»Die Landwirtschaft ist die erste aller Künste«

Landvolk Northeim-Osterode versammelte sich in Northeimer Stadthalle | Wertschätzung steigern

Ein Präsent überreichte Landvolk-Vorsitzender ­Markus Melzer an Dr. Christian Dürnberger (links) für seinen Vortrag zum Thema »Fortschritt im Wandel«. Der Referent gab einen interessanten und kurzweiligen Vortrag beim Landvolktag in der ­Northeimer Stadthalle.

Northeim. »Wir leben in turbulenten Zeiten«, sagte Markus Melzer, Vorsitzender des Landvolks Northeim-Osterode, beim Landvolktag in der Northeimer Stadthalle. Neben der zunehmend fehlenden Akzeptanz müsse man sich immer wieder neuen Regulierungen und Herausforderungen stellen wie Agrarpaket oder Düngeverordnung. Teile der Gesellschaft meinen, es besser zu wissen, treiben die Politik vor sich her und schieben der Landwirtschaft stetig den »Schwarzen Peter« zu.

Nachhaltig werde im Agrarwesen gearbeitet, seit vielen Jahrhunderten. Qualitativ hochwertige und ausreichende Produkte erfreuen die Bauern – die Verbraucher orientieren sich jedoch teilweise an irreführenden und falschen Werbeslogans wie »Essen hat einen Preis verdient, den niedrigsten«. Hohe Qualität habe einen Wert. Will man etwas Gutes haben, müsse man einen fairen Preis bezahlen – nicht den billigsten.

Stetiger Wandel und neue Herausforderungen

Zunehmendes Unverständnis, mangelnde Akzeptanz, stetige Reglementierungen und falsche Aussagen treibe immer mehr Landwirte auf die Straße. Nach einer Studie sollen 2050 mehr als zehn Milliarden Menschen auf der Erde leben, die müssen ernährt werden, so Melzer. Der größte Schatz für die Bauern sei ihr Boden, den hegen und pflegen sie. Melzer forderte, dass die Wertschätzung der Landwirte und ihrer hohen Leistung wieder zunehme.

»Gute Morgen liebe Sorgen«, das sagen sich sicherlich viele Bauern an zahleichen Vormittagen, so Superintendent Jan von Lingen. Statt zu lamentieren, sollte die Menschheit sich erfreuen, wie reichlich die Natur sie immer wieder beschenke. Von Lingen staune oft, welche Reichhaltigkeit entstehe. Diese Wunder der Natur haben einen fairen Preis verdient – das sah er als Wertschätzung und Anerkennung der Arbeit der Landwirte.

Stetigem Wandel und neuen Herausforderungen müssen sich die Bauern stellen, sagte Simon Hartmann, Bürgermeister der Stadt Northeim. Einen Spagat zwischen Anspruch der Verbraucher sowie Regularien und Fragen der Existenz gelte es immer wieder zu meistern. »Ohne die Erzeugnisse der Landwirtschaft geht es nicht«, betonte er. Die Bauern stellen einen wichtiger Teil der Gesellschaft dar, das müsse mehr honoriert werden.

»Die Landwirtschaft ist die erste aller Künste; ohne sie gäbe es keine Kaufleute, Dichter und Philosophen«, zitierte Dr. Bernd von Garmissen, stellvertretender Landrat, den preußischen König Friedrich den Großen. Den Agrarökonomen stehen stetig große Herausforderungen bevor. Eine bessere Wertschätzung eines der schönsten Berufe forderte er.

Präsenz vor Ort wichtig, von Politik bis Schule

Die Landfrauen und das Landvolk arbeiten gut zusammen, lobte Ingeborg Cramm, Vorsitzende des Kreisverbands. Gemeinsam setze man sich für den Erhalt des liebenswerten ländlichen Raums ein. Bei der Versammlung in der Northeimer Stadthalle vermisste sie die Ehefrauen, nur mit ihnen zusammen können die Männer die Betriebe erfolgreich führen.

Wichtig sei es, mit Treckern in die Städte zu fahren, um Präsenz zu zeigen und auf die Agrarbelange hinzuweisen. Gespräche mit Politikern und Bürgern seien zu führen, aber auch Alltagskompetenzen in Schulen zu vermitteln. Zahlreiche Schüler wissen nicht mehr, wie Obst und Gemüse aussehe oder wie es wachse oder geerntet werde. Landwirtschaft und Gesellschaft befruchten sich gegenseitig, das müssen wieder mehr Menschen merken.

»Fortschritt im Wandel – Folgerungen für die Landwirtschaft«, damit befasste sich Dr. Christian Dürnberger, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Messerli-Forschungsinstitut, Abteilung Ethik der Mensch-Tier-Beziehung, Wien. Immer wieder sei das Agrarwesen umstritten und werde niedergemacht. Es entstehe der Eindruck, dass die Gesellschaft gegen die Landwirtschaft sei. Nutztierhaltung werde kritisiert, aber »am Ende des Tages kaufen viele Menschen im Supermarkt landwirtschaftliche Produkte – oft Fleisch«, so Dr. Dürnberger. Neben sicheren und gesunden Nahrungsmitteln stehen Tierwohl, Umwelt- und Klimaschutz sowie Vielfalt an qualitativen Produkten im Fokus.

Zentrale Themen Umwelt, Klima und Tierwohl

Nur in Wohlstandsländern führen Menschen Debatten mit solcher Vehemenz, sagte Dr. Dürnberger. Die Menschen seien »satt«, sie leiden an keinem Mangel. Laut einer Studie zu Ernährungsgewohnheiten in Deutschland betrage die Anzahl von Vegetariern oder Veganern zusammen nur 3,7 Prozent. Zahlreiche von ihnen versuchen aber, ihre Mitmenschen zu beeinflussen.

Auch beim Pflanzenschutz forderte er eine sachlichere Debatte. Geschürtes Misstrauen liege in Politik, Wissenschaft und Risikobewertung bei der Gentechnik vor, doch werde sie sich immer weiter verbreiten – auch in Deutschland. In Umfragen sagen viele Personen, dass Qualtität und Regionalität wichtige Faktoren beim Erwerb von Fleisch darstellen, der Preis weniger. Die Menschen wünschen sich Einsatz für Tierwohl, Umwelt und Klima, die Deckung der Grundbedürfnisse erfolge nur mit wenigen Euros.

An romantischen Bildern und Idyllen der Landwirtschaft erfreuen sich zahlreiche Personen. Sie sehnen sich danach, doch sei damit nicht mehr der Bedarf zu decken. Hingegen werden »High-Tech-Bauernhöfe« abgelehnt, die gesunde und unbedenkliche Produkte erwirtschaften, sichere Arbeitsplätze im ländlichen Raum schaffen sowie gute Klimabilanz und hohe tierethische Standards aufweisen.

Dr. Dürnberger wünschte sich, dass junge Landwirte in der Ausbildung darauf vorbereitet werden, dass sie einen wunderschönen Beruf ausüben, an dem aber viele Personen Kritik äußern. Ernst sollte man mehr Themen wie Umwelt, Tierwohl und Klima nehmen, sie werden immer zentraler. Der Referent forderte mehr Kommunikation zwischen Erzeugern und Verbrauchern. Unmittelbar können sich die Landwirte mit ihren Kunden austauschen und sie in persönlichen Begegnungen von den hohen Leistungsstandards überzeugen.

Vertrauen in Landwirtschaft wieder herstellen

Auch zukünftig benötigen die Menschen die Landwirtschaft, ohne sie funktioniere es nicht, so Dr. Dürnberger. Eine Ausgliederung wie bei der Textilindustrie dürfe es nicht geben – Missionierungen durch Randgruppen auch nicht.

Abschließend sagte er, dass man für einen fairen Umgang miteinander zwischen Wissens- , Werte- und Interessenkonflikten unterscheiden müsse, moralische Scheinheiligkeit zu thematisieren sei – dies aber nicht oberlehrerhaft – sowie niemand große und modern Höfe verteufele. Das Vertrauen in die Landwirtschaft sollte wieder hergestellt werden – sie habe es verdient.

Für den interessanten und kurzweiligen Vortrag dankte Vorsitzender Markus Melzer mit einem Präsent Dr. Christian Dürnberger. Für den musikalischen Rahmen sorgte das Jagdhornbläserkoprs der Jägerschaft Northeim.mru

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