Großes Gefahrenpotenzial für die ganze Region

Grüne in Kreiensen mit Aktionstag gegen Schacht Konrad / Kreiensen als Atommüll-Drehscheibe?

Die zuständigen Stellen schieben die Verantwortung in Form eines »atomaren Pakets« hin und her: Die Grünen, darunter die Bundestagskandidatin Karoline Otte (Mitte), haben am Bahnhof Kreiensen auf die Gefahren durch das geplante Bereitstellungslagers Würgassen hingewiesen. Der Bahnhof würde dabei auf dem Weg zu Schacht Konrad zu einer Drehscheibe für die Transporte mit schwach- und mittelradioaktivem Müll.

Kreiensen. Der Kreienser Bahnhof könnte zur Drehscheibe beim Transport von rund 300.000 Kubikmetern Atommüll werden. Sollten die Planungen dazu umgesetzt werden, wäre mit etwa 200 Güterzügen pro Monat zu rechnen, die im Bahnhof geparkt beziehungsweise deren Fracht dort umgeladen wird auf dem Weg von Würgassen an der Drei-Länder-Grenze Niedersachsen/Nordrhein-Westfalen/Hessen zum Schacht Konrad bei Salzgitter. Auf die drohende Gefahr haben am Bahnhof Kreiensen jetzt die Grünen anlässlich des Aktionstages »Schacht Konrad game over« aufmerksam gemacht.

Die Bundesregierung plant, ein zentrales atomares Bereitstellungslager in Würgassen zu errichten. Bei der Standortauswahl würden, kritisieren die Grünen, die geologische Lage, ein nicht tragfähiger Baugrund und die Ausweisung im Hochwassergebiet ebenso wie mangelnder Abstand zur Wohnbebauung und die unzureichende Verkehrsinfrastruktur mit einer schlechten Anbindung per Bahn oder Straße nicht berücksichtigt. Das alles werde ausgeblendet, »weggegutachtet«. Die jüngsten extremen Unwetter in mehreren Teilen Deutschlands hätten gezeigt, dass bisherige Schutzmaßnahmen vor zunehmendem Extremwetter nicht ausreiche. Das gelte auch und insbesondere für das geplante Zwischenlager in Würgassen. »Das ist ein wahnsinnig ungeeignetes Endlager«, stellte die Grünen-Bundestagskandidatin, Karoline Otte, Moringen, vor Ort fest. Die Bundesgesellschaften für Endlager und für Zwischenlagersuche würden Zuständigkeiten und Verantwortung zwischen sich hin und her schieben. Das alles sei überhaupt nicht sicher, sondern vor allem das: weit weg von der Landeshauptstadt und dort, wo möglichst wenig Gegenwind zu erwarten sei. Das könne jedoch kein Kriterium für die Standortauswahl sein. Auf dem Weg von Würgassen nach Salzgitter müsse der Atommüll in Kreiensen umgeladen beziehungsweise über Nacht geparkt werden. Der Transport würde vorschriftswidrig teilweise nur auf einer eingleisigen Strecke erfolgen, die obendrein nicht schwerlasttauglich sei. In Kreiensen würden die Züge dann auf die zweigleisige Strecke eingetaktet.

Das alles, warnte Dirk Wilhelm, aus Beverungen, Vorsitzender der Initiative Atomfreies Dreiländereck, stelle ein erhebliches Sicherheitsrisiko dar: Atommüll zusammen mit dem Öffentlichen Personennahverkehr zu befördern, an einem Bahnhofskreuz, das unter anderem von vielen Berufspendlern, Schülern und Studenten genutzt werde. Die Planungen würden gegen die selbst aufgestellten Kriterien verstoßen, der Sicherheitsgedanke sei aufgegeben worden.

Mit einem »Laienschauspiel« stellten einige Aktivitäten auf dem Bahnhofsvorplatz dar, wie die Ministerpräsidenten Stephan Weil und Armin Laschet, Bundesumweltministerin Svenja Schulze sowie die Chefs der beteiligten Behörden, das »Paket« mit schwach- und mittelradioaktivem Atommüll von einem zum anderen schieben, vor dem Hintergrund der im März 2020 getroffenen Entscheidung für das geplante zentrale atomare Bereitstellungslager in Würgassen. Über dieses Lager, so die Kritik von Karoline Otte, sei öffentlich gar nicht diskutiert worden. »Die betroffenen Regionen wissen nicht, was da auf sie zurollt«, machte sie deutlich. Für Kreiensen seien beispielsweise 200 Güterzüge pro Monat zu erwarten. Der Anlieferverkehr aus Norddeutschland werde dabei, an Schacht Konrad vorbei, erst einmal nach Würgassen führen und von dort auf den weiteren Weg gehen - Ziel Schacht Konrad geschickt. Und das sei ebenfalls ein wahnsinnig schlecht gewähltes Lager, so Otte. Insgesamt sei das Vorgehen ein »bitterer Prozess, direkt vor unserer Haustür wird fahrlässig mit Atommüll umgegangen«, so ihr Urteil.

Es sei damit zu rechnen, hieß es, dass der größte Teil der Transporte über die Schiene abgewickelt werde, entweder auf der südlichen Strecke über den Solling oder auf der nördlichen Route über Holzminden und Stadtoldendorf, beides jedoch mit dem Endpunkt Kreiensen. Der Transport auf der Straße würde sich ähnlich schwierig gestalten: bis zu 60 Kilometer über Land, teilweise steil bergab, etwa durch den Ith, zudem durch enge Ortsdurchfahrten.

Der 2017 geschlossene Atomdeal sei vom Gedanken her eigentlich gut gewesen, stellte Dirk Wilhelm fest. Allerdings habe der Staat Verantwortung und Kosten für den Ausstieg übernommen, denn die Beteiligung der verursachenden Unternehmen werde bei weitem nicht ausreichen. Und die Würgassen-Auswahl »im Hinterzimmer«, wovon die Region völlig überrascht und überrannt worden sei, zeige, wie gearbeitet werde. Eigentlich sollte Würgassen nämlich zurückgebaut werden; jetzt handele man den Standort als »alternativlos« mit dem Hinweis, die Sicherheit werde nachgewiesen werden. Kein anderer Standort werde für einen Betrieb ab 2027 voruntersucht, jede Kritik ignoriert, alles konzentriere sich nur auf diese Lösung. Dabei seien die Spielregeln für die Unternehmen seit Mitte der 90er Jahre bekannt gewesen; es habe sich nur niemand darum gekümmert. Das zeige sich unter anderem daran, dass bislang nur 20 Prozent der Gebinde transportgerecht verpackt und dokumentiert seien.

Aber inzwischen sei die Region aufgewacht, fünf Landkreise, darunter auch Northeim, hätten Resolutionen verabschiedet, dieses Lager nicht an dieser Stelle zu errichten. Zudem müsse auch die Genehmigung für Schacht Konrad überdacht werden; nach heutigen Kriterien dürfte die Anlage nicht mehr zu genehmigen sein – »game over«, »Spiel zu Ende« für diesen Standort.

»Eine Entscheidung für Würgassen für ein zentrales atomares Bereitstellungslager ist rational nicht zu begründen«, so das Fazit der Grünen. »Sie erscheint deshalb rein politisch motiviert zu sein und birgt ein großes Gefahrenpotenzial für die gesamte Region.«ek

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