Wie das Gedenken auch zuhause möglich ist

Festival »Film und Holocaust« von PGS-Schülern im Kino abgesagt, will aber dennoch Anregung sein

Mit #we remember laden die Schüler des Seminarfachs »Total Recall« der Dasseler Paul-Gerhardt-Schule ein, sich die für das Festival »Film und Holocaust« rund um den 9. November ausgewählten Filme anzusehen – aufgrund der Corona-Einschränkungen leider nicht, wie geplant, im Welttheater, sondern zuhause, gestreamt oder auf DVD. Erinnerungen bewahren und Lehren aus der Vergangenheit ziehen, das sei eben auch mit Filmkunst möglich. Empfohlen werden fünf Filme aus der Zeit zwischen 1942 und 2011.

Dassel/Einbeck. So wie es geplant war, kann das Festival »Film und Holocaust« nicht stattfinden. Das Seminarfach »Total Recall« der Paul-Gerhardt-Schule Dassel hatte eine Reihe um den 9. November herum erarbeitet, mit Filmen zum Erinnern und Gedenken. Coronabedingt kann das nun nicht stattfinden; die Schüler wünschen sich aber, dass Interessierte die Filme trotzdem angucken, beispielsweise über Streamingdienste oder DVDs. Auch auf diese Weise sei das beabsichtigte Gedenken möglich, so Kai Beddies als einer der Organisatoren.

»Wir schauen uns Filme an, um uns zu amüsieren, uns abzulenken, Neues zu lernen und Altbekanntes in neuem Licht zu sehen«, stellen die Schüler fest. Kino sei eine Kunstform, die fast alle berühre, von fast allen konsumiert werde. Das mache diese Kunst vielfältig, abwechslungsreich und zu einem Spiegel der Gesellschaft in den vergangenen 100 Jahren. Was liege also näher, als zum Anlass des 9. November, dem Tag, an dem 1938 in Deutschland die Synagogen brannten, ein Filmfestival zum Holocaust zu veranstalten, haben sie überlegt. Ein Ziel war es zu erforschen, wie dieser administrative Massenmord seinen Weg ins Kino beschritten habe. Das Publikum sollte im Kinosessel mit der Vergangenheit zu konfrontiert werden.

»Natürlich entspricht das nicht der klassischen Vorstellung einer Gedenkveranstaltung«, räumen die Schüler ein. Aber es sei ja auch nicht in Stein gemeißelt, dass Gedenken immer mit langen Gesichtern und schwerer Rhetorik verbunden sein müsse. Im Holocaust wurden Menschen ausgelöscht, und deren Leben gelte es zu feiern. Das sei die Aussage der Filme und auch des Seminars. Lachen und Weinen, Schockmomente, Kontroversen, Diskussionen, neue Horizonte waren Ziele der Gruppe, um Erinnerungen zu bewahren und Lehren aus der Vergangenheit zu ziehen.

Damit hatte das Seminarfach »Total Recall« der PGS das Festival über Monate geplant und vorbereitet. Es sollte im November stattfinden, immer am Montagabend im Welt-Theater in Einbeck, das mit Youssef Omeirat auch einer der Partner der Veranstaltungsreihe war. Fünf Filme wurden in Zusammenarbeit mit Dr. Daniel Wildmann vom Leo Baeck Institut London ausgewählt, um einen Querschnitt durch die Verarbeitung des Holocaust im Kino des 20. und 21. Jahrhunderts zu präsentieren.

Doch dann kamen die erneuten Corona-Beschränkungen ab Anfang November, und es musste alles abgesagt werden – oder eben doch nicht alles, denn die Schüler möchten dazu anhalten, die Filme trotzdem anzuschauen, zuhause - so, wie es derzeit möglich ist. »Schauen Sie sich diejenigen an, die Sie besonders ansprechen. Wir wünschen Ihnen neue Erkenntnisse, Momente der Zustimmung und Ablehnung, Diskussion mit den Familien und natürlich Spaß. Stellen Sie sich vor, das Kino käme in Ihr Wohnzimmer«, so die Schüler.

Zu den ausgewählten Filmen zählt der Klassiker »To Be or Not to Be« von Ernst Lubitsch. Die Komödie wurde 1942 in den USA gedreht. Welch ein besserer Weg wäre denkbar, um mitten im Krieg für Ablenkung zu sorgen, als die Nazis wie einen Haufen leicht zu täuschender Bürokraten und tumber Idioten im Regen stehen zu lassen? Der Film dreht sich um eine polnische Theater-Kompanie in Warschau im Winter 1941, die vor dem Einmarsch der Nazis einen gefeierten »Hamlet« inszeniert. Widerstand, Zivilcourage und romantische Verwicklungen prägen die Handlung. Dem Film gelingt etwas Besonderes, er ist komödiantisch und ernst, verpackt Schrecken in Parodie, wahrt aber doch Respekt. Unmittelbarkeit und Nähe machen ihn zu einem lohnenswerten cineastischen Ereignis.
»Sterne« von 1959 von Konrad Wolf ist eine Produktion von DDR und Bulgarien. Das Drehbuch wurde von Angel Wagenstein verfasst, der Film unter der Regie von Konrad Wolf mithilfe der DEFA produziert. Griechische Juden haben 1943 auf ihrer Deportation ins Todeslager Auschwitz einen dreitägigen Aufenthalt in einer kleinen belgischen Stadt. Die gefangene Jüdin Ruth bittet den Wehrmachts-Unteroffizier Walter um Hilfe für eine gebärende Mitgefangene. Er hilft so gut er kann, und im weiteren Filmverlauf verlieben sich die beiden. Durch diese Liebe wandelt sich der Wehrmachts-Unteroffizier, er beginnt das System und die Ideologie der Nationalsozialisten zu hinterfragen. Als erster deutscher Film thematisiert »Sterne« den Holocaust. Die ideologische Botschaft vieler DEFA-Filme fehlt nahezu komplett. Somit wirkt er noch zeitloser.

»Au Revoir les Enfants«, die kindliche Schilderung von Solidarität in Zeiten der Verfolgung, hat der Franzose Louis Malle 1987 gedreht. Kinder offenbaren eine andere Perspektive und Wahrnehmung des Holocaust. Malle schafft es, mit seiner Konstellation die Beziehung von jüdischen und nicht-jüdischen Kindern innerhalb eines französischen Internats darzustellen. Der zwölfjährige Julien kehrt nach den Weihnachtsferien mit seinem älteren Bruder zurück in das französische Internat, um der Gefahr des Krieges im Heimatort zu entkommen. Der Alltag ist geprägt von Hänseleien, weshalb es Julien anfangs schwerfällt, seinen Bettnachbarn Bonnet zu akzeptieren. Gemeinsame Interessen verbinden die Jungen dennoch zu einer festen Freundschaft. Doch ihre Wege trennen sich. Dies ist einer von Malles Filmen, die Umbrüche seiner eigenen Biografie thematisieren.

»Defiance«, ein Kriegsfilm von 2008 von Edward Zwick, führt ins Jahr 1941. Osteuropäische Juden werden zu Tausenden ermordet. Die drei Bielski-Brüder suchen Zuflucht vor dem sichere Tod in den Wäldern Weißrusslands. Von dort beginnen sie einen verzweifelten Kampf gegen die Nazis, bei dem es zunächst nur um ihr eigenes Überleben geht. Als sich die Kunde ihres Mutes in der Bevölkerung verbreitet, treffen immer mehr jüdische Landsleute im Wald ein auf der Suche nach Hilfe, und finden sie im Lager der Partisanen. Zwick erzählt ein bewegendes Action-Drama über das komplizierte Wesen von Rache und Widerstand, über die Stärke der Gemeinschaft und den Willen zum Überleben, selbst dann, wenn alle Hoffnung verloren scheint. Er hat beleuchtet, was im Kino bislang so gut wie ignoriert wurde: den mutigen Widerstand jener Juden, die nicht kampflos untergehen wollten.

»The Flat«, 2011 von Arnon Goldfinger gedreht, ist ein israelisch-deutscher Dokumentarfilm, die spannende Geschichte darüber, wie die Vergangenheit zurückkehren kann, um die Gegenwart zu verfolgen. Beim Aufräumen der Wohnung, die Goldfingers verstorbene Großmutter ihm hinterlassen hat, werden Hinweise auf eine komplizierte und schockierende Geschichte aufgespürt. Unter Briefen, Fotos und Dokumenten aus mehreren Jahrzehnten finden sich Anhaltspunkte, dass die jüdischen Großeltern eng befreundet waren der Familie eines SS-Offiziers. So beginnen eine spannende Reise und ein Kampf um die »wahre« Vergangenheit der Großeltern, in der sich herausstellt, dass das Wissen um die Wahrheit eine schreckliche Belastung sein kann. Arnon Goldfinger ist Protagonist und Regisseur. Er überzeugt mit verstörenden Einblicken in die Vergangenheit und die Entwicklung seiner Familie, erkundet die Freundschaft eines Juden mit einem vermeintlichen Judenhasser und bringt unterdrückte Erinnerungen ans Licht.ek/oh