Handwerk braucht verlässliche Rahmenbedingungen
Gildentag der Kreishandwerkerschaft | »Säule der Volkswirtschaft« | Fritz-Vollbrecht-Ehrenamtspreis
Einbeck/Northeim. Die Bedeutung des Handwerks für Wirtschaft und Gesellschaft hat die Kreishandwerkerschaft bei ihrem Gildentag in der Northeimer Stadthalle deutlich gemacht. Kreishandwerksmeister Ulrich Schonlau warb für Toleranz, Respekt und Offenheit, dafür stehe das Handwerk.
Er freue sich sehr über den guten Besuch des Gildentages, betonte der Kreishandwerksmeister. Er griff zunächst das Thema Verantwortung – gesellschaftlich, politisch und im Handwerk – auf. Leider gleite die Ausein-andersetzung mit der Meinung anderer regelmäßig in Tiefen ab, die dem demokratischen Diskurs nicht entsprechen würden. Die Zustände in den USA seien das beste Beispiel für verbale Entgleisungen, und man werde sehen, wohin das führe. Für die Gesellschaft hier sollte man es nicht soweit kommen lassen. Jeder Handwerker, egal, wie er aussehe oder woher er komme, habe den gleichen Stellenwert: »Es kommt darauf an, wer du bist.« Der Wille, etwas zu schaffen, sei ein wichtiges gemeinsames Kriterium. Die Handwerker seien in früheren Zeiten auf die Walz gegangen, um andere Länder, Lebens- und Arbeitsweisen kennen und schätzen zu lernen. Die Kluft, die er als Maurermeister trage, sei ein Zeichen langer Tradition, auch gedacht zur Außendarstellung. Auf der Walz hätten sich viele Leben verändert, sie seien in Bewegung gekommen. In jedem stecke somit etwas Ausländisches, und jeder sei Ausländer, fast überall. Im Geschichtsunterricht habe man zudem etwas über die Völkerwanderung gelernt, und Deutschland sei Reiseweltmeister.
Er werbe, so Schonlau, für Toleranz, Akzeptanz, Offenheit und Menschlichkeit. Dafür sei das Handwerk immer offen gewesen. In seiner beruflichen Laufbahn habe er mit Menschen aus vielen Nationalitäten zusammengearbeitet, und das sei immer ein Gewinn gewesen. Die Arbeitswelt ändere sich rasant, aus unterschiedlichen Gründen, unter anderem durch die Politik. Ständiger Einfluss von außen habe das Handwerk geprägt. Vielleicht sei es deshalb so flexibel. Trotzdem brauche man verlässliche Rahmenbedingungen und Konstanz. 947,7 Milliarden Euro, so hoch sei das gesamte Steueraufkommen in Deutschland, und diese riesige Summe reiche nicht aus, um die soziale Marktwirtschaft effektiv und fair am Laufen zu halten, wunderte er sich. Dieses Sondervermögen, das schnell durchgewunken wurde, hätte er selbst auch gern. Vernünftige Sparvorschläge habe die Politik dazu nicht gemacht – die Folgen zahlten künftige Generationen.
Die Zahl der Landes- und Bundespolitiker, die diese Handwerksveranstaltung regelmäßig besuchten, sei »recht dünn«, kritisierte Schonlau In Wahljahren könne man dagegen einen Tisch mehr besetzen. Leider passiere trotz vieler Ankündigungen schließlich doch nicht so viel für das Handwerk. Die Möglichkeiten auf regionaler Ebene seien dabei zudem eingeschränkt. Der Motor des Handwerks als »tragende Säule der Volkswirtschaft« komme schon mal ins Stottern. Gründe seien überbordende Bürokratie oder aufwendige Genehmigungsverfahren. Man hoffe auf Vereinfachung, damit ein Teil des Sondervermögens auch in der Region ankomme. Es müsse noch viel passieren, damit die Wirtschaft zu alter Frische zurückfinde.
Schließlich wandte sich der Kreishandwerksmeister Erfreulichem zu, dem Ehrenamt und dem Ehrenamtspreis der Kreishandwerkerschaft. Der werde seit einigen Jahren verliehen, habe aber noch keinen Namen. Im vergangenen Jahr wurde um Vorschläge dafür gebeten. Der Vorstand habe sich für den Fritz-Vollbrecht-Ehrenamtspreis ausgesprochen. Der Namensgeber, Uhrmachermeister aus Northeim, wurde 1921 geboren. Er übernahm den Familienbetrieb in den 50er Jahren vom Vater. Er war Obermeister, Landes- und Bundesinnungsmeister, Präsident und Vizepräsident der Handwerkskammer Hildesheim. Er wirkte in verschiedenen Aufsichtsräten und Prüfungsausschüssen mit. Dafür wurden ihm zahlreiche Ehrungen zuteil – eine eindrucksvolle Vita. Deshalb habe man sich für diesen Namen entschieden. Nicht nur Angehörige einer Innung oder der Kreishandwerkerschaft hätten den Preis schon bekommen, sondern auch Persönlichkeiten, die sich für das Handwerk stark gemacht haben.
Diesmal habe man sich für jemanden entschieden, der sein gesamtes Berufsleben für das Bauhandwerk »gebrannt« habe. Er habe an der BBS 2 in Northeim die Bauabteilung verantwortet und im Gesellenprüfungsausschuss viel Zeit und Wissen eingebracht. Er habe Fachkompetenz in Bauwesen und Pädagogik verbunden. Die Baugewerkeinnung habe ihn bereits mit der Ehrenmitgliedschaft gewürdigt. Den ersten Fritz-Vollbrecht-Ehrenamtspreis überreiche die Kreishandwerkerschaft an Studiendirektor und Architekt Erich Kalscheuer. Er habe mit seinen Beiträgen das Handwerk bereichert und weitergebracht, erkannte Schonlau an. »Ich bin überwältigt«, freute sich der sichtlich überraschte Geehrte über diese Auszeichnung in Form von Urkunde und Präsentkorb.
Abschließend, so der Kreishandwerksmeister, wünsche er der Gesellschaft Toleranz, den Regierungsverantwortlichen Weitblick und dem Handwerk goldenen Boden.
Für den musikalischen Rahmen der Festveranstaltung sorgten erneut Heike & Jojo mit einem Programm von Johnny Cash bis Pat Benatar. Nach dem offiziellen Teil wartete ein rustikales Büfett auf die Gildentagsbesucher.ek