»Männer führen Krieg gegen ihr eigenes Geschlecht«

Sozialcoach Albert Krüger erläuterte in seinem Vortrag die schwierige Situation für Jungen in der heutigen Schullandschaft

Warum Jungen sich wie Jungen verhalten und weshalb sie in der Schule häufig auf der Strecke bleiben, das hat der Trainer, Coach und Ausbilder Albert Krüger kürzlich im Vortrag »Jungs im Fokus, Mädchen im Blick - Herausforderungen, Irrtümer und Besonderheiten in der pädagogischen Arbeit« thematisiert. Ins BBS-Forum hatten der Stadtelternrat der Einbecker Kindertagesstätten (Sterek), das Kinder- und Familienservicebüro (EinKiFaBü), das Einbecker Bündnis für Familie und die Berusfbildenden Schulen dazu eingeladen. In einem interessanten und unterhaltsamen Vortrag erläuterte Krüger anhand von Statistiken, neurobiologischen Erkenntnissen und geschlechtspezifischen Verhaltensmustern die Malaise der Jungen.

Einbeck. Schon durch ihre genetische Zusammensetzung seien Jungen gehandicapt: Während Mädchen auf zwei gleichartige Erbgutträger (XX-Chromosome) zurückgreifen können, seien Jungen durch zwei unterschiedliche Erbgutträger (XY-Chromosom) eingeschränkt. Störungen im Erbgut könne der Körper so in der frühesten Entstehungsphase weniger ausgleichen.

In den Statistiken der vergangenen 20 Jahre habe sich nichts geändert: Bei Delinquenz, Selbstmord, Alkoholmissbrauch oder tödlichen Unfällen stünden junge Männer weit oben. Der Auslöser bei vielen (Un-)Fällen sei zumeist der Drang, sich darzustellen. »Für Jungs geht es immer darum, ihren Status und ihr Können zu beweisen«, sagte der Ausbilder für soziale Fach- und Führungskräfte.

Der Kampf gehöre zur Entwicklung dazu: »Männer führen Krieg gegen ihr eigenes Geschlecht«, veranschaulichte Krüger. Schon in der Kindheit werde dieses Verhalten beim Spielen und Herumtollen eingeübt. Für die weitere Entwicklung seien solche Erfahrungsprozesse wichtig. Ein Verbot von Körperlichkeit und Kampf helfe nicht, Jungen pazifistisch zu entwickeln.

Im schulischen Bereich »versagten« die Jungen häufiger, weil sich die Lehrinhalte in den vergangenen 40 Jahren zu ihren Ungunsten entwickelt hätten. In vielen Bereichen würden sie nicht bestärkt, zudem seien die Lehrmittel häufig auf mädchen- und frauenspezifische Aspekte ausgerichtet. »Wenn das Testosteron gebildet wird, haben die Jungen automatisch Bewegungsdrang und wollen Aktion«, erläuterte Krüger.

Da falle es schwer, in der Schule sechs bis zehn Stunden zu sitzen. »Unter diesem Aspekt ist Schule jungenfeindlich, weil das Testosteron immer etwas anderes will«, stellte Krüger fest, und mahnt: »Die Schule der Zukunft wird das berücksichtigen müssen.« Das Hormon sei zudem zuständig für die Erzeugung von Aggressionen. Doch schrecke der Begriff »Aggression« zunächst ab, ohne das dahinterstehende Problem zu verdeutlichen. So stehen bei Jungen in diesem Zusammenhang taktile Reize, wie bewegen und wahrnehmen, anpacken und fassen, im Vordergrund. Das eigentliche Problem entstehe erst durch die individuelle Wahrnehmung, bei der verschiedene Handlungen vollkommen anders interpretiert würden, als sie wirklich seien. Während sich der Mann evolutionsbedingt unterbewusst ständig im Kampf befinde, ziele die Frau auf Harmonie ab. Dabei unterbinde beispielsweise die Erzieherin die »Abgrenzungskämpfe« aufgrund ihrer unterschiedlichen Rolleninterpretation.

Das Fehlen einer männlichen Identifikationsperson erschwere im pädagogischen Zusammenhang zumeist die Entwicklung. In den erzieherischen Bereichen Kindertagespflege, Kindergarten oder Grundschule wüchsen Jungen häufig in einem Kontext von Weiblichkeit auf - sie hätten keine männliche Identifikationsmöglichkeit. Dies führe zum Beispiel bei Migrationskindern, die meist in patriarchalischen Verhältnissen aufwachsen, zu einem Konflikt in ihrem Wertesystem. »Um sie zu verstehen, müssen wir in ihre Kategorien eindringen und wie sie fühlen, denken und handeln. Veränderungen vollziehen wir erst, wenn wir unser Denksystem ändern«, erklärte er.

Der Differenzierungsdrang unter den jungen Männern sei ein weiterer Verhaltensaspekt. »Männer wollen immer Erster sein, die Meisterschaft erlangen - das ist eine innere Triebfeder«. Dabei forderten sie sich ständig heraus und testeten ihre Grenzen aus, was nicht negativ sei. »Fordern wir sie in Hinblick auf die Erlangung der Meisterschaft heraus, sich selbst herauszufordern, anstatt ihnen zu sagen, was sie zu tun haben«, schlug der Coach vor.

Aus dem Bereich der Hirnforschung stellte Krüger die Struktur des menschlichen Gehirns vor. Während das männlich orientierte Gehirn Handlungs- und Lösungorientiertheit fördere, entwickele das weiblich orientierte eine Prozess- und Beziehungsorientiertheit sowie die Fähigkeit zu Kommunikation und Harmonie. Zudem nutze es stärker die Gesamtheit des Gehirns, während das männliche dagegen meist den für Handlungen zuständigen linkshemisphärischen Bereich bevorzuge. Etwa bei negativem Stress (Disstress), hervorgerufen durch eine negative Emotion, die als subjektive Bedrohung wahrgenommen werde, werde ein »Sparflammen«-Signal ausgesendet. Dadurch würden gewisse Funktionen im Hirn abgeschaltet. Lediglich das Verteidigungssystem im linken Gehirnbereich bliebe aktiviert. »In diesem Modus können wir nicht lernen«, erklärte der Trainer.

Das hohe Eskalationspotenzial bei jungen Männern erkläre sich dadurch, dass bei ihnen  die ohnehin aktivierte linksorientierte Gehirnhälfte mit dem ebenfalls links befindlichen Verteidigungszentrum überlappe. Da das männliche Gehirn die Handlungsorientierheit fördere, komme es so häufig zu Handgreiflichkeiten und Eskalationen. Um dies zu mindern, müsse gelernt werden, verschiedene Situationen anders zu deuten. »Es ist nicht der Stress, der uns stresst, sondern wie wir zur Situation stehen.«

Für den von Albrecht Krüger geleiteten Workshop »Umgang mit Medien« am 25. Juni von 14 bis 18 Uhr sind noch Plätze frei. Anmeldelistenlisten liegen im Einbecker Kinder- und Familienservicebüro, Hallenplan 9, aus.thp

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