Einbecker Reformation begann in Hullersen

Erste Predigt von Pastor Ebbrecht 1522 | Erbitterter Widerstand der katholischen Stiftsherren

Wie eine Straße zu ihrem Namen kam: In den späten 1520er Jahren barg die Pastorenstraße für die städtischen Geistlichen ungewöhnliche Gefahren: »Andersgläubige« Bürger schütteten Kübel mit Exkrementen und anderem Unrat von den vorragenden Fachwerkgeschossen auf die »feindlichen« Pastoren, die arglos vorübergingen.

Einbeck/Hullersen. Mit dem Anschlag der 95 Thesen des Martin Luther in Wittenberg begann am 31. Oktober 1517 die Reformation. Dass dieser spektakuläre Thesen-Anschlag wohl nur eine Legende ist und die Thesen Luthers vielmehr auf dem »Postweg« an seine Vorgesetzten und einige Freunde befördert wurden, sei dahingestellt. Für den Theologieprofessor und Prediger Luther war es unerträglich, dass die Menschen anstatt in der Kirche mit ihm gemeinsam um ihr Seelenheil zu beten, lieber Ablassbriefe kauften, durch die ihnen das erhoffte Seelenheil versprochen wurde.

Der Ablasshandel war für die Menschen im Mittelalter das Ticket zum Paradies. Alle Sünden, derer man sich nicht mit der Beichte entledigen konnten, kamen nach der damaligen Vorstellung auf das Sündenkonto. Je nachdem, wie schwerwiegend die Sünden waren, gab es dafür soundso viel Jahre im Fegefeuer der Hölle. Dem konnte man bequem durch den Kauf von Ablassbriefen entgehen. Es soll Zeitgenossen gegeben haben, die sich vorsichtshalber für die nächsten 25.000 Jahre absicherten – man kann ja nie wissen.

Der Ablasshandel war auch in Einbeck gang und gäbe. Die Bewohner der Stadt hatten sich gerade von einem Ausbruch der furchtbarsten Krankheit des Mittelalters erholt, der Pest. Nach dem Chronisten Lubecus hatte die Pest besonders im Bereich Göttingen, Northeim, Einbeck und Hildesheim gewütet. »Da starbs so sehr, daß der dritte Theil der Menschen kaum an Etzlichen Enden am Leben blieb.«

Trotz der wenigen vorhandenen Quellen finden sich Beispiele für den Ablasshandel. Im 13. Jahrhundert erteilte Bischof Dietrich von Wierland in Einbeck auf Bitten des Scholasters Arnold, des Pfarrers O. und des Bürgers Ernst den Wohltätern des Klosters Amelungsborn einen Ablass, der ihrem »Sündenkonto« beim Jüngsten Gericht abgezogen werden sollte.

Fleischliche Sünden konnten auch noch im jetzigen Leben durch Geldzahlungen getilgt werden. So wurde noch 1520 der Geistliche Johannes Alruz, »Vizeplebanus in Embig«, also immerhin der zweite Pfarrer, wegen Ehebruchs mit der Frau des Einbecker Bürgers Schuttenduvel zu 20 Schilling Strafe verurteilt. Alruz kam als privilegierter Geistlicher sogar billiger davon, als »Otto Normalverbraucher«, denn zur gleichen Zeit musste der einfache Einbecker Bürger Hans Bodicker wegen des gleichen Deliktes die doppelte Summe zahlen.

Führender Ablassprediger war der Dominikanermönch Johann Tetzel. Sein Motto lautete »Wenn das Geld im Kasten klingt, die Seele in den Himmel springt.« Tetzel wurde von Martin Luther hart angegriffen; einer seiner Schlüssel zum Erfolg war seine derbe und brutale Sprache.

Mit dem Beginn der Reformation begann in Deutschland eine neue Zeit. Das Mittelalter war vorüber. Fünf Jahre, nachdem Martin Luther mit seinen 95 Thesen die mächtige katholische Kirche ins Wanken brachte, war der neue Glauben auch bis ins Einbecker Gebiet vorgedrungen. Der Streit um katholischen oder evangelischen Ritus spaltete das Land in zwei Parteien.

Der erste Pfarrer, der sich in dieser Gegend vom alten Glauben trennte und begann lutherisch zu predigen, war Johann (oder Johannes) Ebbrecht aus Hullersen. Zum ersten Mal hörten die Gemeindemitglieder in ihrer Kirche auf deutsch gesungene Psalmen. Dazu lauschten sie der heftigen Kritik am Papsttum – die neue Art, wie der Pastor aus Hullersen predigte, war für die Einbecker Gegend eine Sensation.

Die spektakulären Gottesdienste sprachen sich schnell herum und erfreuten sich schnell großer Beliebtheit, so dass bald »eine große Menge Volks, Männer und Weiber aus der Stadt nach Hullersen« kamen. Vor allem Handwerker der weniger einflussreichen Gilden besuchten die Predigten.

Allerdings fand der neue Glauben im streng katholischen Einbeck nicht überall uneingeschränkte Zustimmung. Von den Hullerser Pfarrleuten standen nur sein Küster Franz Grevendeich, Müller Tile (oder Tilo) Wolf und Einwohner Hans Buckhagen an der Seite des Pfarrers.

Heftiger Widerstand kam von den Domherren der Einbecker Stifte, den reichen Kaufleuten und den Patriziern. Sie erreichten, dass auf Befehl Herzog Erich I. (dem zu dieser Zeit das Dorf Hullersen gehörte) der Prediger Ebbrecht verhaftet und in ein »bös Gefängnis auf der Burg Hunnesrück« eingesperrt wurde.

Der Müller Tile Wolf musste seine Mühle verlassen, und Hans Buckhagen wurde aus dem Herzogtum ausgewiesen. Damit war die alte Ordnung wieder hergestellt – Hullersen war wieder katholisch.

Doch der protestantische Samen war gelegt, und schon bald reifte auch in Einbeck die Frucht der Reformation … .wk