Zum Schutz der Bewohner bleiben die Türen zu

Senioren- und Pflegeheime: Kein Besuch mehr, aber zusätzliche Angebote gegen Langeweile und Einsamkeit

Hinweisschilder wie dieses machen an den Türen der Senioren- und Pflegeheime darauf aufmerksam, dass Besuche derzeit zum Schutz der älteren Menschen nicht erlaubt sind. Die Einrichtungen haben sich allerdings etwas einfallen lassen, um die Bewohner in dieser Situation aufzufangen und ihnen Unterhaltung und Abwechslung zu bieten.

Region. »Corona«, das Wort ist zur Umschreibung von Ein- und Beschränkungen geworden. An vielen Stellen ist das öffentliche Leben jetzt schon die zweite Woche wie eingefroren, es gibt zahlreiche Regelungen, die dafür sorgen sollen, dass sich das Virus langsamer ausbreitet und Infektionsketten unterbrochen werden. Die Bürger haben die Einschränkungen weitgehend akzeptiert. Zu den besonders gefährdeten Personen gehören ältere Menschen, eine mögliche Erkrankungen hat bei ihnen häufig schlimmere Auswirkungen als bei jüngeren. Deshalb wurde zum 16. März ein Besuchsverbot für Alten- und Pflegeheime erlassen. Nur noch Mitarbeiter, medizinisch-therapeutisches Personal und unbedingt notwendige Dienstleister dürfen die Häuser be­treten. Das ist für die Einrichtungen eine immense Herausforderung. Wie gehen sie damit um? Die Einbecker Morgenpost hat in einigen Häusern nachgefragt.

»Unsere Bewohner und Bewohnerinnen reagieren auf die Situation fast durch die Bank mit der erstaunlichen Gelassenheit, die man den Kunden in den Supermärkten vor ein paar Tagen gewünscht hätte.« Das schreibt Volker Lemke, Leiter des Begleitenden Dienstes und Altenheimseelsorger im Senioren- und Pflegezentrum Deinerlinde im Life-Blog, der eingerichtet wurde, um die Angehörigen über das Leben im Heim auf dem Laufenden zu halten. Eine Aktualisierung erfolgt täglich. Hier wird zum Beispiel über die ersten Aktionen im Garten berichtet, in Sonne und an frischer Luft. Kräuterschnecke und Boulebahn sind auf Vordermann gebracht. Angebote wie Kegeln oder Gymnastik werden rege genutzt. Auch das im März traditionelle Marktwagenfest konnte gefeiert werden – mit Softdrinks und Burgern und vorab bestellten Waren. Damit der notwendige Abstand gehalten werden kann, wird der Platz, den das Haus bietet, ausgenutzt, zudem finden Veranstaltungen wie die Wochenschlussandacht, mehrfach statt, damit alle sie besuchen und die Abstände eingehalten werden können. Wohnbereichsübergreifende Angebote gibt es aber nicht mehr. Über zwei wöchentliche Zeitfenster ist ein Wäschedienst durch Angehörige möglich, und man kann einen Telefonservice nutzen.

Heimleiter Thomas Koß-Merrettig sagte, man habe das Kontaktverbot kommen sehen, damit gerade Ältere geschützt werden. Im Haus habe man noch keine bestätigte Virus-Erkrankung, und das solle auch so bleiben. Auf einen möglichen Ernstfall habe man sich allerdings vorbereitet. Er könne verstehen, dass die Angehörigen in dieser Situation frustriert seien, aber durch den Life-Block habe man eine Möglichkeit gefunden, dem zu begegnen und ihnen die Sicherheit zu geben, dass man sich in der Deinerlinde weiter um das soziale Leben kümmere. Niemand solle hier vereinsamen. Das sei auch ein Vorteil einer Einrichtung im Vergleich zu den Menschen, die als Senioren allein zuhause seien und denen jetzt soziale Kontakte und Hilfe wegbrechen würden.

Genauestens achte man natürlich darauf, dass die Regeln eingehalten würden. Bei den Bewohnern, da bestätigte er die Eindrücke von Volker Lemke, gebe es im Allgemeinen großes Verständnis für die – angesichts ihres Alters seien viele »krisenerfahren«. Damit die Arbeit während der Schul- und Kitaschließungen weiterlaufen könne, habe man mit Ehrenamtlichen eine eigene Betreuung für Mitarbeiter-Kinder eingerichtet. Geschlossen wurde die Tagespflege; die Mitarbeiter stehen als Personalreserve zur Verfügung.

In der Alloheim-Seniorenresidenz in Einbeck nehme man die Verantwortung für das Wohl von Bewohnern, Mitarbeitern und Besuchern im Zusammenhang mit dem Infektionsschutz sehr ernst, betonte Leiter Oliver Weiss. Nach aufmerksamer Beobachtung wurden frühzeitig entsprechende Präventionsmaßnahmen eingeleitet. Alle Mitarbeiter seien zur strikten Einhaltung der vorgeschriebenen Basishygienemaßnahmen angehalten, und das werde auch regelmäßig kontrolliert. Unterstützend wurden die Schulungsmaßnahmen zum Thema Infektionsschutz wiederholt. Die Mitarbeiter wurden mit zusätzlichen Handdesinfektionsmitteln ausgestattet. Besuche sind nur noch in dringenden Notfällen zulässig, darüber werden Listen geführt. Vorsorglich wurde bereits seit Anfang März gebeten, auf Besuch zu verzichten. »Wir wissen, dass das generelle Verbot in unserer Einrichtung für unsere Bewohner sehr belastend ist«, so Oliver Weiss. Der persönliche Austausch sei wichtig und gehöre zum Leben einer Pflegeeinrichtung dazu. Darauf zu verzichten, sei schmerzhaft, aber vor allem eine Maßnahme zum bestmöglichen Schutz. Alle geplanten externen Veranstaltungen und Schulungen seien abgesagt, ebenso interne Termine.

Intensiviert habe man die Einzelbetreuung der Bewohner. Es sei auch möglich, auf dem Gelände an die frische Luft zu gehen, natürlich immer mit Abstand. Bei den Mahlzeiten sind jetzt Motto-Wochen geplant, beispielsweise zu Italien. Das soll Abwechslung in den Alltag bringen. Für die Feiertage ist ein Osterbrunch angekündigt.

Über die Eingangstür können Angehörige Dinge abgeben oder abholen, Wäsche ebenso wie Briefe oder Geschenke. Die Bewohner, das hat auch sein Team festgestellt, würden fast alle verständnisvoll auf die Lage reagieren, ebenso die Angehörigen. Allerdings sei das Thema auch ausreichend kommuniziert worden.

Riesig gefreut haben sich Bewohner und Mitarbeiter über eine Spende der Firma Reichhardt am Freitagmittag: Zahllose Frühlings-Topfblumen sind abgegeben worden. Die bunten Blumen werden, kündigte Oliver Weiss an, die Zimmer der Senioren ebenso verschönern wie die Gemeinschaftsräume.
Im Mundus-Seniorenhaus in Dassel bemüht man sich ebenfalls, die Kontakte zwischen Bewohnern und Angehörigen nicht abreißen zu lassen. Täglich ist zwischen 10 und 15 Uhr eine Hotline geschaltet, über die die Familien sich telefonisch melden können. »Und dann sprinten wir mit dem tragbaren Telefon los«, berichtete Tatjana Schlundt aus der Verwaltung. Dieses Angebot werde inzwischen gut genutzt. Zweimal täglich gibt es Beschäftigungsangebote wie Gymnastik und Gesellschaftsspiele, oder es wird für Ostern gebastelt. Dabei ist geplant, sich in diesem Bereich noch zu verstärken. Langeweile, so ihr Eindruck, komme bei Bewohnern nicht auf. Einige seien manchmal etwas traurig, aber dann versuchten die Mitarbeiter, diese Stimmung aufzufangen. Die meisten würden die schwierige Lage auch verstehen. Andere, die dazu nicht mehr in der Lage seien, würden ohne Verständnis vor der geschlossenen Tür stehen – ihnen müsse man behutsam erklären, warum die Situation nun so sei.

Täglich gebe es im Team kurze Besprechungen, auch mit Vorschlägen, die Situation weiter zu optimieren. Im Austausch mit anderen Mundus-Häusern, etwa in Kalefeld, wird ebenfalls beraten, welche Ideen dort gut laufen. Vorschläge der Bewohner kommen ebenfalls, wobei der größte Wunsch wohl dem aller Bürger entspricht: Wieder frei raus dürfen.

Tatjana Melching, die Leiterin der Dasseler Einrichtung, bestätigte, dass die neuen Angebote der Betreuungspalette gut angenommen werden. Die Bewohner würden gut mit der Situation umgehen, sie fühlten sich im Haus geschützt, und dazu sei es sinnvoll, dass die Tür geschlossen bleibe. Eine gute Sache sei dabei der Innenhof, den man bei dem schönen Wetter für einen – geschützten – Aufenthalt im Freien nutzen könne. Corona sei tägliches Thema in den Gesprächen, und für viele sei das beängstigend. Man freue sich aber auch immer wieder über Solidarität, die in Dassel spürbar werde: So wurde aus der Nachbarschaft Kuchen gebracht, und im Briefkasten lagen selbstgemalte Kinderbilder, die die Bewohner aufheitern sollten: »Das hat uns allen Gänsehaut beschert.« Im Rahmen der Betreuung werde Mundschutz genäht, der Stoff wurde ebenfalls von Bürgern gespendet.

Die Osterwoche, fürchtet Melching, werde vermutlich besonders schwierig, sei das Fest doch mit Ritualen – und Besuchen – verbunden, die jetzt nicht stattfinden könnten. Eine Hilfe sei die Unterstützung der Kirchengemeinde, mit der man bisher regelmäßig eine Andacht im Haus gefeiert habe und die das mit entsprechendem Material weiterhin ermögliche. Von der Geschäftsleitung habe man Herz-Poster als Dankeschön aufgehängt für die Mitarbeiter, die derzeit besonders gefordert seien.ek

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