Hubebergturnfest

Über viele Jahre ein Modellfall im Jedermann-Sport

Erste Ausrichtung am 12. September 1920 | »Veranstaltung der Lustbarkeit« | Teil 1

Beliebt bei großen Sportveranstaltungen waren Gruppenvorführungen mit Keulen.

Einbeck. »Der morgige Tag steht unter dem Zeichen des 1. Hube-Bergturnfestes. Über Erwarten groß ist die Zahl der Anmeldungen. Von Nah und Fern kommen die Turner herbei, um ihre Kräfte im friedlichen Wettkampf zu messen: Von Alfelds Sieben Bergen und vom Oberlauf der Fulda, vom Harz und von der Weser. Kämpfen doch um den schlichten Eichenkranz fast 600 Turner, die 48 Vereinen der Deutschen Turnerschaft angehören. ….In sorgsamer Liebe zum edlen Turnen sind alle Vorbereitungen getroffen, um dem Fest einen schönen Verlauf zu sichern, damit das erste Bergturnfest auf der Hube allen Teilnehmern, Turnern sowohl als auch den Freunden der Turnkunst eine bleibende Erinnerung werden möchte«, hieß es im Einbecker Tageblatt als Ankündigung zum ersten Hubebergturnfest am 12. September 1920.

Zahlreiche Erinnerungen, Begebenheiten und Anekdoten haben sich in der Folge ereignet, dank der Archive des Einbecker Sport­vereins, der Familie Rudloff und dem von Walter-Wilhelm Funcke ist es der Einbecker Morgenpost möglich, einen Rückblick auf 100 Jahre Hubebergturnfest zu präsentieren. Das traditionelle Sportfest war auch Teil von Funckes fünftem Teil der Vortragsreihe »Beliebte Ausflugsstationen«, bei dem er die Hube von 1825 bis 1986 betrachtete.

Die Tradition der Bergturnfeste wurzelte in der Wanderbewegung des 19. Jahrhunderts. 1814 kamen junge Sänger und Turner zum Gipfel des Feldberges (Taunus), um dort den ersten Jahrestag zur Bezwingung Napoleons zu feiern. In der Folge entstand dort das erste deutsche Bergturnfest. Andere kamen hinzu – wie das in Einbeck. 1966 gab es in Deutschland rund 70 Bergturnfeste, das Einbecker zählte bei Teilnehmerzahl und Alter jeweils zu den Top Ten. Allein 1959 nahmen 1.012 Sportler teil.

Ende des 19. Jahrhunderts und Anfang des 20. Jahrhunderts fanden schon einige Turnveranstaltungen auf dem schönen Areal oberhalb von Einbeck statt. Der Einbecker Formstecher August Saalfeld richtete mehrfach als Oberturnwart des Turn-Clubs Einbeck (der TCE fusionierte mit dem SV Eintracht Einbeck 2006 zum Einbecker Sportverein) nach dem Ersten Weltkrieg sportliche Wettturnen auf der Hube aus. Diese lokale Veranstaltungen stießen schnell auf überregionales Interesse. So beschlossen Gauturnwart Karl Runge aus Freden und Saalfeld, ein größeres Kräftemessen zu organisieren. 1919 fand das Turnfest das damaligen Oberleinegaus auf den Einbecker Natursportstätten statt. Dieses Fest gefiel allen Teilnehmern so gut, dass der Wunsch entstand, alljährlich auf den Hubewiesen zum turnerischen Wettkampf zusammenzukommen. Darauf entschieden die Verantwortlichen, es regelmäßig unter dem Namen »Hubebergturnfest« durchzuführen – am 12. September 1920 erstmals.

Es war ein großer Erfolg, mehr als 670 Sportler nahmen teil – aus Einbeck und der näheren und weiteren Umgebung. Auf der Homepage des TSV Brunkensen (bei Alfeld) steht eine Erinnerung an die erste Durchführung von Herbert Peine: »Der Verein war zum Hubebergturnfest nach Einbeck eingeladen. 30 junge Leute trafen sich Punkt 7.00 Uhr vor der Linde, um nach Godenau zum Zug zu kommen, natürlich mit der Fahne und mit Gesang. In Kreiensen musste man umsteigen und vom Bahnhof Einbeck noch eine halbe Stunde marschieren. Heinrich Münstermann war der Vorturner. Im Wettkampf mussten wir laufen, weit- und hochspringen. Mittags gab es Eintopf aus der Feldküche in den mitgebrachten Henkeltopf. Wer keinen hatte, bekam nichts zu essen. Als die Preise verteilt wurden, gab es für die Sieger Kränze, die um den Hals passten, für die Zweiten Kränze auf den Kopf. Die Dritten bekamen ein Sträußchen zum Anstecken. Zu Hause in Brunkensen ging man beim Gasthaus Bartels auseinander. Die Älteren wurden eingeladen, doch wir Jüngeren mussten nach Hause.«

Anfangs gab es nur einen einzigen Wettkampf für die Männer, einen Sechskampf mit Stabhochsprung, Dreisprung, Kugelstoßen, Gewichtheben, 100-Meter-Lauf und einer Freiübung. Nachmittags zeigten Sportler Vorführungen und Reigen. Nach der Siegerehrung folgte der Marsch nach Einbeck ins Gesellschaftshaus und Hotel »Traube« mit abschließendem Tanz.

In der Einladung von August Saalfeld und Karl Runge zum zweiten Hubebergturnfest am 28. August 1921 hieß es: »Mehr wie zuvor hat die deutsche Turnerschaft erkannt, dass die Pflege der Leibesübungen unsere Jugend bis in das reife Mannesalter an Geist und Körper gesund und frisch hält. In Erfüllung dieser hohen Aufgabe zur Ertüchtigung unserer Jugend findet auch in diesem Jahre das Hubebergturnfest zum zweiten Male statt. Ganz wider Erwarten war das vorherige Hubebergturnfest so zahlreich besucht, dass sich auch in diesem Jahre wieder eine große Turnerschar auf der herrlich gelegenen Hube zu einem Wettstreit versammeln wird. Die Hube, 320 Meter hoch gelegen, von herrlichen Buchenwäldern umrahmt, ist von allen Seiten leicht zu erreichen.« Turner aus dem Süden kommend, benutzen die Bahn bis Einbeck und gehen dann »auf herrlichem, schattigem Wege zur Hube in einer halben Stunde hinauf. Aus Norden kommend, geht es vom Bahnhof Kreiensen auf einem schönen Waldweg über die alte Burg Greene zum Turnplatz.«

Schon im zweiten Jahr der Durchführung wurde das Sportfest modern mit Beteiligung von Jugend und Frauen. Um ja nicht ins »Gerede« zu kommen, wurde aber gebeten, dass die Turnerinnen beim Hubebergturnfest nicht in ihren Turnanzügen herumlaufen sollten, sondern nur in Mänteln. Nach dem Wettkampf mussten sie dann ein Kleid anziehen. Auch war nach dem Sport das Abholen der jungen Damen von ihren »Herren« nicht erlaubt. Mit zu den ersten Sportlerinnen zählten Hella Vogel (geborene Raabe) und Anneliese »Kricke« Kreikenbaum. Sie prägten über Jahrzehnte den Sport in Einbeck.

Noch 1924 wurde das Sportfest als »Veranstaltung der Lustbarkeit« von der Obrigkeit angesehen. Für die Genehmigung des Wettstreits der Turnerschaft waren 30 Mark zu zahlen. Das Kreisturnfest fand 1927 ebenfalls auf der Hube statt, die Wettkämpfe wurden garniert mit Gruppenvorführungen mit Keulen, Volkstänzen und Synchrondarbietungen von Frauen an mehreren Pauschenpferden – normal eigentlich Turngeräte der Männer.

1928 organisierten die Verantwortlichen anlässlich des 150. Geburtstages von »Turnvater« Friedrich Ludwig Jahn zum Hubebergturnfest ein großes Volksfest. »Ihm zu Ehren wurde auf der Hube beim neunten Einbecker Bergturnfest in einer schlichten, aber würdigen Feier ein Denkmal in Form eines wohl 100 Zentner schweren Findlings gesetzt«, heißt es in der Festschrift des TCE von 1980. Der Stein wurde von Bildhauer Claus von Hardegsen gestaltet und mit Inschrift versehen. Im Namen der Stadt Einbeck versprach Senator Pape, das Denkmal in »liebevolle Obhut« zu nehmen.

Die Pflege des Jahn'schen Gedankenguts war traditionell wichtig. Neben dem jährlichen Gesang von »Turner auf zum Streite« und dem Motto »Frisch, fromm, fröhlich, frei« galt auch, dass das Turnen zur Erneuerung Preußens und zur Stärkung des deutschen Nationalbewusstseins beitragen sollte.

1932 begleitete ein Jugendzeltlager das Sportfest. Abends saß man gemütlich beim Lagerfeuer zusammen, frühmorgens wurden die Aktiven von Klängen eines Spielmannszuges geweckt. Schon 1933 bemächtigte sich die Politik des Sportes. In der Folge wurden Sportvereine zusammengeschlossen und das Fest den nationalsozialistischen Zielen untergeordnet. Trotzdem erfreute sich das Hubebergturnfest weiter großer Beliebtheit.mru