Kreistag Northeim

Ausbauziel 12. Juli ist nur begrenzt zu halten

Telekom-Vertreter erläutern aktuellen Stand beim Breitbandausbau im Landkreis | Unerwartete Schwierigkeiten

Dieter Schulz und Dr. Henrik Prößdorf von der Telekom berichteten im Northeimer Kreistag zum aktuellen Sachstand beim Breitbandausbau, und sie räumten dabei zeitliche Verzögerungen gegenüber der ursprünglichen Planung ein.

Über den aktuellen Stand beim Breitband­ausbau im Landkreis hat die Deutsche Telekom bei der jüngsten Sitzung des Northeimer Kreistages berichtet. Das Vor­haben wird nicht, wie geplant, ab dem 12. Juli dieses Jahres abgeschlossen, das mussten die Unternehmensvertreter dem Kreistag »beichten«.

Northeim. Dieter Schulz und Dr. Henrik Prößdorf teilten mit, dass das geplante Bauzeitende nicht einzuhalten sei. Anzuschließen seien 115 Ortschaften. Rund 16.000 Haushalte seien unterversorgt, das werde man ändern. Damit sei dieses Vorhaben im Landkreis Northeim eines der größte Projekte der Telekom in Niedersachsen. 9.706 Adressen, fünf Gewerbegebiete, 53 Schulen und 27 Gewerbetreibende in Einzellage stünden auf der Agenda.

Dazu müssten 100 Gehäuse für die Glasfasernetzverteiler aufgestellt und 270 Kilometer Tiefbauarbeiten ausgeführt werden. Zwei Fördermittelgeber und unterschiedliche Richtlinien – man habe bis zum Vertragsabschluss schon sieben Monate verloren. Zudem seien die Tiefbau-Ressourcen »leergekauft«, und die Preise seien um etwa 30 Prozent gestiegen. »Das haben wir so nicht erwartet«, räumte Schulz ein. Außerdem würden die Leitungen von Mitbewerbern überbaut, wodurch man massiv behindert werde. Die Konkurrenz sei ohne Rechtsgrundlage in Mindertiefen tätig, und die Telekom müsse deshalb umplanen. Auch das führe zu Mehrkosten und Zeitverlust. »Das tut uns weh.«

Außerdem werde so doppelte Infrastruktur geschaffen. Die geplante Fertigstellungsfrist von zwölf Monaten seit Vertragsunterzeichnung sei nicht haltbar. Die letzten Bauarbeiten würden voraussichtlich bis Ende Januar dauern. Eine sukzessive Inbetriebnahme könnte ab dem 12. Juli laufen, die vollstän­dige Buchbarkeit werde man erst ab dem 30. Januar 2020 erreichen. Durch Supervectoring habe man zudem eine Möglichkeit, die Bandbreiten mindestens zu verdoppeln, wo das technisch möglich sei: Wer 100 MBit wolle, bekomme nun 250. Das treffe auf etwa zwei Drittel der Haushalte zu. Man arbeite, betonte Dieter Schulz, mit Hochdruck: Inzwischen seien vier Tiefbaufirmen im Kreisgebiet tätig, mit 19 Baggern und 27 Bautrupps. Bisher habe man 15 Gehäuse aufgestellt, 16 Kilometer Tiefbau seien fertig, 26 Kilometer Glasfaserkabel seien eingezogen.

»Sie verkaufen uns hier ein Desaster«, stellte Dirk Ebrecht, CDU, fest. Mittlerweile gebe es erheblichen zeitlichen Verzug, und das liege nicht am Landkreis oder an der Kreisverwaltung. Der geschlossene Vertrag regele die Zeiten genau, aber bisher sei man »ganz weit weg von fertig«. Es seien nicht mal zehn Prozent verlegt. Das wachse sich zu einer unendlichen Geschichte aus, und die Bürger hätten die »Faxen dicke«. Es sei Frust da statt Vertrauen. Man könne fast den Eindruck gewinnen, die Telekom mache so etwas zum ersten Mal. Er sei, so Ebrecht, »einigermaßen entsetzt«.

Von der Situation in Sievershausen be­richtete Dr. Bernd von Garmissen, CDU: Es gebe die schlechteste Anbindung, und um Abbecke als Weißen Fleck zu erschließen, buddele die Telekom im Dorf alles auf, ohne dass die Bürger etwas davon hätten. Da bleibe nur noch Kopfschütteln, das sei eine »Verhohnepiepelung« der Einwohner, deren Dorf nur als Durchfahrt diene. Schlamm und Dreck würden bleiben, einen Anschluss gebe es nicht. Er frage sich, wieso die Telekom nicht solche Angebote wie Goetel machen könne, zumal sie gefördert werde: »Das verwirrt uns Bürger total.« Sievershausen, erläuterte Dieter Schulz, sei nicht im geförderten Netz, den Ort könne die Telekom nicht einfach mitnehmen. Das Banner vor Ort, von Dr. von Garmissen als »Volksverdummung« tituliert, sei ein Fehler gewesen, das werde abgebaut.

»Wann kommen Sie denn zu uns?«, fragte Rolf Metje, SPD, für Drüber und Sülbeck. Es sei von einem Aufbruch bis September die Rede. Er gab zu bedenken, dass im Sommer im Dorf gefeiert werde, und er mahnte einen Ausbauplan an. Außerdem seien Grundschule und Kreisvolkshochschule vergessen ­worden. Das sei, erläuterte Landrätin Astrid Klinkert-Kittel, bei Datenübertragungen »rausgefallen«, zusammen mit drei weiteren Schulen. Dafür werde man aber Lösungen finden. »Das ist auch für uns ein Riesenprojekt«, stellte sie fest.

Der Landkreis sei schnell bei der Förderung dabei gewesen, und er sei immer noch unter den ersten fünf oder sechs mit einem Komplettausbau, aber man habe nicht gesehen, wie kompliziert es in der Praxis sein werde, sagten die Unternehmensvertreter. Die Ausbauzeit belaufe sich nun real auf 18 Monate - das sei nicht schön; wer jetzt allerdings neu starte müsse sich von vornherein auf. 48 Monate einstellen.

Zuvor hatten Bürger bereits in der Einwohnerfragestunde das Thema aufgegriffen. So berichtete ein Lauenberger, dass der Ort durch die vorhandene Technik teilweise gar nicht zu erschließen sei. Zudem habe die Telekom auch analoge Anschlüsse gekündigt, ohne dass eine Fortsetzung geklärt sei. Dazu hieß es, dass die Umstellung auf IP Telefonie erfolgen müsse. Es gelte aber weiter eine ­Bereitstellungspflicht für einen Festnetz­anschluss. Lauenberg gehöre nicht zu den Weißen Flecken, die mit dem derzeitigen Breitbandausbau versorgt würden. Bei einem kommenden zweiten Förderantrag sollten aber die noch nicht entsprechend angeschlossenen Haushalte, etwa 1.000 Adressen im Landkreis, berücksichtigt werden.

Die beiden Bauvorhaben der Telekom und von Goetel im selben Dorf, danach fragte Dassensens Ortsbürgermeister Manfred Sudhoff. Es sei ein Informationsgespräch mit der ­Goetel geführt worden, so die Antwort. Gemeinsam graben dürfe man nicht. Die Telekom sei im Zweifel zum Parallelausbau verpflichtet. Der Wunsch nach einer Abstimmung bestehe aber nach wie vor. Das müsse jedoch der Fördermittelgeber genehmigen, und da sei die Verwaltung »dran«.

Einstimmig hat der Kreistag einen weiteren Förderantrag für den Breitbandausbau gestellt. Beim laufenden Ausbau könnten am Ende bis zu 1.000 Adressen übrig bleiben, die mit dem aktuellen Ausbau nicht erreicht werden. Dabei handelt es sich häufig um Standorte, die nur kostenintensiv erschlossen werden können, etwa wegen der Entfernung zwischen dem Hausanschlusspunkt und dem nächstgelegenen Netzverteiler.

Die Kosten für die verbleibenden Adressen dürften sich daher auf mindestens zehn Millionen Euro belaufen. Der Landkreis möchte sich nun erneut um Fördermittel von Bund und Land bewerben. Stefan Fiege, SPD, lobte die schnelle Reaktion der Verwaltung auf den neuen Förderaufruf. Die eigenen Investitionen seien auch ein Zeichen, dass es weitergehe. Mit dem derzeitigen Aufbau sei man nicht zukunftsfest, warnte Dirk Ebrecht. Dennoch sollte man den Förderaufruf nutzen, um weiter voran zu kommen.

Der Landkreis sei aber zu »hasenfüßig« gewesen, als er auf das Wirtschaftlichkeitslückenmodell gesetzt habe. Andere wären mit dem Betreibermodell schneller gewesen. Die versprochenenen 50 MBit seien vor fünf Jahren wie eine Mondlandung gewesen, heute sei das kalter Kaffee. Glasfaser bis ins Haus sei der »Weg des Heils«.ek