Ein großer Tag für Einbeck, die Bürger, die Region

Reaktivierung der Bahnstrecke zwischen Einbeck-Mitte und Salzderhelden | »Dickschiff« auf den Weg gebracht

Freie Fahrt für die neue Linie RB 86: Einbecks Bürgermeisterin Dr. Sabine Michalek, Dr. Christoph Wilk vom Wirtschaftsministerium, Gerd Aschoff vom Fahrgastverband Pro Bahn, Ilmebahn-Geschäftsführer Christian Gabriel, Michael Frömming, Zweckverband Verkehrsverbund Südniedersachsen, Torsten Reh, DB Regio, Northeims Landrätin Astrid Klinkert-Kittel, Ilmebahn-Prokurist Dr. Hartmut Heuer und Dieter Sandmann, Landesnahverkehrs­gesellschaft (von rechts) haben mit dem Durchtrennen eines symbolischen Bandes die roten Züge zum Fahrplanwechsel auf die Reise geschickt.

Einbeck. »Allzeit gute Fahrt!«, diesen Wunsch äußerten alle Festredner anlässlich der Feier zur Reaktivierung der Bahnstrecke zwischen Einbeck-Mitte und Salzderhelden. Nach 34 Jahren gibt es wieder fahrplanmäßigen Zugverkehr zur Kernstadt. Am Sonnabendmittag fuhr der erste Zug der RB 86 ab. Die Reaktivierung sei ein großer Tag für Einbeck, für die Bürger, aber auch für die Region, hieß es, und das Land habe mit den Millioneninvestitionen etwas für Mobilität im ländlichen Raum getan.

Ilmebahn-Geschäftsführer Christian Gabriel hieß die Gäste in der ehemaligen Expressgut-Abfertigung im Einbecker Bahnhof willkommen. Ein Jahr Planung und zwei Jahre Bauzeit: Nun sei das große Verkehrsprojekt erfolgreich abgeschlossen.

Von einem historischen Tag für die Bahn, für Einbeck und für den Schienenpersonennahverkehr für Einbeck sprach Dr. Christoph Wilk, Abteilungsleiter Verkehr im Niedersächsischen Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Verkehr. Nach 34 Jahren gebe es wieder eine Bahnverbindung ins Stadtzentrum. Die letzte Reaktivierung einer Strecke liege zehn Jahre zurück. Es sei gut, einmal aus Hannover in die Region zu kommen – in der Metropole beschäftige man sich sehr mit Luxusproblemen statt mit dem, was der ländliche Raum benötigte, in dem zwei Drittel der Menschen in Niedersachsen lebten. Eines davon sei Mobilität, und wichtig dafür sei Infrastruktur. Dabei habe Niedersachsen gut abgeschnitten beim Verkehrswegeplan.

Die Reaktivierung sei kein kleines Projekt, sondern damit habe man einen »dicken Brummer«, ein »richtiges Dickschiff«, auf den Weg gebracht, sagte er. Niedersachsen könne nicht nur Radwege, das sei eine gute Nachricht. Die Reaktivierung bezeichnete er als Leuchtturmprojekt des Fahrplanwechsels. Diese Landesregierung habe sich Mobilität in der Fläche zur Aufgabe gemacht, und das sei auch schon unter der Vorgängerregierung und Minister Olaf Lies der Fall gewesen. Mehr als 70 Strecken seien hinsichtlich einer Reaktivierung untersucht worden, zwei seien als Optionen herausgekommen, und diese habe sich durchgesetzt; eine weitere Strecke ab Bad Bentheim werde im Sommer in Betrieb gehen. Er dankte allen, die das initiiert und letztlich fertiggestellt hätten. Die Verkehrspolitiker würden jeden Tag Prügel einstecken, alle fünf Minuten komme eine

Beschwerde über etwas, was nicht funktioniere. 15 Jahre habe man in Bildung statt in Beton und Stahl investiert. Man tue nun alles, damit Mobilität gelinge.

Durch die direkte Anbindung nach Göttingen werde ganz Südniedersachsen gestärkt, aber auch die Nord-Süd-Strecke profitiere davon. Viele könnten nun in Einbeck das Auto stehen lassen und etwas für die Umwelt tun. Die acht Millionen Euro des Landes seien hier sinnvoll investiert, betonte der Vertreter des Ministeriums. »Wir sind auf der Langstrecke unterwegs«, für mindestens 20 Jahre würden die Züge entsprechend bestellt. Der Nutzen der Reaktivierung sei größer, als die Techniker das ausrechnen könnten, und weitere Strecken zu beleben, sei ein Teil der Strategie für den ländlichen Raum.

Landrätin Astrid Klinkert-Kittel lobte die Weiterentwicklung, Ziele zeitnah und zu vertretbaren Preisen zu erreichen. Der Landkreis engagiere sich da stark, etwa beim europaweiten Projekt »Match-up«, das unterschiedliche Projekte untersuche. Die Reaktivierung sei dabei ohne Zweifel der Höhepunkt. Vor fünf Jahren hätten das die kühnsten Optimisten wohl nicht für möglich gehalten. Politische Einflussnahme von Stadt und Landkreis hätten es möglich gemacht, die Strecke 1999 vor der kompletten Stilllegung zu bewahren, ebenso der engagierte Einsatz der Ilmebahn. Durch die Unterstützung in Hannover habe das Reaktivierungsvorhaben einen positiven Verlauf genommen, zum Nutzen für Südniedersachsen.

Vor gut vier Jahren seien die Pläne in Hannover konkret geworden, 2017 wurde der Realisierungsvertrag unterzeichnet. Hochwasser und Denkmalschutz hätten das Vorhaben allerdings um ein Jahr verzögert. Die Baukosten seien mit 9,2 Millionen Euro um 15,0 Prozent höher als geplant, aber das im absolut vertretbaren Rahmen. Sie sehe hier eine Erfolgsgeschichte: Bahnfahren werde wieder attraktiver. Wer Visionen hatte, müsse in diesem Fall nicht, wie von Helmut Schmidt geraten, zum Arzt, sondern ohne Menschen mit Visionen wäre man nicht hier. Und es gebe weitere Planungen, fügte sie hinzu, etwa mit den Haltepunkten KWS und PS.SPEICHER.

Das Bahnsystem stehe derzeit ziemlich unter Feuer, stellte Torsten Reh, Vorsitzender der Regionalleitung Region Nord DB Region, fest. Man habe kaum eine Chance, die gestiegene Nachfrage abzufahren. Hier gebe es nun ein tolles Projekt, das zu den Schätzen und Potenzialen im ländlichen Raum zähle. Er habe sich darüber sehr gefreut, und die Reaktivierung sei auch eine gute Botschaft für DB Regio. Nachdem auf dem letzten Metern noch so viel Arbeit erledigt werden musste, sei er nun gespannt auf die ersten Eindrücke der Fahrgäste.

Als sie im März 2015 vom NDR-Hörfunk mit der Nachricht der Reaktivierung überrascht wurde, sei ihr erster Gedanke gewesen, das sei ein »Hammer«, erinnerte sich Bürgermeisterin Dr. Sabine Michalek. Fünf Jahre nach den Überlegungen der Landesregierung sei der große Tag nun gekommen: 4,2 Kilometer Strecke, drei neue Brücken, die Sicherung der Bahnübergänge, der Park-and-Ride-Parkplatz, die Gestaltung des Bahnsteigs, das sei erledigt. In den durchgehenden Verbindungen könne man in 31 Minuten nach Göttingen fahren, in 70 Minuten mit einem Umstieg nach Hannover. Das mache die Strecke attraktiv für Pendler und Gäste, habe allerdings auch seinen Preis.

Für die Stadt sei die Bereitstellung von mehr als einer halben Million Euro ein finanzieller Kraftakt gewesen, und weitere Kosten, etwa für die Umgestaltung des Busbahnhofs seien zu erwarten. Aber von stünd­lichen Verbindungen profitierten Stadt und Region, und nach kontroversen Diskussionen habe man einstimmige Beschlüsse gefasst. Etwa 600 Fahrgäste an Werktagen würden erwartet. Sie wünsche der Strecke viele zufriedene Reisende, guten Zuspruch und unfallfreie Fahrt.

Aus der Sicht der Fahrgäste lobte Gerd Aschoff vom Fahrgastverband Pro Bahn das Vorhaben. Man fühle sich gut einbezogen. Er hoffe, dass die Erwartungen erfüllt und möglichste viele Reisende dieses Angebot nutzen würden. Bus und Bahn vom Kunden her zu denken, das sei ein wichtiger Ansatz, weitere Projekte zur Verbesserung in Südniedersachsen umzusetzen.

Lob gab es von ihm für die drei direkten Verbindungen von Einbeck nach Göttingen, ein vierter Zug kurz nach 9 Uhr wäre wünschenswert. Aber grundsätzlich sei er zufrieden: »Vielen Dank für dieses Projekt.«ek

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