Ein Wissensschatz von außerordentlicher Qualität

880 Seiten und 4,2 Kilogramm schwer: Dr. Thomas Kellmann stellt Hausstellenkatalog für Einbeck vor

Dr. Erwin Stadlmann vom Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege würdigte das Ergebnis der Untersuchungen: Einbeck sei mit diesem Wissenspaket bundesweit führend.

Einbeck. Geballtes Wissen hat Dr. Thomas Kellmann zusammengetragen über die Bebauung des Einbecker Stadtkerns innerhalb der Wallanlagen. Mit »Baudenkmale in Niedersachsen. Stadt Einbeck. Hausstellenkatalog« hat er jetzt Band 7.4 der Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland vorgestellt. Keine Stadt in Deutschland sei damit so detailliert und in der Tiefe erfasst, stellte Dr. Erwin Stadlbauer vom Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege (NLD) bei der Präsentation des 880-Seiten-Werks im Alten Rathaus fest. Es sei, sagte Autor Dr. Thomas Kellmann, Oberkonservator beim NLD, eine intensive und schöne Arbeit gewesen.

2017 und 2018 seien die beiden anderen Bände über Einbeck erschienen, erinnerte Bürgermeisterin Dr. Sabine Michalek; nun liege der dritte Band mit detaillierten zusammenfassenden Beschreibungen vor. Mit einem Gewicht von 4,2 Kilo wiege er mehr als ein Baby, schmunzelte sie. Gesammeltes Wissen über alle Hausstellen innerhalb der Wallanlagen sei darin enthalten, gesicherte Kenntnisse für die Zukunft.

Je besser man die Denkmale kenne, desto besser sei die Grundlage für deren Erhalt, stellte Dr. Erwin Stadlbauer fest. Die Werke über Einbeck suchten ihresgleichen. Bundesweit sei man damit mit Minden und Bamberg unter den Top 3 bei den Denkmalinventaren. Qualitativ genieße es die höchste Einschätzung. Auf dieses Werk könne man stolz sein. Dr. Thomas Kellmann habe über viele Jahre sehr engagiert und akribisch gearbeitet, unterstützt von der Archäologie. Bereits ab 1991 hätten Hedwig Kern und Wilhelm Lucka mit den Arbeiten begonnen und eine Fülle von Einzelinformationen zusammengetragen.

Besonders dankte er den Sponsoren, ohne die dieses Werk nicht möglich gewesen sei: Die Hälfte der Kosten sei durch sie gedeckt worden. Die lange Liste zeige, wie stark die Region sich hier engagiere. Er habe, so Dr. Stadlbauer, größten Respekt vor diesem gelungenen Werk.

Auf die Entstehungsgeschichte der Bücher blickte Dr. Thomas Kellmann: In den 80er Jahren gab es eine sogenannte Schnellerfassung von Denkmalen, um den Denkmalschutzgesetz Genüge zu tun. Eine vertiefende Erfassung schloss sich ab 1991 an; dabei wurden nicht nur die Fassaden in Augenschein genommen, sondern im Rahmen eines Pilotprojekts ging es auch um Keller und Dachkonstruktionen. 1997/98 und anschließend 2001 bis 2006 wurden Hausbegehungen dazu durchgeführt.

Im Vorfeld der Erfassungen seien die Eigentümer angeschrieben worden. Einbecks damaliger Bürgermeister Martin Wehner und Baudirektor Gerald Strohmeier hätten ihn dabei unterstützt. Für Dach und Keller entwickelte er Checklisten, die bei den Besuchen abgearbeitet wurden.

Während andere Verzeichnisse, etwa für Paderborn, mit 22 Mitarbeitern erstellt wurden, standen hier nur sechs Personen zur Verfügung. Erst ab 2012 habe er mit dem Schreiben beginnen können, schaute Dr. Kellmann zurück. Eigentlich dachte er, er wäre in zwei Jahren mit den Arbeiten »durch«. Letztlich habe sich die Bearbeitung über 28 Jahre erstreckt, davon zwölf intensive Arbeitsjahre an diesem Projekt. Die Zeitspanne, erläutert er, habe sich aber als vorteilhaft erwiesen, weil unter anderem die Ergebnisse von 25 Jahren Stadtarchäologie einfließen konnten. Die Kellerebene im Stadtkern sei komplett erfasst. Es wurden etwa 800 historischen Hausstellen innerhalb der Wallanlagen untersucht.

Wie intensiv das gewesen ist, zeigte er an einigen Beispielen. So gab es an der Papenstraße 4 insgesamt 31 Hausstellen. Bau- und Nicht-Bau-Denkmäler wurden erfasst, Alt- und Neubauten, heutige und frühere Hausnummern abgeglichen. Er hat Braudielenhäuser untersucht. Brandkassenbücher wurden zur Ermittlung von Eigentümern und Bauherren herangezogen. Unterschiedliche Schreibweisen machten zusätzliche Überlegungen erforderlich.

In den Kurzbeschreibungen sind dort, wo es sich angeboten hat, mehrere Häuser zusammengefasst. Durch Reihenuntersuchungen habe man neue Details erfahren. So seien einige Doppelhäuser erstmals als solche identifiziert worden, während andere, die man dafür gehalten habe, es gar nicht seien. Zu den interessanten Gebäuden, die er vorstellte, gehörten beispielsweise die Baustraße 38, die ehemalige Wollmanufaktur, die Scheune Neuer Markt 33, errichtet mit Material einer Friedhofskirche vor dem Benser Tor von 1653, oder Hullerser Mauer 5 und 7, das frühere Scharfrichterhaus mit Erweiterung. 500 Gewölbekeller seien noch erhalten. Etwas Besonderes seien dabei die seltenen originalen Kellerabgänge. Die Jahres seines Wirkens in Einbeck bezeichnete Dr. Kellmann als »wunderbar schöne Zeit«.

Nicht mal der Fußball konnte ihn von der spannenden Lektüre bis 2.30 Uhr nachts abbringen, berichtete Walter-Wilhelm Funcke über seine Beschäftigung mit der Neuerscheinung. Schon der Vorgängerband sei sensationell gewesen und aus den Regalen Geschichtsinteressierter nicht wegzudenken. Mit dem neuen Band sei jetzt ein »monumentales Meisterwerk« mit über 1.500 Seiten komplett, »wirklich die Krönung«. Die Darstellung sei lesenswert, Dr. Kellmanns Werk sei »absolute Spitze«. »Ein Füllhorn von Erkenntnissen und Wissen«, diese Beurteilung von Band 7.3 gelte auch hier. Die Bücher seien Schwergewichte mit Rendite, rechnete er vor, aber abgesehen vom möglichen finanziellen Gewinn über Jahrzehnte: Ein Buch über Einbeck rentiere sich immer.

Verleger Michael Imhof erläuterte, dass das Buch unglaublich inhaltsreich sei; um das fassen zu können, habe man die Schrift kleiner als gewöhnlich gesetzt. Und im Vergleich zum Bamberger Inventar, an dem seit 50 Jahren gearbeitet werde, sei hier der Text besser. Dr. Kellmann sei außerordentlich diszipliniert vorgegangen. Wenn man die Dauer der Besichtigungen auf Arbeitszeit umlege, sehe man, welchen Aufwand er erbracht habe: eine enorme, unglaubliche Leistung.

Der besondere Charakter des Bandes liege darin, dass er als Katalog konzipiert wurde, schreibt die Präsidentin des Niedersächsischen Landesamtes für Denkmalpflege, Dr.-Ing. Christian Krafczyk, in ihrem Vorwort. Das Buch, so die Präsidentin weiter, sei eine klar strukturierte baugeschichtliche Bestandsbeschreibung. Analog zum historischen Begriff der »Hofstelle« auf dem Land gehe der Katalog von der »Hausstelle« aus, also der kleinsten rechtlichen und städtebaulich wirksamen Einheit einer Stadt.

Von jedem erfassten Gebäude sind Haus- und Brandkassennummer aufgeführt, die Eigentümer bis ins 20. Jahrhundert und eine Kurzbeschreibung. Es gibt eine Baugeschichte und, soweit es möglich war, werden Dachwerk und Kelleranlage geschrieben. Schließlich geht es um die Denkmalbedeutung, Quellen und Literatur werden genannt, und das Datum der Begehung ist aufgeführt.

»Es ist ausdrücklich kein Lesebuch«, schreibt die Präsidentin, und da möchte man ihr widersprechen: Das Buch ist ein Nachschlagewerk, übersichtlich gegliedert, es lädt aber auch zum Blättern und Stöbern ein, weckt Neugier und regt zum detaillierten Betrachten an. Gebäude, an denen man sonst vorüber eilt, werden in den Fokus gerückt; man kann sie in Ruhe betrachten und anhand historischer Fotos, die zu vielen Häusern ergänzend eingearbeitet sind, Vergleiche anstellen. Hinzu kommt der Blick in besonders typische Treppenhäuser und Keller - in der Summe ein Katalog und ein Bilder- und Lesebuch über Einbecks Vergangenheit.

Die Präsentation wurde musikalisch umrahmt von Dominik Jan Löhrke und Jan Skorupski, Akkordeon und Saxophon. Mit bekannten, aber auch experimentellen Werken begeisterten sie die Besucher zwischen und nach den Wortbeiträgen mit zwei kompakten Konzertteilen. Volkslieder aus Polen oder Mazedonien und Jazzstandards waren ebenso dabei wie Tango-Interpretationen oder sehr moderne Stücke, »traumhafte Klangwelten«, wie Dr. Thomas Kellmann sich über diesen gelungenen Beitrag freut.ek

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