»Unsere Kraft in Marketing und Vertrieb stecken«

Aktionärsversammlung des Einbecker Brauhauses | Dividende von sieben Cent je Aktie beschlossen

Zum 50. Jubiläum haben es die Aktionäre des Einbecker Brauhauses spannend gemacht: In der Northeimer Stadthalle standen der Bericht des Vorstands, der Beschluss über die Dividende sowie die Besetzung des Aufsichtsrats im Mittelpunkt, und gut viereinhalb Stunden wurde am gestrigen Mittwoch getagt.

Northeim. Die Zahlen seien nicht schlecht, aber die Absatzziele wurden nicht erreicht. Das erläuterte Vorstandssprecher Lothar Gauß in seinem Bericht. Zunächst ging er auf das steuerliche Einlagekonto ein: Unmittelbar vor der letzten Hauptversammlung haben die damaligen steuerlichen Berater im Zusammenhang mit der Dividendenausschüttung festgestellt, dass in der Vergangenheit die Ausschüttungen der Dividenden unter Einbehalt von Kapitalertragssteuer und Solidaritätszuschlag erfolgten statt steuerfrei aus dem steuerlichen Einlagekonto. Es gehe um Dividendenausschüttungen für die Geschäftsjahre 2001 bis 2008, die nicht steuerfrei erfolgten.

Durch den Einbehalt von Steuern könne den Aktionären im Einzelfall ein Schaden entstanden sein. Die Schadenersatzansprüche seien teilweise verjährt. Die Gesellschaft habe Klage gegen Berater und Abschlussprüfer eingereicht, da außergerichtliche Verständigungsversuche gescheitert seien. Derzeit werde ein Verfahren vorbereitet, man werde den kompletten Schaden einklagen, kündigte Gauß an.

In den vergangenen beiden Jahren wurden im Zusammenhang mit der Umsetzung des Masterplans rund 16 Millionen Euro in den Abfüll- und Verladebereich investiert, zum großen Teil finanziert aus Eigenmitteln. Am Tag des Deutschen Bieres und zum 500. Geburtstag des Reinheitsgebots wurde die Anlage am 23. April dieses Jahres von Ministerpräsident Stephan Weil eingeweiht.

Aus dem Vorstand sei Walter Schmidt, zuständig für Vertrieb und Marketing, ausgeschieden. Lothar Gauß dankte ihm für seinen konstruktiven und engagierten Einsatz zum Wohl des Einbecker Brauhauses. Zum 1. August 2015 ist Martin Deutsch neu in den Vorstand eingetreten. »Wir verstehen uns über alle Bereiche«, stellte er fest.

Die deutsche Wirtschaft entwickele sich gut, allerdings wirke sich dieses positive Umfeld nicht direkt auf die Brauwirtschaft aus. Der demografische Wandel, sich weiter verändernde Konsumgewohnheiten sowie die hohe Preissensibilität der Verbraucher zeigten Folgen. Der versteuerte Bierabsatz in Deutschland ist im vergangenen Jahr um 0,7 Prozent zurückgegangen, seit 2006 sogar um 13,5 Prozent. Im gleichen Zeitraum ist die Zahl der Braustätten um 107 gewachsen. Insbesondere die Craftbier-Bewegung spielt dabei eine Rolle.

Der Markt sei zunehmend unberechenbarer geworden, führte der Vorstandssprecher aus. Auf sinkenden Absatz reagierten die Marktführer, die sogenannten Fernseh-Biere, mit Preissenkungen und verstärkter Werbung. Einbecker habe sich dagegen im August 2015 zu einer moderaten Preiserhöhung entschlossen, und die Entscheidung sei richtig gewesen. Die durchschnittlichen Nettoerlöse konnten in den vergangenen vier Jahren um knapp zehn Prozent gesteigert werden.

Der Gesamtbierabsatz ging um 9,0 Prozent zurück, er belief sich auf 605.000 Hektoliter, ohne die Absätze der Braumanufaktur Härke. Allein bei der Handelsmarkenproduktion fehlten 43.000 Hektoliter. Die Eigenmarken litten darunter, dass im Kernabsatzgebiet überproportional viele Gaststätten geschlossen haben. Sorgenkinder, so Gauß, seien Martini und Kasseler Marken.

Insgesamt, räumte er ein, sei man mit der Absatzentwicklung nicht zufrieden. »Unser Ziel, beim Markenabsatz besser zu sein als die Branche, haben wir 2015 nicht erreicht.«

Die Bilanzsumme ging um sechs Prozent auf 35,8 Millionen Euro zurück. Die Eigenkapitalquote ist auf 39,5 Prozent gestiegen. Der Bilanzgewinn betrug 312.881,52 Euro. »Wir konnten die positive wirtschaftliche Entwicklung fortsetzen, obwohl wir unser Absatzziel verfehlt haben«, führte die Vorstandssprecher aus. In der Folge habe man das Jahresergebnis verbessert, und man könne die Auszahlung einer gegenüber dem Vorjahr um einen Cent auf sieben Cent pro Stückaktie erhöhten Dividende vorschlagen.

Im laufenden Geschäftsjahr vertraue man darauf, dass die Verbraucher in Konsumlaune seien. Der 500. Geburtstag des Reinheitsgebots rücke das Bier in den Fokus; so sei beispielsweise Bundestagspräsident Norbert Lammert zum Botschafter des deutschen Bieres ernannt worden.
Niedrige Preise führten nicht zu einem höheren Bierkonsum. Sie bewirkten aber Verschiebungen bei den Marktanteilen einzelner Brauereien und seien ein Mittel zur Marktbereinigung.

Die Absatzzahlen seien von drei Sondereffekten beeinflusst: Der befristete Vertrag mit der Brauerei Feldschlösschen sei regulär ausgelaufen. Nicht verlängert wurde der 2010 geschlossene Vertrag mit Efes. Die Rahmenbedingungen hätten nicht mehr gepasst. Schließlich hat das Einbecker Brauhaus die Vermarktung des Portfolios der Braumanufaktur Härke übernommen. Das vereinfacht Verwaltungsabläufe in beiden Gesellschaften. Die Veränderungen, so Gauß, machten eine Vergleichbarkeit zum Vorjahr schwierig. Mit einem Minus von 1,9 Prozent liege man auf Branchenniveau. Von der Europameisterschaft verspreche man sich, Absatzverluste zu minimieren. Die Weltmeisterschaft 2014 habe gezeigt, dass das möglich sei.
Mit dem »Ainpöckisch 1378« sei es gelungen, ein Produkt zu entwickeln, mit dem man Kaufimpulse auslöse. Der Verkauf des unfiltrierten hellen Starkbiers erfolgte bisher in Kartons mit sieben Flaschen, einem Glas und einem Büchlein zum Thema »Einbeck – Bockbier und Luther«. Es seien bereits über 90.000 Kartons abgesetzt worden. Letzte Woche habe der Verkauf im Kasten begonnen, und ab August werde diese Spezialität auch in der Halbliter-Dose vermarktet, denn dieser Markt habe steigenden Anteil im Lebensmitteleinzelhandel.

Exportiert werden aktuell 2.000 Hektoliter; man bemühe sich allerdings, so Vorstand Martin Deutsch, neue Märkte zu erschließen: in den USA, China, den Niederlanden, Italien und Frankreich. Der Schwerpunkt liege aus Kompetenz und Tradition auf dem Bockbier. Auch in Skandinavien, dem Baltikum oder England sei man auf einem guten Weg.

Aktuell ist das Unternehmen dabei, den letzten Investitionsabschnitt des Masterplans mit einer 2.500 Quadratmeter großen Lagerhalle zu realisieren. Die Investitionskosten von 1,5 Millionen Euro werden fast durchweg ohne Fremdmittel erfolgen, wie Gauß ankündigte. In den vergangenen vier Jahren wurden die Markenauftritte zum großen Teil neu gestaltet, Produktions- und Abfüllbereiche und Logistikgegebenheiten neu geordnet. In diese Maßnahmen sind rund 20 Millionen Euro geflossen. »Wir müssen nun unsere ganz Kraft in das Marketing und den Vertrieb unserer Marken stecken.«
Das laufende Geschäftsjahr sehe man, wie auch 2017, noch als Übergangsphase. Der bisherige Verlauf 2016 sei aus wirtschaftlicher Sicht zufriedenstellend, die Marke habe Strahlkraft. Man brauche aber auch Investitionen, um überleben zu können: »Einen Euro Dividende, das gibt’s im Moment nicht her. Wir brauchen Ihre Geduld, unseren Konsolidierungsweg mitzugehen«, bat er die Aktionäre um Unterstützung.

Die Tagesordnung sah unter anderem die Ermächtigung zur Ausgabe von Schuldverschreibungen vor. Eine laufende Ermächtigung endet im Juli. Gauß sagte zu, dass man nicht plane, von dieser Ermächtigung Gebrauch zu machen. Man wolle allerdings die Chancen, die zu den strategischen Überlegungen passten, kurzfristig und flexibel nutzen können, wenn es keine besseren Finanzierungsmöglichkeiten gebe.

»Der Biermarkt ist nicht glänzend, aber Sie leben noch«: Lob gab es aus den Reihen der Aktionäre. Ihr Thema waren unter anderem der Trend der Craft-Biere, dem Gauß selbstbewusst gegenüber stand: »Wir sind Craft-Bier seit 1378.« Einbecker und Härke blieben aber unter ihren Möglichkeiten, so die Kritik. Im Marketingbereich müsse mehr möglich sein, hieß es mit Blick auf medienwirksames Auftreten der Konkurrenz.

Ein Gegenantrag einer Aktionärsgruppe um Reinhard Ender aus Köln zielte darauf ab, Dr. Wilhelm Helms als stellvertretenden Aufsichtsratsvorsitzenden abzulösen und stattdessen Reinhard Ender wieder im Aufsichtsrat zu etablieren. Ziel sei es unter anderem, die »jämmerliche« Dividende anzuheben. Auch gegen die Ermächtigung zielte der Gegenantrag: Der Vorstand müsse erst Leistung bringen, bevor es neues Geld gebe.

Ender habe, ging Gauß auf diesen Vorschlag und die Kritik ein, seit 1997 in der Position als Aufsichtsratsvorsitzender beziehungsweise -mitglied alle Chancen gehabt, die Entwicklung des Unternehmens positiv zu beeinflussen – mehr sei dazu nicht zu sagen.

Mit klarer Mehrheit beschloss die Versammlung die Zahlung einer Dividende in Höhe von sieben Cent. Die Vorstandsmitglieder Lothar Gauß, Martin Deutsch und Werner Schmidt wurden zum Teil mit Zustimmung von über 90 Prozent entlastet. Ebenfalls deutlich war das Votum für die Bestätigung der Aufsichtsratsmitglieder Jürgen Brinkmann, Robert A. Depner und Dr. Wilhelm Helms und die Neuwahl von Tobias Waltl, Unternehmer aus Mindelheim. Ersatzmitglied ist Kai-F. Binder.

Der gewünschten Ermächtigung stimmten die Aktionäre zu. Außerdem wurde der Abschlussprüfer benannt.ek