Zum 150. Geburtstag August Stukenbroks

Startkapital: ein Fahrrad | Rapides Wachsrtum « Buchveröffentlichung zum Jahresende

Frühe Aufnahme des Ehepaars Stukenbrok.

1888 kam ein junger Mann mit einer Vision nach Einbeck: Zwei Jahre später machte er sich mit nur einem Fahrrad im Warenbestand selbständig. 1896 verkaufte er schon 1000 Fahrräder. Das neue Medium Werbung war dabei ein entscheidender Faktor - Annoncen und Verkaufskataloge in großer Stück- und Seitenzahl. Die Firma wuchs immer weiter, so dass im ehemaligen Technikum am Ostertor die Weltfirma ASTE entstand – August Stukenbrok Einbeck.

Einbeck. Christian Ludwig August Stukenbrok wurde am 29. Mai 1867 in der Ziegelei Pegesdorf zwischen Polle und Bodenwerder an der Weser geboren. Nach seiner Konfirmation begann er 1881 eine kaufmännische Ausbildung im Textilgeschäft H. W. Hagedorn in Polle. Seine nächste Station war die Textilfirma E. Merseburg in Greene. Seine dritte Stelle lag in Einbeck.

Der Einbecker Volksmund erzählt, dass August Stukenbrok im Mai 1888 mit dem berühmten Bündel über der Schulter von der Weser bis nach Einbeck wanderte. Fakt ist, dass er im Einbecker Manufakturgeschäft Adolph Fels an der Löwenkreuzung als »Kommis« (Handlungsgehilfe) anfing. Der junge Kaufmann bezog ein bescheidenes Zimmer in der Marktstraße 42. Die Anstellung bei Adolph Fels behielt er einige Zeit, immerhin bekam er für auswärtige Einsätze zwei Mark Tagesspesenzusatz.

Während dieser Zeit lernte Stukenbrok ein neuartiges Verkehrsmittel kennen: Das so genannte Nieder-Fahrrad. Aus dem umständlich zu fahrenden Hochrad hatte sich binnen Kurzem ein luftbereiftes, mit Kettenübertragung und Pedalen angetriebenes Fahrrad mit Trapezrahmen entwickelt - genauso, wie es im Prinzip noch heute gebaut wird.

Stukenbrok erkannte den Wert dieses Fortbewegungsmittels für die Zukunft und eröffnete mit der Erlaubnis seines Arbeitgebers am 1. Juni 1890 eine kleine Fahrradhandlung mit großem Namen: Deutschland-Fahrräder. Ein Fahrrad kostete zu dieser Zeit zwischen 400 und 450 Mark und obwohl sein Warenlager anfangs nur ein einziges Rad als Warenbestand umfasste, konnte er in seinem ersten Geschäftsjahr 1.000 Mark Umsatz machen, beziehungsweise 28 Fahrräder verkaufen. Durch diesen Erfolg motiviert, gab er im nächsten Jahr eine Drucksache in Auftrag. Das war noch lange kein Katalog, sondern nur ein loses Blatt.

1893 verschickte Stukenbrok den ersten Versandkatalog an seine Kunden. Jetzt konnte man nicht nur Fahrräder, sondern auch zahlreiches Zubehör erwerben. Die Geschäfte liefen immer besser, und die vorhandenen Räumlichkeiten reichten bald nicht mehr aus. 1894 zog er auf den Marktplatz um und brachte einen großen Katalog heraus. Jetzt konnte man sogar Motorräder und »Motorwagen« bestellen. Die Werbung steckte damals noch in den Kinderschuhen. Inspiriert wurde Stukenbrok vom Hamburger Fotografen und Reklamefachmann Frido Wiesenhavern. Von ihm lernte er, wie groß die Bedeutung von Werbung sein konnte.

Zwei Jahre nach der Eröffnung am Marktplatz verschickte die Firma das 1000ste Fahrrad. Das Ereignis wurde mit einem Gruppenfoto dokumentiert und war der Einbecker Zeitung eine Notiz wert: »Gestern Nachmittag sahen wir eine Waggonladung Fahrräder der hiesigen Firma August Stukenbrok, auf welcher sich eine mit grünen Guirlanden bekränzte Maschine mit der Aufschrift: ‘Versand der 1000sten Maschine dieser Saison’ befand. Genannte Firma dürfte momentan das weitaus größte Fahrrad-Versandhaus Deutschlands sein«.

Mittlerweile war das Fahrrad zu dem Fortbewegungsmittel geworden. Wie überall im Land gründete sich auch in Einbeck ein Radfahr-Verein. Natürlich war August Stukenbrok aktives Vereinsmitglied. Drei handschriftliche Protokolle liegen von ihm vor. Im Januar 1894 schrieb er in feinstem Sütterlin »… Alsdann wurde beschlossen, in diesem Jahre eine Tourentabelle zu führen, damit sich die Mitglieder unseren gemeinschaftlichen Clubtouren mehr beteiligen. Zum Schluß der Fahrsaison (1. Octbr.) werden ein erster und ein zweiter Preis an die Fahrer verteilt welche bei Clubtouren die größte gefahrene Kilometerzahl aufweisen. Auf jeden Sonntag wird eine gemeinschaftliche Tour angesetzt und wird nun an den Vereinsabenden für Zuspätkommen 10 Pfennig und für Nichterscheinen 25 Pfennig Strafe erhoben …«.

Am Markt 7 arbeiteten 15 bis 20 kaufmännische Angestellte, zwölf Arbeiter. drei Fahrradschlosser waren damit beschäftigt, entsprechende Umbauten nach Kundenwünschen vorzunehmen.

Stukenbrok hatte immer noch regen Kontakt zu seinem Hamburger Freund. Er schaute genau hin und hörte genau zu, was Wiesenhavern sagte und tat. Offenbar war das der entscheidende Impuls. Er übernahm alle positiven Aspekte in sein Geschäftskonzept. Jetzt waren alle Grundlagen für den großen geschäftlichen Erfolg gelegt.

Der Rest der Geschichte ist vielen Einbeckern wohlbekannt. Stukenbrok wird im Verlauf der Jahrzehnte immer reicher und lebt mit seiner Familie abgeschottet auf dem riesigen Grundstück des heutigen Stiftsparks. Nach dem Tod seiner Frau beginnt ein teilweise ausschweifendes Leben. 1929 erkrankt er schwer, 1930 ist er tot. 1931 muss seine Tochter Hertha als Erbin und willenloses Werkzeug der Geschäftsleitung den Konkurs erleben.

Die Firma wird verkauft. Am Ende bleibt nichts übrig. Unbekannt sind dabei die genauen Hintergründe. Das Konkursverfahren wurde zwar 1931 von der Einbecker Presselandschaft bis ins letzte Detail dokumentiert, aber wie ist es dazu gekommen? Und wie verhielt es sich mit dem »wahren Leben« der Familie Stukenbrok?

Diese und vielen weiteren Fragen werden zum Jahresende in einem umfangreichen Buch über August Stukenbrok beantwortet. Grundlage dazu ist das riesige Stukenbrok-Archiv von Werner Zänker. Neben den oben erwähnten Radfahrer-Protokollen liegt ein großer Teil der Geschäftskorrespondenz von Stukenbrok mit seinem ersten Prokuristen Kurt Richter vor. Zahllose weitere Schriftstücke geben einen tiefen Einblick in die Firmenstruktur.

Ein echter Schatz sind 300 private Fotografien. Großformatige Glasplattenfotografien, die den Umbau des späteren neuen Rathauses zeigen, Besuche von und bei der Pegestorfer Verwandtschaft und Familienfeiern sind genauso zahlreich dokumentiert wie Bilder von Garten und Villa. Die Urlaubsfotos bezeugen Fahrten der Familie durch halb Europa. Ein Fundstück der besonderen Art sind Fotos aus Monte Carlo. Sie zeigen unter anderem die letzte Wildwest-Show von Buffalo Bill Cody in Europa im Jahr 1913.

Das Buch umfasst rund 200 Seiten. Autor Wolfgang Kampa erzählt ausführlich die Geschichte der Firma ASTE und zeichnet ein Bild vom Privatleben des August Stukenbrok. Zur Veranschaulichung dient eine große Auswahl von 300 Dokumenten und Fotografien – die allermeisten davon bisher unveröffentlicht.wk

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