Gewässerlage ist weiter angespannt

Niedrigste Niederschlagswerte seit Mitte des 20. Jahrhunderts

Besonders aus der Luft werden die Auswirkungen der anhaltenden Trockenheit sichtbar - wie hier an der Elbe südlich von Schnackenburg.

Göttingen. Mildere Temperaturen und Regenfälle sollen in den kommenden Tagen eine Erholung vom viel zu trockenen Sommer erlauben - die Lage an Niedersachsens Gewässern wird sich nach Prognosen kaum verbessern: Sie bleibt angespannt, teilt der Niedersächsische Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) mit. Der dringend benötigte Landregen ist weiter nicht in Sicht.

Bemerkenswert sei die Dauer der Trockenheitsphase und die extrem niedrigen Niederschlagsmengen der vergangenen Monate, die zu neuen Rekord-Niedrigwasserständen an zahlreichen Pegeln im Land geführt haben, so der Landesbetrieb. Sportboote auf sandigem Elbe-Grund, ausgetrocknete ostfriesische Kleingewässer und angespannte Sauerstoffsituationen im Tidebereich von Hunte, Ems und Weser: In weiten Teilen Niedersachsens hat die anhaltende Trockenheit deutlich sichtbare Spuren hinterlassen.

»Wir bewegen uns derzeit in Sphären, die durchaus den vielbemühten Ausdruck des Jahrhundertereignisses rechtfertigen, wenngleich noch nicht an jedem Flussabschnitt entsprechende Niedrigstwasserstände erreicht sind«, betont Olaf Hansen, Aufgabenbereichsleiter Oberirdische Gewässer beim NLWKN in Norden. Hauptgrund für die aktuelle Entwicklung: das bereits seit rund vier Monaten anhaltende Ausbleiben von signifikanten Regenfällen.

»Insbesondere im südlichen, östlichen und nördlichen Niedersachsen zählen die an NLWKN-Stationen gemessenen Niederschläge zu den niedrigsten erfassten Werten seit Mitte des 20. Jahrhunderts«, sagt Hansen. In Uelzen etwa lagen die Niederschlagsmengen im Juni und Juli mit 38,7 Millimeter bei nur 28 Prozent des in den Jahren 1951 bis 2018 erfassten Mittelwertes für diesen Zeitraum (140 Millimeter).

Und auch in mittleren und westlichen Landesteilen liegen die Werte derzeit deutlich unterhalb des langjährigen Mittels. »Hinzu kommt eine zum Teil doppelt so lange Dauer von Phasen, in denen gar keine nennenswerten Niederschläge zu verzeichnen waren und aufgrund der starken Sonneneinstrahlung hohe Verdunstungsraten hinzukamen«, so der NLWKN-Gewässerexperte.

Mit der Abnahme der mittleren Niederschläge und der Zunahme der Trockendauer setze sich somit eine Entwicklung fort, die sich in weiten Teilen Niedersachsens seit rund 70 Jahren während der Sommermonate abzeichne. Die Folge: Pegelstände auf Sinkflug - mit erheblichen Auswirkungen auf den Wasserhaushalt und die Natur. Betroffen sind neben den kleineren Nebengewässern inzwischen auch die übergeordneten Flussläufe.

Neue historische Tiefstände seien etwa bereits an gewässerkundlichen Pegeln an Hunte (Huntlosen II, aktuell 287 Zentimeter im Vergleich zum mittleren Wasserstand (MW) der letzten zehn Jahre, der bei 332 Zentimeter liegt), Leine (Poppenburg, aktuell 73 Zentimeter, MW 134 cm) und Aller (Rethem, aktuell 30 Zentimeter, MW 178 Zentimeter) erreicht, heißt es beim niedersächsischen Landesbetrieb.

Das hat auch Auswirkungen auf die Lebewesen in den Gewässern: In einzelnen Flüssen erfassen die Gütemessstellen des NLWKN inzwischen kritische Sauerstoffwerte, die für Fische lebensbedrohlich werden können. Vor allem in Kleinstgewässern und tidebeeinflussten Bereichen von Flüssen wie Weser und Hunte, in denen der Austausch mit Süßwasser aus dem Oberlauf immer schwieriger wird, machen sich die Auswirkungen der Trockenheit mit hohen Wassertemperaturen und sehr niedrigen Sauerstoffwerten bemerkbar.

Im südlichen Niedersachsen ist ein wirkliches Trockenfallen bisher am ehesten in kleinen Gewässern und Gewässeroberläufen zu beobachten. »Unsere Gütemessstationen an Oker (Groß Schwülper), Fuhse (Wathlingen) und Aller (Langlingen) haben vor allem Anfang August zudem relativ niedrige Sauerstoffwerte verzeichnet, die sich inzwischen teils wieder leicht erholen konnten«, erklärt Britta Schmitt von der NLWKN-Betriebsstelle Braunschweig-Göttingen.

Die Talsperren im Harz sind derzeit zwischen 40 Prozent (etwa Sösetalsperre, Odertalsperre, Innerstetalsperre) und 68 Prozent (Granetalsperre) mit Wasser gefüllt. Auch die Aussicht auf den von Meteorologen für die zweite Wochenhälfte vorausgesagten Wetterumschwung wird nach Einschätzung der Gewässerexperten vorerst wenig an der vielerorts angespannten Situation ändern: »Dazu bräuchte es einen klassischen Landregen, also anhaltenden gleichmäßigen Niederschlag mit geringer Intensität, der derzeit allerdings nicht in Sicht ist«, so Schmitt.

Starkregen oder eine dichte Wolkenbildung ohne Niederschlag könnten die ökologische Situation im Gewässer dagegen deutlich verschlechtern, heißt es beim NLWKN: »Kurzfristige und teils mit organischem Material belastete Niederschlagseinleitungen können eine Stoßbelastung der Gewässer mit einer starken Sauerstoffzehrung und Fischsterben zur Folge haben, da die Fische nicht so schnell in Bereiche höherer Sauerstoffgehalte fliehen können«, erläutert Olaf Hansen.

Und auch eine erhebliche Wolkenbildung ohne Niederschlag könnte sich in den nächsten Tagen noch problematisch für die Lage an Niedersachsens Flüssen und Seen erweisen: Schließlich kann der Prozess der Photosynthese, durch den tagsüber Sauerstoff gebildet wird, ohne Sonne nicht funktionieren. Pegel- und Gewässergütedaten für viele wichtige Fließgewässer stellt der NLWKN unter www.pegelonline.nlwkn.niedersachsen.de zur Verfügung.oh

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