehr als 1.000 Männer, Frauen und Kinder, die in Einbeck zwischen 1940 und 1945 als Zivilisten oder Kriegsgefangene in Zwangsarbeit ausgenutzt und als billige Arbeitskräfte ausgebeutet worden sind, hat der Initiativkreis Stolpersteine vom Kölner Künstler Gunter Demnig eine Stolperschwelle verlegen lassen.

Die gravierte Messingtafel vor dem Neuen Rathaus erinnert an das Unrecht, das man ihnen angetan hat. Für den Initiativkreis Stolpersteine erläuterte Robert Stafflage, dass in den vergangenen beiden Jahren in Einbeck bislang 29 Steine vor den letzten selbst gewählten Wohnorten der Opfer des Nationalsozialismus verlegt wurden, vor zehn Häusern. Gunter Demnig als Initiator hat schon rund 69.000 Stolpersteine in mehr als 1.100 Orten in Deutschland und über 20 europäischen Staaten verlegt und damit eine einmalige Erinnerung an das Schicksal dieser Menschen als Opfer des Nationalsozialismus geschaffen.

Diese dritte Verlegung erinnere an Opfer des Nationalsozialismus, die als Zwangsarbeiter ausgenutzt und als billige Arbeitskräfte ausgebeutet worden sind: in Industrie, Verwaltung, Handel, Handwerk, Gastronomie, Privathaushalten und Landwirtschaft. Sie wurden entrechtet, gedemütigt und misshandelt, starben nach Mangelernährung und unzureichender medizinischer Versorgung. Nur gelegentlich durften sie auf Fürsorge hoffen.

»Wir verneigen uns vor dem Zwangsarbeitern«, sagte er. Unter den Opfern waren sogar 36 Babys und Kleinkinder, das sei erschütternd. Er freue sich, so Robert Stafflage, dass die Stolpersteine auch Thema in der Schule seien - eine Klasse der Pestalozzischule und Schüler des achten Jahrgangs der IGS waren dabei; deren Arbeitsgemeinschaft »Jüdisches Leben« putzt die vorhandenen Stolpersteine auch. Irmela Kirleis, die sich in den 90er Jahren für die Aufarbeitung des Themas eingesetzt hat, war ebenfalls anwesend.

Am Neuen Rathaus werde mit einer Stolperschwelle ein besonderes Mahnmal geschaffen. Zum einen kämen hier viel Passanten vorbei; zum anderen habe es auch hier Zwangsarbeit gegeben: beim früheren Eigentümer, der Fahrrad- und Rüstungsfabrik Heidemann und bei der Stadtverwaltung. Es sei unfassbar, dass das humanistische Deutschland so tief abstürzen konnte.

Wer sich mit Geschichte befasse, werde die unfassbaren Verbrechen während des Nationalsozialismus als die größten der Weltgeschichte ansehen. Die heutige Generation, betonte er, habe daran keine Schuld. Aber aus ethischer und moralischer Pflicht heraus sollte man die Verbrechen nicht in Vergessenheit geraten lassen. Insgesamt 65 bis 70 Stolpersteine werde man in Einbeck verlegen.

Sie seien kein Hindernis, »sondern wir verbeugen uns: Sie halten an, mit dem Kopf und mit dem Herzen zu stolpern.« Der Initiativkreis Stolpersteine, 2015 gegründet, habe neun ehrenamtliche Mitglieder. Die Arbeit werde ausschließlich mit Spenden finanziert - etwa 35 weitere Stolpersteine werde man noch verlegen können, da sei er zuversichtlich. Robert Stafflage dankte der Verwaltung für ihre Unterstützung, ebenso dem Kommunalen Bauhof für die praktische Hilfe. Dies sei ein besonderer Tag für die Menschen in dieser Stadt.

In einer Zeit, in der es wieder gewählte Abgeordnete in deutschen Parlamenten gebe, die von Schuldkult sprechen würden, das Holocaust-Mahnmal als »Denkmal der Schande« bezeichneten und eine 180-Grad-Wende in der Erinnerungskultur forderten, sei es umso wichtiger, die Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus lebendig zu halten, betonte der stellvertretende Einbecker Bürgermeister Marcus Seidel.

Er erinnere sich noch an die 90er Jahre, als es gelungen sei, dass Angehörigen der damaligen Zwangsarbeiter Einbeck besuchten. Auf dem Gräberfeld auf dem Zentralfriedhof seien Freundschaften entstanden, die zum Teil bis heute Bestand hätten. Insbesondere die Bemühungen von Irmela und Friedel Kirleis und Friedrich Wille seien ihm noch sehr präsent, und noch immer würden regelmäßig Blumen auf die Gräber gelegt.

Die Stolpersteine und diese Stolperschwelle würden die Erinnerung an die Opfer lebendig halten. Dr. Florian Schröder als Mitglied des Initiativkreises erinnerte daran, dass es während des Zweiten Weltkriegs bis zu zwölf Millionen Zwangsarbeiter gab, die unterschiedlichste Aufgaben übernehmen mussten, Verschleppte und Kriegsgefangene. In Einbeck waren sie sieben bis 62 Jahre alt.

Sie hatten keinerlei Rechte, und bei Unterkunft und Verpflegung waren sie den »Arbeitgebern« ausgeliefert. Die Rüstungsgüterproduzenten waren stark von diesen Arbeitskräften abhängig. Sie kamen als »Ostarbeiter« anderem aus Polen oder Russland oder als »Westarbeiter« aus Frankreich oder Belgien. Ab 1944 waren sie in Baracken untergebracht. Insbesondere im »Russenlager« in der Hannoverschen Straße herrschten für etwa 300 Mensch katastrophale Bedingungen. 79 Menschen seien hier auch gestorben, aber vermutlich gebe es mehr Opfer als bisher bekannt seien.

Heute wolle man aber auch an die Überlebenden erinnern, die unter großen seelischen und körperlichen Belastungen als Folge der Zwangsarbeit zu leiden hatten. Inge und Jürgen Hüttig verlasen die Namen der knapp 80 Opfer, und Dr. Elke Heege, Ulrich Hoppe und Joachim Voges nannten die Namen der ebenfalls fast 80 Unternehmen, in denen Zwangsarbeiter beschäftigt waren. Musikalisch umrahmt wurde die Verlegung von Günter Tepelmann, Saxophon.ek

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