Frieden ist nur durch Verhandlungen zu erreichen

Ausstellung »Die Nakba. Flucht und Vertreibung der Palästinenser 1948« wird in der Marktkirche gezeigt

Erläuterungen zur Ausstellung über Flucht und Vertreibung der Palästinenser gab Dr. Karl-Otto Körber (am Pult).

Einbeck. In der Einbecker Marktkirche St. Jacobi ist derzeit eine Wanderausstellung »Die Nakba. Flucht und Vertreibung der Palästinenser 1948« zu sehen. »Nakba«, »Katastrophe«, so nennen die Palästinenser diese Ereignisse. Gerade in Deutschland, hieß es zur Ausstellungseröffnung, sei es schwierig, sich diesem Thema zu stellen. Die Ausstellung soll eine friedensstiftende Funktion haben und Anstoß zum Dialog geben.

Veranstalter sind die Kirchengemeinde, die Stadt und der Förderverein Alte Synagoge. In diesem Sinne hieß Günther Dietzek die ersten Ausstellungsbesucher im Namen der Evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde willkommen. In Deutschland gebe es immer noch die verbreitete Meinung, dass Kritik an Israel oder überhaupt an Juden oder auch nur die Darstellung von Fakten wie hier einem Deutschen nicht zustehe.

Nach intensiver Betrachtung der Ausstellung sei er zum Ergebnis gekommen, dass nicht in einem einzigen Satz der Texte auch nur ein Hauch von Antisemitismus zu finden sei. Die Fakten der Vertreibung würden empirisch klar und deutlich aufgeführt, ohne Wertung. Die Ausstellung sei eine schmerzhafte Reise in die Vergangenheit, aber sie sei auch der einzige Weg nach vorn, wenn man eine bessere Zukunft für Palästinenser und Israelis schaffen wolle.

Man dürfe nicht die Augen vor der historischen Realität verschließen. Bürgermeisterin Dr. Sabine Michalek zitierte den Friedensaktivisten Uri Avnery:»Das Unterzeichnen des Friedensabkommens und seine ehrliche Erfüllung in gutem Glauben wird zum Ende des historischen Konflikts führen und zur Versöhnung zwischen den beiden Völkern, wenn sie sich auf Gleichheit, gegenseitiger Achtung und der Bemühung um größtmögliche Zusammenarbeit gründet.«

Die Ausstellung, räumte sie ein, sei eine Gratwanderung, gerade in Deutschland. Es gehe aber nicht darum, Schuld zuzuweisen, sondern den Blick zu öffnen dafür, dass es nicht nur eine Wahrheit gebe. Es sei wichtig, dass die Region zur Ruhe komme, Aussöhnung und Frieden seien dafür unbedingt wichtig. Soweit man Einfluss nehmen könnte, sollte man ein Stück zum Frieden beitragen.

Er freue sich über den Anlass und die Umgebung, denn dass eine Kirche sich für die Ausstellung öffne, sei nicht selbstverständlich, sagte Dr. Karl-Otto Körber von der Arbeitsgemeinschaft Völkerrecht und Menschenrechte in Palästina und Israel sowie verantwortlicher Redakteur der Palästina-Israel-Zeitung. Das Ziel, in Palästina einen jüdischen Staat zu schaffen, sei Ende des 19. Jahrhunderts von Theodor Herzl formuliert worden.

Europaweit gab es Nationalismus und Antisemitismus. Die Gründung des Staates Israel mit dem Holocaust in Verbindung zu setzen, sei also Unsinn, so Dr. Körber. Vielmehr sei die Gründung eines jüdischen Staates erstmals 1897 in Basel formuliert worden. Der Zionismus sei nicht religiös, sondern politisch gemeint gewesen. Strenggläubige Juden lehnten diese Bewegung sogar ab, eine Rückführung nach Israel sollte ihrer Meinung nur durch Gott erfolgen.

Weitere Ursprünge für die Gründung Israels seien im europäischen Kolonialismus zu sehen beziehungsweise in seiner Gefährdung durch den Islam. Zwischen islamischen Staaten in Afrika und Asien sollte ein völlig anderer Staat positioniert werden, und diese Idee habe sich mit dem Zionismus getroffen. Die Balfour-Erklärung von 1917, die Unterstützung für die Gründung Israels durch Großbritannien auf dem Gebiet der Palästinenser, sei also konsequent im Sinn dieser Kolonial-Verabredung gewesen.

Unter dem britischen Mandat sei das jüdische Leben gefördert worden. Als die Einwanderung von Juden nach Palästina eine kritische Masse erreichte, wurden palästinensische Bauern von ihrem Land verdrängt, das Einwanderer kauften. Die Juden wollten selbst siedeln, ein Grund für spätere Spannungen und Aufstände. Weiterer Auslöser war, als die Rechte an Tempelberg und Klagemauer eingefordert wurden. Die Vertreibung der Palästinenser, führte er aus, habe schon vor der Staatsgründung begonnen.

Der Teilungsplan der UNO sah vor, dass die Juden, die ein Drittel der Bevölkerung stellten, mehr als die Hälfte des Landes bekommen sollten. Ziel des Zionismus sei es gewesen, möglichst ganz Palästina einzunehmen, mindestens bis Jordanien - und dass keine Palästinenser mehr im Land bleiben sollten. Der Angriff Israels auf seine Nachbarn im Sechs-Tage-Krieg habe dazu geführt, dass die jüdische Armee alles erobern konnte, was sie haben wollte. Die Zahl der Siedler sei bis auf 700.000 gestiegen.

»Für den palästinensischen Staat blieb kaum etwas übrig.« Die Eroberung des Westjordanlandes habe eine Welle der Religionsbegeisterung ausgelöst und ein Verbünden mit dem Zionismus. Die Vermischung von Religion und Staat sei heute noch spürbar. Die Frage, ob Israel die einzige Demokratie im Nahen Osten sei, lasse sich nicht eindeutig beantworten. Wenn man nur auf Wahlen und ein Parlament schaue, müsse man zustimmen; wenn es um Gleichberechtigung aller Bürger im Staat gehe, nicht, denn es fehle an Freizügigkeit.

Während sich Deutschland intensiv mit seiner Vergangenheit auseinandergesetzt habe und die Opfer ehre, verweigerten sich die, die geehrt würden, selbst der Vergangenheitsbewältigung, und das sei nicht gut. Eigene Staatsbürger würden vertrieben, etwa die Beduinen aus dem Negev. Friedens- und Menschenrechtsgruppen würden als Verräter beschimpft. Er stelle auch in Frage, ob ein jüdischer und eine demokratischer Staat kompatibel seien.

Den Vorwurf des Antisemitismus dieser Überlegungen wies er zurück. Wer Juden differenziert betrachte und sie nicht ablehne, weil sie Juden seien, sei kein Antisemit. Frieden könne man nur durch Verhandlungen erreichen. Das sage sich so leicht, und das habe seit 20 Jahren nicht funktioniert. Solange es ein krasses Ungleichgewicht zwischen den Verhandlungspartnern gebe, werde es auch so bleiben.

Es gebe unterschiedliche Interessen am Ergebnis der Verhandlungen. Israel fühle sich wohl im jetzigen Zustand, die Palästinenser fühlten sich unwohl, und »unter der Hand« sei durch die Siedler neues Kolonialland entstanden. Es führe, so Dr. Körber, kein Weg daran vorbei, die palästinensische Seite diplomatisch zu stärken. Aber wie das gehen könne, wisse er auch nicht. Die zurückhaltende Rolle der Bundesregierung sei teilweise zu verstehen, man habe eine Verpflichtung, etwas stärker auf Israel als auf Palästina zu blicken.

Aber in vielen Bereichen, so auch in der Kirche, sei über Palästina kaum zu reden - hier sehe er allerdings eine Ausnahme. Er freue sich somit dass die Ausstellung gezeigt werde, und er wünsche ihr viele Besucher und denen viele Erkenntnisse. Die Ausstellung mit 14 großformatigen Tafeln ist bis zum 18 September während der Öffnungszeiten der Marktkirche zu besichtigen. Es ist auch ein Ausstellungskatalog mit allen Texten, Karten, Tabellen und Fotos der Folien gegen Gebühr erhältlich.ek



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